Polyporus: eine Gattung der Porlinge — Systematik, Sklerotium und ein Namensfall
Polyporus ist eine Gattung der Porlinge — Ständerpilze, die ihre Sporen nicht an Lamellen tragen, sondern in feinen Röhren an der Hutunterseite. Sie gehört zur Familie Polyporaceae, Ordnung Polyporales, Klasse Agaricomycetes.1 Im Handel ist meist die Art Polyporus umbellatus gemeint.
Dieser Eintrag beschreibt Organismen und die Rechtslage. Er ist keiner Ware zugeordnet und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.
Was der Name sagt
Der Gattungsname geht auf das Griechische zurück: polys für «viel» und poros für «Pore». Genau das ist das Merkmal der Gruppe. Auf der Unterseite des Hutes sitzen dicht an dicht Röhrenmündungen, aus denen die Sporen fallen.
Aufgestellt wurde die Gattung 1729 durch Pier Antonio Micheli. Das GBIF-Backbone führt sie als akzeptierten Namen mit 282 untergeordneten Namen.1 Porlinge sind eine artenreiche Gruppe: Eine Übersicht von 2024 verzeichnet allein für China 1214 Arten aus 266 Gattungen und 55 Familien.2
Kein Schimmelpilz — eine Richtigstellung
Ältere Beschreibungen bezeichnen Polyporus als Schimmelpilz. Das ist falsch. «Schimmel» ist keine taxonomische Einheit, sondern ein Sammelname für fädig wachsende Kleinpilze, die keine grossen Fruchtkörper bilden.
Polyporus dagegen gehört zu den Ständerpilzen (Basidiomycota) und bildet makroskopische, oft zähe bis holzige Fruchtkörper. GBIF ordnet die Gattung der Klasse Agaricomycetes zu — derselben Klasse wie Champignon und Steinpilz.1
Was hier bewusst fehlt. Der Alttext dieser Seite führte den Pilz zusätzlich als nährstoffreich und nannte einzelne Vitamine und Mineralstoffe. Beides fällt weg. Nährwertangaben gehören zu einem bestimmten Erzeugnis mit bestimmter Zusammensetzung, nicht zu einer Gattung — und diese Seite ist keiner Ware zugeordnet.
Polyporus oder Dendropolyporus? Ein Namensfall
Die Art, die im Handel gemeint ist, heisst im deutschen Sprachraum Eichhase. Ihre Namensgeschichte ist verwickelt:
- Christiaan Hendrik Persoon beschrieb sie als Boletus umbellatus — dieser Name ist das Basionym.3
- Elias Magnus Fries stellte sie 1821 in seinem Systema Mycologicum auf Seite 354 in die Gattung Polyporus. Seither lautet der Name Polyporus umbellatus (Pers.) Fr.4
- 1982 stellte Walter Jülich sie in eine eigene Gattung: Dendropolyporus umbellatus.5
Der heutige Stand ist eindeutig. GBIF und Index Fungorum führen beide Polyporus umbellatus als akzeptierten Namen; Dendropolyporus umbellatus steht dort als Synonym, und die Gattung Dendropolyporus selbst wird auf Polyporus zurückgeführt.4, 5, 6
Der Streit hat einen sachlichen Kern. Eine molekulargenetische Arbeit von 2008 verglich drei Genabschnitte und zeigte, dass Polyporus polyphyletisch ist: Die Gattung fällt in sechs Hauptgruppen auseinander, in die auch verwandte Gattungen hineinfallen. Die Autorinnen und Autoren halten eine Revision für nötig.7 Bis dahin bleibt der Name der Datenbanken massgeblich — ein Fall wie bei Cordyceps.
Das Sklerotium: der eigentliche Körper liegt im Boden
Der Fruchtkörper ist nur der sichtbare Teil. Er geht aus einem Sklerotium hervor — einem verdichteten Dauerkörper aus Pilzgeflecht, der unterirdisch liegt und dort über längere Zeit bleibt.
Diese Sklerotien wachsen nicht allein. Sie stehen in Verbindung mit einem zweiten Pilz, dem Hallimasch (Armillaria), und liegen nahe den Wurzeln von Birke, Eiche oder Ahorn im Bergwald. Eine Arbeit von 2025 hält fest, dass das Wachstum des Sklerotiums massgeblich von dieser Verbindung abhängt; untersucht wurde sie an Armillaria gallica.8
Wie lange die Bildung dauert, hat ein Kulturversuch gezeigt. Nach einer Kältebehandlung erschienen die ersten Sklerotienanlagen am 60. Tag, reif waren sie am 105. Tag.9
Auch der Lebenszyklus ist untersucht. Eine Arbeit von 2024 beschrieb erstmals die ungeschlechtliche Vermehrung über Arthrokonidien — Sporen, die durch Zerfall von Pilzfäden entstehen. Dikaryotische Fäden, also solche mit zwei Zellkernen, tragen dabei die für Ständerpilze kennzeichnenden Schnallen; einkernige Fäden tragen sie nicht.10
Verwechslung mit Maitake
Ein zweiter Porling sieht ähnlich aus: Grifola frondosa, im Handel Maitake. Auch er bildet viele Hüte an einem verzweigten Strunk. Drei Unterschiede trennen die beiden sauber:
- Familie. Polyporus umbellatus gehört zu den Polyporaceae, Grifola frondosa zu den Grifolaceae.4, 11
- Ursprung. Der Eichhase geht aus einem unterirdischen Sklerotium hervor, Maitake wächst am Stammfuss und an Stümpfen von Laubbäumen.
- Namen. Im Japanischen heisst der Eichhase チョレイマイタケ — der Wortbestandteil «maitake» steckt darin, gemeint ist aber ein anderer Pilz.
Der englische Name in der GBIF-Datenbank lautet «Umbrella Polypore». Verzeichnet sind dort über 3300 Fundmeldungen der Art, davon rund 250 aus der Schweiz.4
Steckbrief
| Gattung | Polyporus P. Micheli, 1729 |
| Art im Handel | Polyporus umbellatus (Pers.) Fr., Eichhase |
| Basionym | Boletus umbellatus Pers. |
| Synonym | Dendropolyporus umbellatus (Pers.) Jülich |
| Systematik | Basidiomycota, Agaricomycetes, Polyporales, Polyporaceae |
| Dauerkörper | unterirdisches Sklerotium |
| Umfeld | Wurzelbereich von Birke, Eiche, Ahorn; Verbindung zu Armillaria |
| Eintrag in LIV Anhang 14 | keiner |
Wie die Rechtslage einzuordnen ist
In Anhang 14 der LIV steht kein Eintrag zu Polyporus.12 Damit gibt es zu diesem Pilz keine zulässige gesundheitsbezogene Angabe — auch keine umschriebene oder bloss angedeutete.
Im Anhang 1 der VNem ist er ebenfalls nicht genannt. Die Leserichtung ist hier wichtig: Teil A für Vitamine und Mineralstoffe ist abschliessend, Teil B für sonstige Stoffe ist es nicht.13 Aus dem Fehlen in Teil B folgt deshalb kein Verbot.
Über die Verkehrsfähigkeit entscheidet in diesem Fall das Novel-Food-Recht. Massgeblich ist dabei die Erzeugnisform, nicht der Artname: Ganzer Pilz und isolierter Auszug sind getrennt zu beurteilen. Die Prüfung gehört in die Selbstkontrolle des Inverkehrbringers.
Häufige Fragen
Ist Polyporus ein Schimmelpilz?
Nein. Es ist eine Gattung der Porlinge und damit der Ständerpilze. Schimmel ist ein Sammelname für fädig wachsende Kleinpilze ohne grosse Fruchtkörper und keine taxonomische Gruppe.
Heisst die Art nun Polyporus oder Dendropolyporus umbellatus?
Polyporus umbellatus. GBIF und Index Fungorum führen diesen Namen als akzeptiert; Dendropolyporus umbellatus gilt dort als Synonym.
Was ist ein Sklerotium?
Ein verdichteter Dauerkörper aus Pilzgeflecht. Er liegt bei dieser Art im Boden, überdauert dort und bringt später den Fruchtkörper hervor.
Welche Rolle spielt der Hallimasch?
Das Sklerotium steht mit ihm in Verbindung, und sein Wachstum hängt massgeblich davon ab. Untersucht wurde diese Verbindung unter anderem an Armillaria gallica.
Worin unterscheidet sich der Eichhase von Maitake?
In der Familie und im Ursprung. Grifola frondosa gehört zu den Grifolaceae und wächst am Stammfuss von Laubbäumen; Polyporus umbellatus gehört zu den Polyporaceae und geht aus einem unterirdischen Sklerotium hervor.
Warum steht hier nichts über Wirkungen?
Weil gesundheitsbezogene Angaben nur zulässig sind, wenn sie in Anhang 14 der LIV stehen. Für diese Gattung ist dort kein Eintrag vorhanden.
Quellen
- GBIF Backbone Taxonomy: Polyporus P. Micheli, 1729 usageKey 11200098, akzeptierter Name, Familie Polyporaceae, abgerufen 2026. ↩
- Xu TM, Wu DM, Gao N, Liu S, Sun YF, Cui BK. Species diversity, taxonomic classification and ecological habits of polypore fungi in China. Mycology. 2024;16(2):419–544. DOI: 10.1080/21501203.2024.2384567 · PMID: 40415919 ↩
- GBIF Backbone Taxonomy: Boletus umbellatus Pers. usageKey 5954552, Basionym, dort als Synonym geführt, abgerufen 2026. ↩
- GBIF Backbone Taxonomy: Polyporus umbellatus (Pers.) Fr. usageKey 5246840, akzeptierter Name, veröffentlicht in Systema Mycologicum 1: 354 (1821), abgerufen 2026. ↩
- GBIF Backbone Taxonomy: Dendropolyporus umbellatus (Pers.) Jülich usageKey 9152561, dort als Synonym geführt, abgerufen 2026. ↩
- Index Fungorum, Kew Mycology: Einträge Polyporus umbellatus und Dendropolyporus umbellatus, aktueller Name jeweils Polyporus umbellatus, Stand 27.08.2025, abrufbar über Index Fungorum. ↩
- Sotome K, Hattori T, Ota Y, To-anun C, Salleh B, Kakishima M. Phylogenetic relationships of Polyporus and morphologically allied genera. Mycologia. 2008;100(4):603–615. DOI: 10.3852/07-191r · PMID: 18833753 ↩
- Zhou L, Liu L, Gao W, Li B, Guo S. Symbiotic relationship between Polyporus umbellatus and Armillaria gallica shapes rhizosphere bacterial community structure and promotes fungal growth. Frontiers in Microbiology. 2025;16:1658060. DOI: 10.3389/fmicb.2025.1658060 · PMID: 41019521 ↩
- Xing YM, Zhang LC, Liang HQ, Lv J, Song C, Guo SX, Wang CL, Lee TS. Sclerotial Formation of Polyporus umbellatus by Low Temperature Treatment under Artificial Conditions. PLoS ONE. 2013;8(2):e56190. DOI: 10.1371/journal.pone.0056190 · PMID: 23437090 ↩
- Li S, Li B, Xu X, Liu Y, Xing Y, Guo S. Insight into the nuclear distribution patterns of conidia and the asexual life cycle of Polyporus umbellatus. Fungal Biology. 2024;128(6):2032–2041. DOI: 10.1016/j.funbio.2024.08.001 · PMID: 39174238 ↩
- GBIF Backbone Taxonomy: Grifola frondosa (Dicks.) Gray usageKey 2540800, Familie Grifolaceae, abgerufen 2026. ↩
- Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel (LIV), SR 817.022.16, Anhang 14 — kein Eintrag zu Polyporus. ↩
- Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel (VNem), SR 817.022.14, Anhang 1 Teil A und Teil B. ↩
Redaktion Sanasis AG, Stand August 2026. Gattungs- und Artnamen über GBIF und Index Fungorum geprüft, Fachliteratur über PubMed und Europe PMC recherchiert und über Crossref bestätigt. Die rechtliche Einordnung folgt LIV und VNem im geprüften Wortlaut. Dieser Eintrag beschreibt Organismen und die Rechtslage; er ist keiner Ware zugeordnet und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.