Rizinusöl: Pflanze, Gewinnung und rechtliche Grenzen
Rizinusöl ist das fette Öl aus den Samen des Wunderbaums (Ricinus communis L.). Es besteht zu rund 85 bis 90 Prozent aus Ricinolsäure, einer Fettsäure, die sonst kaum vorkommt. Für Lebensmittel ist der Samen des Rizinus in der Schweiz nicht zugelassen — die Pflanze steht mit dem Pflanzenteil «Samen» in der Verbotsliste der Verordnung über Lebensmittel pflanzlicher Herkunft. In der Kosmetik gilt ein anderes Regelwerk.
Die Pflanze
Der Wunderbaum gehört zu den Wolfsmilchgewächsen (Euphorbiaceae) und ist die einzige Art seiner Gattung. In den Tropen wächst er als mehrjähriger Strauch oder kleiner Baum und wird mehrere Meter hoch. In gemässigten Breiten zieht man ihn einjährig, meist als Zierpflanze wegen der grossen, handförmig geteilten Blätter.
Die Früchte sind stachelige Kapseln mit meist drei Samen. Die Samen sind glatt, glänzend und braun-weiss gemustert; die Zeichnung erinnert an eine Zecke, worauf der Gattungsname zurückgeht — lateinisch ricinus bedeutet Zecke.
⚠️ Warum der Samen nicht in Lebensmittel gehört
Der Rizinussamen enthält Ricin, ein hochgiftiges Eiweiss aus der Gruppe der Lektine. Ricin ist wasserlöslich und geht beim Kaltpressen nicht in das Öl über; es verbleibt im Presskuchen. Durch Erhitzen wird es zerstört. Der ungeschützte Samen selbst ist jedoch für Menschen und Tiere gefährlich.
Das Schweizer Recht zieht daraus eine klare Linie. Anhang 1 der Verordnung des EDI über Lebensmittel pflanzlicher Herkunft, Pilze und Speisesalz1 listet die Pflanzen und Pflanzenteile auf, deren Verwendung in Lebensmitteln nicht zulässig ist. Dort steht:
| Botanische Bezeichnung | Ricinus communis L. |
| Deutsche Bezeichnung | Rizinus |
| Pflanzenteil | Samen |
| Bemerkungen | keine — die Nennung gilt uneingeschränkt |
Artikel 3 der Verordnung erfasst nicht nur den Pflanzenteil selbst, sondern auch die daraus hergestellten Zubereitungen.1 Rizinusöl wird aus dem Samen gepresst und fällt damit unter die Regelung. Sanasis führt kein Rizinusöl als Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel.
Ricinolsäure — was das Öl besonders macht
Rizinusöl unterscheidet sich chemisch von allen anderen gebräuchlichen Pflanzenölen. Sein Hauptbestandteil ist Ricinolsäure, eine einfach ungesättigte Fettsäure mit 18 Kohlenstoffatomen, die zusätzlich eine Hydroxygruppe trägt. Diese Hydroxygruppe kommt bei Fettsäuren selten vor.
Sie erklärt die auffälligen physikalischen Eigenschaften: Rizinusöl ist deutlich zähflüssiger als andere Pflanzenöle, es löst sich anders als diese in Alkohol, und es bleibt auch bei tiefen Temperaturen flüssig. In der Technik wird es unter anderem zu Schmierstoffen, Beschichtungen und Kunststoffbausteinen weiterverarbeitet.
Gewinnung
Die Samen werden geschält und kalt gepresst; das erste Pressgut gilt als hochwertigste Qualität. Aus dem Presskuchen lässt sich mit Lösungsmitteln weiteres Öl gewinnen, das aber technisch verwendet wird.
Der Presskuchen selbst enthält das Ricin und ist nicht verwendbar, solange er nicht durch Erhitzen entgiftet wurde. In der Ölmühle ist die Trennung dieser beiden Ströme deshalb ein Sicherheitsschritt, kein blosser Verfahrensschritt.
Technische Verwendung
Weit über neunzig Prozent der Welternte gehen in technische Anwendungen. Die Hydroxygruppe der Ricinolsäure ist ein chemischer Anknüpfungspunkt, den andere Pflanzenöle nicht bieten — sie lässt sich verestern, dehydratisieren oder spalten.
Daraus entstehen unter anderem Schmierstoffe, die auch bei tiefen Temperaturen fliessfähig bleiben, Lacke und Beschichtungen sowie Ausgangsstoffe für Kunststoffe. Ein Beispiel ist Sebacinsäure, ein Baustein bestimmter Polyamide, der durch alkalische Spaltung von Ricinolsäure gewonnen wird. Auch gehärtetes Rizinusöl, in der Technik als Rizinuswachs bezeichnet, wird breit eingesetzt.
Die Hauptanbauländer sind Indien, Mosambik und Brasilien; Indien stellt den weitaus grössten Teil der Welternte.
Geschichte
Rizinussamen gehören zu den ältesten nachgewiesenen Nutzpflanzenfunden. Sie wurden in altägyptischen Grabbeigaben gefunden, und antike Autoren beschreiben die Verwendung des Öls als Lampenbrennstoff und in Salben.
Der Anbau als Ölpflanze im industriellen Massstab setzte im 19. und 20. Jahrhundert ein, getrieben von der Nachfrage nach Schmierstoffen. Die alte Verwendung im Heilbereich ist historisch belegt, sagt aber nichts über die heutige lebensmittelrechtliche Zulässigkeit aus — diese richtet sich allein nach den geltenden Verordnungen.
Verwendung in Kosmetik
Kosmetische Mittel unterliegen einem eigenen Regelwerk mit eigenen Stofflisten. Dort ist Rizinusöl unter der internationalen Bezeichnung Ricinus Communis Seed Oil ein gebräuchlicher Bestandteil, etwa in Seifen, Lippenpflege und Haarpflege. Auch das gehärtete Öl und daraus abgeleitete Verbindungen sind verbreitet.
Was ein kosmetisches Mittel über sich aussagen darf, ist ebenfalls geregelt: Artikel 53 der Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung2 zählt die zulässigen Wirkorte und Zwecke abschliessend auf. Eine Aussage über innere Organe oder über Krankheiten gehört nicht dazu.
| Stammpflanze | Ricinus communis L., Wunderbaum |
| Familie | Euphorbiaceae (Wolfsmilchgewächse) |
| Verwendeter Teil | Samen (nur ausserhalb des Lebensmittelbereichs) |
| Hauptfettsäure | Ricinolsäure, rund 85–90 Prozent |
| Artdatenbank | GBIF usageKey 53800413 |
| Lebensmittelrecht | Samen in VLpH Anhang 1 — nicht zulässig1 |
| Zugelassene Angabe | keine |
Häufige Fragen
Darf Rizinusöl in Lebensmitteln verwendet werden?
Nein. Ricinus communis L. steht mit dem Pflanzenteil «Samen» in Anhang 1 der Verordnung über Lebensmittel pflanzlicher Herkunft, und Artikel 3 erfasst auch die daraus hergestellten Zubereitungen.1 Rizinusöl wird aus dem Samen gepresst.
Enthält das Öl Ricin?
Ricin ist wasserlöslich und geht beim Pressen nicht in das Öl über; es verbleibt im Presskuchen. Das ändert nichts an der lebensmittelrechtlichen Einordnung, denn diese knüpft an den Pflanzenteil an, nicht an einen Gehaltswert.
Warum ist Rizinusöl in Kosmetik trotzdem verbreitet?
Weil kosmetische Mittel einem anderen Regelwerk mit anderen Stofflisten unterliegen als Lebensmittel. Unter der Bezeichnung Ricinus Communis Seed Oil ist das Öl ein gebräuchlicher kosmetischer Bestandteil.
Was ist Ricinolsäure?
Eine einfach ungesättigte Fettsäure mit 18 Kohlenstoffatomen und einer zusätzlichen Hydroxygruppe. Sie macht 85 bis 90 Prozent des Öls aus und erklärt dessen hohe Zähflüssigkeit und die ungewöhnliche Löslichkeit in Alkohol.
Woher kommt der Name Rizinus?
Vom lateinischen ricinus für Zecke. Die braun-weiss gemusterten, glänzenden Samen erinnerten den Namensgeber an das Tier.
Redaktionell verfasst und geprüft durch die Redaktion der Sanasis AG. Zuletzt geprüft am 12.08.2026.
Quellen
- Verordnung des EDI über Lebensmittel pflanzlicher Herkunft, Pilze und Speisesalz (SR 817.022.17), Anhang 1 und Artikel 3 — SR 817.022.17 ↩
- Artikel 53 der Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung ↩
- Artdatenbank Ricinus communis L. — GBIF usageKey 5380041 ↩