Niacin: ein Sammelname für zwei Stoffe — und eine Grenze innerhalb der Grenze
Niacin ist kein einzelner Stoff, sondern ein Sammelname für zwei nahe verwandte Verbindungen: Nicotinsäure und Nicotinamid. Daher auch die Bezeichnung Vitamin B3. Die Verordnung über die Information über Lebensmittel führt den Nährstoff als «Niacin (Vitamin PP)».
Dieser Eintrag beschreibt den Stoff und die Rechtslage. Er ist keiner Ware zugeordnet, führt keine gesundheitsbezogene Angabe und nennt keine Verzehrsempfehlung.
Zwei Moleküle, ein Name
Beide Formen tragen denselben Grundkörper: einen Pyridinring mit einer Seitengruppe am dritten Ringatom. Der Unterschied sitzt allein in dieser Seitengruppe.
Nicotinsäure ist eine Carbonsäure. PubChem führt sie unter der Summenformel C6H5NO2 mit einer molaren Masse von 123,11 Gramm je Mol; der systematische Name lautet Pyridin-3-carbonsäure.1 Nicotinamid ist das zugehörige Säureamid, also die Verbindung, bei der die Hydroxylgruppe der Säure durch eine Aminogruppe ersetzt ist: C6H6N2O, 122,12 Gramm je Mol, systematisch Pyridin-3-carboxamid.1
Bogan und Brenner halten in ihrer Übersichtsarbeit ausdrücklich fest, dass Niacin aus Nicotinsäure und Nicotinamid besteht.2 Der Sammelname ist also keine Nachlässigkeit der Alltagssprache, sondern Fachsprache. Wichtig wird er dort, wo eine Verordnung nicht «Niacin» meint, sondern eine der beiden Formen — dazu weiter unten mehr.
Warum man mit Niacin-Äquivalenten rechnet
Niacin ist unter den Vitaminen ein Sonderfall: Der menschliche Körper kann es in begrenztem Umfang selbst bilden, und zwar aus der Aminosäure Tryptophan (PubChem-Summenformel C11H12N2O2).1 Deshalb genügt es nicht, nur das Vitamin selbst zu zählen. Man rechnet in Niacin-Äquivalenten: Zum vorhandenen Niacin wird der Anteil hinzugerechnet, der sich rechnerisch aus dem Tryptophan der Nahrung ergibt.
Fukuwatari und Mitautoren nennen als allgemein gebräuchlichen Umrechnungsfaktor: 60 Milligramm Tryptophan entsprechen 1 Milligramm Niacin.3 Dieselbe Arbeit zeigt aber, dass der Faktor eine Konvention ist und kein Naturmass. Aus den gemessenen Ausscheidungsdaten einer Ernährungsstudie errechneten die Autoren einen Wert von 67 statt 60.3 Der Faktor ist also eine gerundete Verabredung für die Nährwertrechnung.
Baustein von NAD und NADP
Biochemisch ist Niacin vor allem als Bauteil zweier Coenzyme von Interesse. Ein Coenzym ist ein kleines Molekül, das ein Enzym für seine Reaktion braucht. Die beiden heissen NAD (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid) und NADP (Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid-Phosphat). In beiden steckt der Nicotinamid-Baustein, und in beiden ist er die Stelle, an der Wasserstoff aufgenommen und wieder abgegeben wird.2
Der Unterschied zwischen den beiden ist eine einzige Phosphatgruppe. Kawai und Murata beschreiben, dass sie durch die NAD-Kinase angehängt und durch eine NADP-Phosphatase wieder abgespalten wird.4 Über dieses Enzympaar wird das mengenmässige Verhältnis der beiden Coenzyme in der Zelle eingestellt.4
Das sind Aussagen der Biochemie. Was daraus für eine einzelne Person folgt, richtet sich nicht nach solchen Arbeiten, sondern nach den amtlich zugelassenen Angaben.
Vorkommen — und die gebundene Form im Getreide
Niacin kommt in vielen Lebensmitteln vor, unter anderem in Fleisch, Fisch, Hülsenfrüchten, Nüssen und Getreide. Bei Getreide gibt es allerdings eine Besonderheit, die schon lange bekannt ist.
Das und Guha isolierten 1960 aus Getreidekörnern eine gebundene Form des Niacins und beschrieben sie chemisch; sie nannten den Stoff Niacinogen.5 Der Vitaminanteil sitzt darin nicht frei vor, sondern ist an grössere Moleküle geknüpft.5 Für die Beurteilung eines Getreideerzeugnisses heisst das: Die analytisch bestimmte Gesamtmenge und der frei vorliegende Anteil sind zwei verschiedene Grössen.
Was in der Schweiz gilt
Die Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel führt Niacin in Anhang 1 Teil A. Die dortige Eintragung ist ungewöhnlich gebaut. Sie nennt eine für Erwachsene zugelassene Höchstmenge von 600 mg je empfohlener täglicher Verzehrsmenge und setzt dahinter die Bedingung: «wovon 10 mg als Nicotinsäure und Inositolhexanicotinat (Summe)».6
Die Verordnung begrenzt hier also zweierlei auf einmal. Zuerst die Gesamtmenge, dann — innerhalb dieser Gesamtmenge — den Anteil bestimmter Verbindungsformen. Für die beiden genannten Formen zusammen bleiben 10 mg; der übrige Spielraum steht nur der dritten Form offen.6
Anhang 2 derselben Verordnung nennt die zulässigen Verbindungen für Niacin:6
- Nicotinsäure
- Nicotinamid
- Inositolhexanicotinat oder Inositolniacinat
Anhang 14 der Verordnung über die Information über Lebensmittel führt für Niacin sechs zugelassene gesundheitsbezogene Angaben.7 Ihr Wortlaut ist amtlich festgelegt und darf nicht abgewandelt werden:
- «Niacin trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel bei.»
- «Niacin trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei.»
- «Niacin trägt zur normalen psychischen Funktion bei.»
- «Niacin trägt zur Erhaltung normaler Schleimhäute bei.»
- «Niacin trägt zur Erhaltung normaler Haut bei.»
- «Niacin trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei.»
Alle sechs stehen unter derselben Bedingung: Das Lebensmittel muss die Mindestanforderungen an eine Niacinquelle nach Anhang 13 Ziffer 28 erfüllen.7 Bei einem Nahrungsergänzungsmittel heisst das mindestens 15 Prozent der Referenzmenge je Tagesdosis.6 Die Referenzmenge nach Anhang 10 beträgt 16 mg, die Schwelle liegt somit bei 2,4 mg.7 Zusätzlich ist der Gehalt in den Nährwertangaben zu deklarieren.
Diese Seite beschreibt die sechs Angaben, sie führt sie nicht. Eine zugelassene Angabe darf nur für ein konkretes Erzeugnis verwendet werden, das die Bedingung nachweislich erfüllt und den Gehalt deklariert. Ein Glossareintrag ist keiner Ware zugeordnet.
Steckbrief
| Sammelname für | Nicotinsäure und Nicotinamid2 |
| Weitere Bezeichnungen | Vitamin B3; in der LIV «Niacin (Vitamin PP)»7 |
| Stoffdaten Nicotinsäure | C6H5NO2, 123,11 g/mol, Pyridin-3-carbonsäure1 |
| Stoffdaten Nicotinamid | C6H6N2O, 122,12 g/mol, Pyridin-3-carboxamid1 |
| Umrechnung | 60 mg Tryptophan gelten als 1 mg Niacin3 |
| Höchstmenge VNem | 600 mg je Tagesdosis, davon 10 mg als Nicotinsäure und Inositolhexanicotinat (Summe)6 |
| Zugelassene Angaben | sechs, LIV Anhang 14, ab 2,4 mg je Tagesdosis6, 7 |
Häufige Fragen
Ist Niacin dasselbe wie Vitamin B3?
Ja. «Niacin» und «Vitamin B3» bezeichnen dieselbe Gruppe aus Nicotinsäure und Nicotinamid. Die LIV verwendet zusätzlich die ältere Bezeichnung Vitamin PP.
Was ist der Unterschied zwischen Nicotinsäure und Nicotinamid?
Die Seitengruppe am Pyridinring. Nicotinsäure trägt eine Carbonsäuregruppe, Nicotinamid eine Amidgruppe. Chemisch sind das zwei verschiedene Stoffe mit verschiedenen Summenformeln.
Warum steht in der Höchstmenge eine zweite, kleinere Zahl?
Weil die Verordnung nicht nur die Gesamtmenge begrenzt, sondern innerhalb davon auch eine Verbindungsform. Von den 600 mg dürfen höchstens 10 mg als Summe aus Nicotinsäure und Inositolhexanicotinat vorliegen.
Was sind Niacin-Äquivalente?
Eine Rechengrösse. Sie fasst das Niacin eines Lebensmittels und den Anteil zusammen, der sich rechnerisch aus dessen Tryptophan ergibt. Üblich ist der Faktor 60 zu 1.
Welche Niacinverbindungen sind in der Schweiz zulässig?
Anhang 2 der Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel nennt Nicotinsäure, Nicotinamid sowie Inositolhexanicotinat beziehungsweise Inositolniacinat.
Warum steht auf dieser Seite keine der sechs Angaben als Aussage?
Weil eine zugelassene Angabe an ein bestimmtes Erzeugnis gebunden ist. Sie setzt einen belegten Gehalt und eine Deklaration in den Nährwertangaben voraus, und beides kann ein Glossareintrag nicht leisten.
Quellen
- PubChem, National Library of Medicine: Nicotinic acid CID 938, C6H5NO2; Nicotinamide CID 936, C6H6N2O; Inositol hexanicotinate CID 3720, C42H30N6O12; L-Tryptophan CID 6305, C11H12N2O2, abgerufen 2026. ↩
- Bogan KL, Brenner C. Nicotinic acid, nicotinamide, and nicotinamide riboside: a molecular evaluation of NAD+ precursor vitamins in human nutrition. Annu Rev Nutr. 2008;28:115–130. DOI: 10.1146/annurev.nutr.28.061807.155443, PMID: 18429699 ↩
- Fukuwatari T, Ohta M, Kimura N, Sasaki R, Shibata K. Conversion ratio of tryptophan to niacin in Japanese women fed a purified diet conforming to the Japanese Dietary Reference Intakes. J Nutr Sci Vitaminol (Tokyo). 2004;50(6):385–391. DOI: 10.3177/jnsv.50.385, PMID: 15895512 ↩
- Kawai S, Murata K. Structure and Function of NAD Kinase and NADP Phosphatase: Key Enzymes That Regulate the Intracellular Balance of NAD(H) and NADP(H). Biosci Biotechnol Biochem. 2008;72(4):919–930. DOI: 10.1271/bbb.70738 ↩
- Das ML, Guha BC. Isolation and Chemical Characterization of Bound Niacin (Niacinogen) in Cereal Grains. J Biol Chem. 1960;235(10):2971–2976. DOI: 10.1016/S0021-9258(18)64573-9 ↩
- Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel (VNem), SR 817.022.14, Anhang 1 Teil A — Niacin 600 mg, wovon 10 mg als Nicotinsäure und Inositolhexanicotinat (Summe); Anhang 2 — zulässige Verbindungen; Art. 3 Abs. 4 Bst. a. ↩
- Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel (LIV), SR 817.022.16, Anhang 14 — sechs zugelassene Angaben zu Niacin; Anhang 13 Ziffer 28 und Anhang 10 Teil A Ziffer 1 — Bedingung «Niacinquelle», Referenzmenge 16 mg. ↩
Redaktion Sanasis AG. Stoffdaten nach PubChem, Fachaussagen nach den zitierten Arbeiten, rechtliche Einordnung nach VNem und LIV im geprüften Wortlaut. Dieser Eintrag beschreibt einen Stoff und die Rechtslage; er ist keiner Ware zugeordnet und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.