Acerola (Malpighia emarginata): Pflanze & Inhaltsstoffe
Lexikon · Pflanzenkunde
Acerola (Malpighia emarginata) ist die kirschartige Frucht eines immergrünen Strauchs aus der Familie der Malpighiengewächse (Malpighiaceae). Die Pflanze ist im tropischen Amerika heimisch.
Bekannt ist die Frucht vor allem für ihren aussergewöhnlich hohen natürlichen Gehalt an Ascorbinsäure (Vitamin C). Diesen Befund publizierten Forscher in Puerto Rico 1946 erstmals.1 Daneben enthält die Frucht Anthocyane, Flavonole, Hydroxyzimtsäuren, Carotinoide und Fruchtsäuren. Dieser Lexikonartikel fasst Botanik, Herkunft, Zusammensetzung, Verarbeitung, Forschungsstand und überlieferte Verwendung zusammen. Er ist rein informativ. Er bezieht sich auf kein bestimmtes Produkt und trifft keine Aussage über einen gesundheitlichen Nutzen.
Steckbrief Acerola
| Wissenschaftlicher Name | Malpighia emarginata DC. |
|---|---|
| Synonyme (ältere Literatur) | Malpighia glabra, Malpighia punicifolia |
| Familie / Ordnung | Malpighiengewächse (Malpighiaceae) / Malpighienartige (Malpighiales) |
| Deutsche Namen | Acerolakirsche, Barbadoskirsche, Westindische Kirsche |
| Regionale Namen | cereza, semeruco (spanischsprachiger Raum), acerola (Brasilien) |
| Wuchsform | Immergrüner Strauch oder kleiner Baum, meist 2 bis 3 Meter hoch |
| Frucht | Steinfrucht, 1 bis 3 cm, rot bis dunkelrot, in der Regel 3 Steinkerne |
| Zeit von der Blüte zur reifen Frucht | Rund 3 bis 4 Wochen |
| Natürliches Verbreitungsgebiet | Tropisches Amerika: Yucatán, Mittelamerika, Antillen, nördliches Südamerika |
| Wirtschaftlich wichtigstes Anbauland | Brasilien |
| Auffälligster Inhaltsstoff | Ascorbinsäure (Vitamin C); Analysen frischer Früchte nennen etwa 1,0 bis 4,5 Prozent3 |
Was ist Acerola botanisch?
Acerola ist die Frucht eines Strauchs oder kleinen Baums mit dem wissenschaftlichen Namen Malpighia emarginata DC. In älterer Literatur und im Handel finden Sie auch die Synonyme Malpighia glabra und Malpighia punicifolia. Deshalb meinen Angaben aus verschiedenen Quellen nicht immer dieselbe Pflanze. Deutsche und regionale Namen sind Acerolakirsche, Barbadoskirsche und Westindische Kirsche. Im spanischsprachigen Raum heisst sie cereza oder semeruco, in Brasilien schlicht acerola.
Diese Merkmale kennzeichnen die Pflanze:
- Wuchs: meist zwei bis drei Meter hoch, unter günstigen Bedingungen auch höher.
- Blätter: gegenständig, ganzrandig und immergrün.
- Blüten: klein, fünfzählig, rosa bis hellviolett, mit gestielten und gefransten Kronblättern.
- Elaiophore: paarige Drüsen an der Aussenseite des Kelchs. Sie geben statt Nektar fettes Öl ab. Das ist ein Familienmerkmal der Malpighiaceae. Spezialisierte ölsammelnde Wildbienen fliegen diese Drüsen an – eine der klassischen Bestäubungs-Beziehungen der Neotropis.
- Frucht: kleine Steinfrucht von rund einem bis drei Zentimetern Durchmesser. Sie ist leuchtend rot bis dunkelrot, oft schwach dreilappig, das Fruchtfleisch ist weich und saftig.
- Samen: im Inneren sitzen in der Regel drei kantige, geflügelte Steinkerne.
Mit der echten Kirsche ist Acerola trotz des Namens nicht näher verwandt. Die echte Kirsche gehört zur Gattung Prunus und zu den Rosengewächsen. Die Ähnlichkeit beschränkt sich auf Grösse, Form und Farbe.
Woher stammt Acerola und wo wird sie angebaut?
Das natürliche Verbreitungsgebiet liegt im tropischen Amerika. Dazu gehören die Halbinsel Yucatán, Mittelamerika, die Antillen und das nördliche Südamerika. In vielen dieser Regionen wächst Acerola bis heute als Hausgarten- und Heckenpflanze. Sie braucht ein warmes, frostfreies Klima und kommt mit sandigen bis lehmigen Böden zurecht. Schon wenige Jahre nach der Pflanzung trägt sie Früchte. Zwischen Blüte und reifer Frucht vergehen nur rund drei bis vier Wochen. Deshalb sind in tropischen Anbaugebieten mehrere Ernteschübe pro Jahr möglich.
Der Name geht auf das spanische acerola zurück. Dieses Wort bezeichnete ursprünglich die mediterrane Azarole (Crataegus azarolus) und wird seinerseits auf das arabische az-zu’rur zurückgeführt. Wegen der äusseren Ähnlichkeit übertrug man das Wort später auf die amerikanische Frucht. Solche Namensübertragungen kommen in der Kolonialbotanik häufig vor. Sie führen bis heute zu Verwechslungen.
Wirtschaftlich dominiert heute Brasilien. Berichten zufolge gelangte die Pflanze Mitte der 1950er-Jahre über Saatgut aus Puerto Rico in den Nordosten des Landes, nach Pernambuco. Von dort verbreitete sie sich im ganzen Anbaugürtel.
| Region | Bedeutung |
|---|---|
| Yucatán, Mittelamerika, Antillen, nördliches Südamerika | Natürliches Verbreitungsgebiet; bis heute Hausgarten- und Heckenpflanze |
| Puerto Rico | Ort der wissenschaftlichen Erstbeschreibung 1946; Herkunft des Saatguts für Brasilien |
| Brasilien (Nordosten, ab Pernambuco) | Wirtschaftlich führendes Anbauland; eigene Züchtungen der Agrarforschung Embrapa2 |
| Mexiko, Venezuela, Karibik, Florida, Hawaii | Weitere Anbaugebiete |
Die brasilianische Agrarforschung (Embrapa) züchtete eigene Sorten. Sie unterscheiden sich deutlich in Farbe, Säure und Gehalt an Einzelstoffen:2
- BRS 235 Apodi
- BRS 236 Cereja
- BRS 237 Roxinha
Woraus besteht die Acerolafrucht?
Das auffälligste stoffliche Merkmal ist der sehr hohe natürliche Gehalt an Ascorbinsäure. Er zählt zu den höchsten unter allen bekannten Früchten und liegt um ein Vielfaches über dem von Zitrusfrüchten. Die Messwerte schwanken allerdings erheblich. Analysen nennen für frische Früchte Grössenordnungen von etwa 1,0 bis 4,5 Prozent Ascorbinsäure. Die Spanne hängt von Sorte, Standort, Erntezeitpunkt und Analytik ab.3
Historisch war genau dieser Wert der Auslöser des internationalen Interesses. 1946 berichteten Conrado F. Asenjo und Ana Rosa Freire de Guzmán über den aussergewöhnlichen Ascorbinsäure-Gehalt der «West Indian cherry».1 Beide forschten an der School of Tropical Medicine in San Juan. Eine ausführliche Charakterisierung folgte 1950.4
Bemerkenswert ist der Verlauf während der Reife. Die unreife, grüne Frucht enthält am meisten Ascorbinsäure. Beim Ausfärben nimmt der Gehalt deutlich ab. Eine vollreife rote Acerola kann rund die Hälfte davon verlieren.3 Bei den roten Farbstoffen ist es genau umgekehrt: Sie entstehen erst gegen Ende der Reife. Der Erntezeitpunkt ist damit eine Abwägung. Das ist der Grund, warum Rohware für unterschiedliche Verwendungen unterschiedlich früh gepflückt wird.
Kurz erklärt: die wichtigsten Fachbegriffe
- Ascorbinsäure – die chemische Bezeichnung für Vitamin C.
- Anthocyane – rote bis violette Farbstoffe aus Pflanzen.
- Flavonole – eine Gruppe pflanzlicher Farb- und Gerbstoffe, zum Beispiel Quercitrin.
- Carotinoide – gelbe bis orange Farbstoffe aus Pflanzen, etwa Beta-Carotin.
- Steinfrucht – eine Frucht mit weichem Fleisch und hartem Kern.
- Phytochemie – die Lehre von den Inhaltsstoffen der Pflanzen.
Neben der Ascorbinsäure ist die Frucht phytochemisch gut charakterisiert. Isoliert und beschrieben wurden unter anderem die Anthocyane Cyanidin-3-O-rhamnosid und Pelargonidin-3-O-rhamnosid sowie das Flavonol Quercitrin (Quercetin-3-O-rhamnosid).5 In brasilianischen Sorten war Cyanidin-3-rhamnosid die mengenmässig wichtigste phenolische Verbindung, mit Werten von 149 bis 682 mg je Kilogramm Frischgewicht.2 Die Spannweite zwischen den Sorten ist also beträchtlich.
| Stoffgruppe | Nachgewiesene Einzelstoffe | Angaben aus der Literatur |
|---|---|---|
| Ascorbinsäure | Vitamin C | Etwa 1,0 bis 4,5 Prozent in frischen Früchten3 |
| Anthocyane | Cyanidin-3-O-rhamnosid, Pelargonidin-3-O-rhamnosid | Cyanidin-3-rhamnosid: 149 bis 682 mg je kg Frischgewicht2, 5 |
| Flavonole | Quercitrin, Quercetin-3-glucosid | In Polyphenol- und Sortenanalysen nachgewiesen2, 5 |
| Hydroxyzimtsäuren | Chlorogensäure | In brasilianischen Sorten bestimmt2 |
| Weitere Phenole | Catechin, Procyanidin A2, Naringenin, Hesperidin | In sieben brasilianischen Sorten bestimmt2 |
| Fruchtsäuren und Zucker | Vor allem Äpfelsäure; Glucose und Fructose | Prägen den sehr sauren Geschmack |
| Ballaststoffe und Mineralstoffe | Kalium, Calcium, Magnesium, Eisen, Mangan | Bestandteil der Fruchtmatrix |
Ernte, Verarbeitung und Handelsformen
Die reife Acerola ist sehr weich und druckempfindlich. Sie hält sich nur wenige Tage. Deshalb pflücken die Betriebe sie von Hand und verarbeiten sie rasch weiter: kühlen, frieren, pressen oder trocknen. Weil der Ascorbinsäure-Gehalt in der unreifen Frucht am höchsten ist, wird Rohware für Pulver und Extrakte häufig grün geerntet.
| Handelsform | Typischer Erntezeitpunkt | Anmerkung |
|---|---|---|
| Gefrorenes Fruchtmark | rot / vollreif | In Brasilien polpa congelada |
| Direktsaft und Konzentrat | rot / vollreif | Basis für Saftbars und Getränke |
| Getrocknetes Pulver | grün / unreif | Trocknung ist ein eigenes technologisches Thema |
| Extrakt | grün / unreif | Zusammensetzung hängt stark vom Verfahren ab |
Ascorbinsäure und Anthocyane sind wärme- und sauerstoffempfindlich. Deshalb ist die Trocknung ein eigenes technologisches Thema. Untersucht werden unter anderem diese Verfahren:
- Sprüh- und Gefriertrocknung mit Trägerstoffen wie Gummi arabicum und Maltodextrin.6
- Gefrierkonzentrierung von Fruchtmark.7
- Temperaturgeregelte Mikrowellen- und Hybridtrocknung. Dabei wird die Leistung über eine Infrarot-Messung der Oberflächentemperatur nachgeführt.8
Ziel dieser Verfahren ist es, hitzeempfindliche Inhaltsstoffe während der Trocknung zu erhalten. Das ist eine rein verfahrenstechnische Fragestellung.
Bei der Saft- und Püree-Herstellung fallen erhebliche Nebenströme an. Trester, Schalen und Kerne machen nach Angaben einer Übersichtsarbeit rund 20 bis 60 Prozent der Fruchtbiomasse aus. Sie enthalten ihrerseits phenolische Verbindungen.9 Entsprechend beschäftigt sich ein ganzer Zweig der Lebensmitteltechnologie mit der Aufwertung dieser Reststoffe, etwa über ultraschallgestützte oder subkritische Wasserextraktion.10
Forschung & Untersuchungsbereiche
Acerola gehört zu den gut untersuchten tropischen Früchten. Die folgenden Absätze beschreiben, welche Fragestellungen Gegenstand der wissenschaftlichen Literatur sind. Sie sagen nicht, dass daraus ein gesundheitlicher Nutzen abgeleitet wäre.
Einordnung der Datenlage
Ein sehr grosser Teil der Befunde stammt aus Labor- (in vitro) und Tiermodellen. Für den Menschen ist die Bedeutung in den meisten Punkten offen. Übersichtsarbeiten benennen als Limitationen ausdrücklich die methodische Heterogenität, die geringe Zahl kontrollierter Humanstudien und die unzureichende Charakterisierung der untersuchten Fraktionen.9
Analytik und Reifephysiologie. Ein etablierter Forschungsstrang untersucht, wie sich Ascorbinsäure und Farbstoffe während Reife, Lagerung und Verarbeitung verändern. Eine zweite Frage lautet, wie sich das schnell und zerstörungsfrei messen lässt, etwa mit Nahinfrarot-Spektroskopie zur Qualitätsbewertung der Früchte.3 Hier geht es um Messtechnik und Rohstoffqualität, nicht um Wirkung.
Phytochemische Charakterisierung. Zahlreiche Arbeiten identifizieren und quantifizieren Einzelverbindungen. Aus der Frucht wurden Anthocyane und Quercitrin isoliert und strukturell aufgeklärt.5 Massenspektrometrische Untersuchungen von Extrakten nennen Ascorbinsäure, Kaempferol, Quercetin und Isorhamnetin als mengenmässig auffällige Verbindungen.10 Auch die oberirdischen Pflanzenteile jenseits der Frucht sind Gegenstand phytochemischer Arbeiten. 2014 wurden aus ihnen drei bis dahin unbekannte Tetranorditerpene beschrieben und als Acerolanine A bis C benannt.11 Solche Arbeiten erweitern das chemische Inventar der Art. Über eine Anwendung sagen sie nichts aus.
Sortenvergleiche. Untersuchungen an sieben brasilianischen Sorten aus dem semiariden São-Francisco-Tal zeigten: Zusammensetzung und gemessene antioxidative Kapazität hängen stark vom Genotyp ab. Neben Cyanidin-3-rhamnosid wurden unter anderem Quercetin-3-glucosid, Catechin, Procyanidin A2, Naringenin, Hesperidin und Chlorogensäure nachgewiesen.2 Der Begriff «antioxidative Kapazität» bezeichnet dabei einen im Reagenzglas gemessenen chemischen Kennwert. Er beschreibt keine Wirkung im Körper.
Aufnahme und Ausscheidung von Ascorbinsäure. Eine kleine japanische Humanstudie aus dem Jahr 2011 verglich bei gesunden jungen Männern zwei Zubereitungen. Die eine war eine reine Ascorbinsäure-Lösung, die andere eine verdünnte Acerolasaft-Zubereitung mit derselben Ascorbinsäure-Menge. Gemessen wurden die Verläufe im Blutplasma und im Urin. Die Autoren berichteten für die Saftvariante tendenziell höhere Plasmaverläufe und eine geringere Ausscheidung über den Urin in den ersten Stunden. Sie diskutierten einen Einfluss weiterer Saftbestandteile auf Aufnahme und Ausscheidung.12 Die Studie ist klein, unverblindet und auf eine Population begrenzt. Sie beschreibt einen pharmakokinetischen Befund und keinen gesundheitlichen Nutzen.
Übersichtsarbeiten und offene Fragen. Zusammenfassende Arbeiten ordnen Acerola und ihre Nebenprodukte als phytochemisch reichhaltige Matrix ein. Sie referieren Untersuchungen zu Redox-Homöostase, entzündungsbezogenen Signalwegen und Lipidstoffwechsel, überwiegend aus Tierversuchen unter fettreicher Fütterung.9 Eine Übersicht aus dem Jahr 2024 fasst speziell die entzündungsbezogene Literatur zu Frucht und Blättern zusammen.13 Beide Arbeiten betonen, dass belastbare klinische Daten fehlen. Dosis-Wirkungs-Beziehungen, Bioverfügbarkeit und die genaue Charakterisierung der untersuchten Fraktionen müssen erst noch systematisch geklärt werden. Der ehrliche Zwischenstand lautet also: viel Chemie, viel Präklinik, wenig Humanevidenz.
| Untersuchungsfeld | Art der Untersuchung | Was daraus folgt |
|---|---|---|
| Analytik und Reifephysiologie3 | Messtechnik an Früchten | Aussagen zu Rohstoffqualität, nicht zu Wirkung |
| Phytochemische Charakterisierung5, 10, 11 | Isolierung und Strukturaufklärung | Erweitert das chemische Inventar der Art |
| Sortenvergleiche2 | Analytik im Reagenzglas | Chemische Kennwerte je Genotyp |
| Aufnahme und Ausscheidung12 | Kleine, unverblindete Humanstudie | Pharmakokinetischer Befund, kein Nutzen |
| Übersichtsarbeiten9, 13 | Zusammenfassung, überwiegend Präklinik | Belastbare klinische Daten fehlen |
| Verfahrenstechnik6, 7, 8, 10 | Trocknung, Konzentrierung, Extraktion | Rein technologische Fragestellung |
Traditionelle Anwendungsgebiete und Kulturgeschichte
Die folgenden Angaben geben die kulturhistorische und ethnobotanische Überlieferung wieder. Sie beschreiben, wie Menschen die Pflanze in ihren Herkunftsregionen genutzt haben. Sie sind ausdrücklich keine Aussage über eine gesundheitliche Wirkung.
In der Karibik, auf Yucatán und im nördlichen Südamerika ist Acerola eine klassische Hausgarten- und Hofpflanze. Der Strauch steht am Hausrand oder als Hecke. Die Früchte isst man reif vom Zweig oder verwertet sie in der Familienküche, denn für den Transport eignen sie sich kaum.
Überliefert sind vor allem einfache häusliche Zubereitungen:
- gesüsste Fruchtgetränke (refrescos, fresco de cereza)
- Sirup
- Konfitüre und Gelee
- eingelegte Früchte
- Fruchtlikör
In Venezuela ist die Frucht unter dem Namen semeruco regional stark verankert. In Puerto Rico und auf Kuba heisst sie cereza.
Darstellungen zur Volksheilkunde der Herkunftsländer erwähnen über die Frucht hinaus auch Blätter und Rinde. Diese wurden als Aufguss oder Abkochung zubereitet. Solche Angaben sind als mündlich und schriftlich überlieferte Hausmittel-Praxis zu verstehen. Systematisch dokumentiert und geprüft ist sie nicht. Sie begründet keine Anwendung im heutigen Sinn.
Ein eigenes Kapitel ist die Wissenschaftsgeschichte. Bis in die 1940er-Jahre war die «West Indian cherry» ausserhalb der Region kaum bekannt. Ab 1946 änderte sich der Status der Pflanze grundlegend. Aus einer regionalen Gartenfrucht wurde ein international beachteter Rohstoff. Er wurde gezielt vermehrt, züchterisch bearbeitet und exportiert.
1946 veröffentlichten Asenjo und Freire de Guzmán eine kurze Notiz in Science. Beide arbeiteten an der School of Tropical Medicine in San Juan, Puerto Rico. Ihre Notiz beschrieb den aussergewöhnlich hohen Ascorbinsäure-Gehalt der Frucht.1 Vier Jahre später folgte eine ausführliche Charakterisierung.4
In Brasilien ist Acerola heute Alltagskultur. Suco de acerola aus gefrorenem Fruchtmark gehört zum Standardrepertoire der Saftbars. Die Frucht ist fester Bestandteil des nordostbrasilianischen Obstangebots, und die staatliche Agrarforschung hat eigene Sorten entwickelt.2 Auch in Japan hat die Frucht seit den 1980er- und 1990er-Jahren einen festen Platz im Getränkeregal. Ablesbar ist das unter anderem daran, dass mehrere grundlegende phytochemische und pharmakokinetische Arbeiten aus Forschungsabteilungen japanischer Lebensmittelunternehmen stammen.5, 12 Bei Acerola liegen traditionelle Verwendung und moderne Lebensmitteltechnologie damit ungewöhnlich nah beieinander. Die Frucht wurde erst überliefert genutzt, dann analysiert. Heute ist sie vor allem ein industriell verarbeiteter Rohstoff.
Sicherheit, Abgrenzung & Verwechslungen
Acerola ist eine gewöhnliche Speisefrucht. In ihren Herkunftsländern wird sie seit Langem gegessen. Sie ist ausgesprochen sauer und enthält viel Fruchtsäure. Sehr säureempfindliche Personen bemerken das beim Verzehr grösserer Mengen. Von den Blättern einiger Malpighia-Arten sind ausserdem feine Härchen beschrieben. Diese können beim Umgang mit der Pflanze Hautreizungen auslösen, also bei Ernte und Schnitt, nicht beim Verzehr der Frucht.
| Acerola ist nicht … | Worum es sich handelt | Unterschied |
|---|---|---|
| Azarole | Crataegus azarolus, mediterran | Namensgeberin, aber eine andere Pflanze |
| Echte Kirsche | Gattung Prunus, Rosengewächse | Andere Familie und Ordnung; nur Grösse, Form und Farbe ähneln sich |
| Malpighia glabra | Nahe verwandte Art | Im heutigen taxonomischen Sinn nicht identisch, in älteren Quellen aber synonym gebraucht |
| Pulver und Extrakt | Aus der Frucht hergestellte Erzeugnisse | Zusammensetzung hängt von Erntezeitpunkt und Verfahren ab |
Allgemeiner Hinweis
Wer Medikamente einnimmt, schwanger ist oder stillt, bespricht Fragen zu Lebensmitteln und pflanzlichen Zubereitungen mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer anderen Fachperson. Dieser Hinweis ist allgemein gehalten und nicht produktbezogen.
Häufige Fragen zu Acerola
Ist Acerola mit der Kirsche verwandt?
Nein. Die echte Kirsche gehört zur Gattung Prunus in der Familie der Rosengewächse. Acerola gehört zur Gattung Malpighia in der Familie der Malpighiengewächse. Die beiden Familien stehen in ganz verschiedenen Ordnungen. Gemeinsam sind ihnen nur Grösse, runde Form und rote Farbe der Frucht.
Wie viel Ascorbinsäure enthält eine Acerola?
Analysen frischer Früchte nennen Grössenordnungen von etwa 1,0 bis 4,5 Prozent Ascorbinsäure.3 Das ist ein sehr weiter Bereich. Sorte, Standort, Reifegrad und Analysemethode spielen stark hinein. Die Angabe beschreibt die stoffliche Zusammensetzung der Frucht, nicht einen Nutzen.
Warum wird Acerola oft grün geerntet?
Weil der Ascorbinsäure-Gehalt in der unreifen, grünen Frucht am höchsten ist. Beim Ausreifen nimmt er deutlich ab, und eine vollreife Frucht kann rund die Hälfte davon verlieren.3 Rohware für Pulver und Extrakte wird deshalb häufig früher gepflückt als Ware für Saft und Fruchtmark.
Woher kommt der Name Acerola?
Aus dem Spanischen. Dort bezeichnete acerola ursprünglich die mediterrane Azarole (Crataegus azarolus). Die Wortwurzel wird auf das arabische az-zu’rur zurückgeführt. Wegen der äusseren Ähnlichkeit ging der Name später auf die amerikanische Frucht über.
Wie viele Samen hat eine Acerola?
In der Regel drei. Es handelt sich um kantige, geflügelte Steinkerne im weichen Fruchtfleisch. Diese Dreiteilung zeichnet sich bei vielen Früchten aussen als leichte Rippung oder Dreilappigkeit ab.
Was ist Acerola-Trester?
Der Rückstand aus Schalen, Kernen und Fruchtfleischresten, der bei der Saft- und Püreeherstellung anfällt. Nach Angaben einer Übersichtsarbeit macht er zusammen mit anderen Nebenströmen rund 20 bis 60 Prozent der Fruchtbiomasse aus.9 Er ist Gegenstand von Verwertungsforschung.
Wer hat den hohen Ascorbinsäure-Gehalt entdeckt?
Beschrieben wurde er 1946 von Conrado F. Asenjo und Ana Rosa Freire de Guzmán. Beide arbeiteten an der School of Tropical Medicine in San Juan, Puerto Rico. Ihre kurze Mitteilung erschien in Science.1 Eine ausführlichere Charakterisierung der Frucht folgte 1950.4
Wo wird Acerola heute angebaut?
Vor allem in Brasilien, besonders im Nordosten des Landes. Weitere Anbaugebiete sind Puerto Rico, Mexiko, Venezuela, die Karibik, Florida und Hawaii. Im natürlichen Verbreitungsgebiet wächst die Pflanze zusätzlich in Hausgärten und Hecken.
Redaktion & fachliche Prüfung
Verfasst von der Fachredaktion der Sanasis AG (Redaktion Pflanzenkunde & Ernährung). Fachlich gegengelesen im Rahmen der internen Qualitätssicherung. Quellenrecherche und Verifikation über PubMed und Crossref. Der Beitrag beschreibt die Pflanze allgemein-enzyklopädisch und ist keine Empfehlung, Beratung oder Bewerbung eines Produkts. Fragen an die Redaktion: info@sanasis.ch. Zuletzt geprüft am 04.08.2026.
Quellen
Die folgenden Quellen belegen ausschliesslich Botanik, stoffliche Zusammensetzung, Verfahrenstechnik sowie den Umstand, dass bestimmte Fragestellungen wissenschaftlich untersucht werden – nicht eine gesundheitliche Wirkung. Recherche und Verifikation über PubMed; DOI-Abgleich über Crossref.
1 Asenjo CF, Freire de Guzmán AR (1946): The high ascorbic acid content of the West Indian cherry. Science 103(2669):219. PMID 21012241. doi.org/10.1126/science.103.2669.219 ↩
2 Carneiro Ferreira I et al. (2021): Brazilian varieties of acerola (Malpighia emarginata DC.) produced under tropical semi-arid conditions: bioactive phenolic compounds, sugars, organic acids, and antioxidant capacity. J Food Biochem 45:e13829. PMID 34160074. doi.org/10.1111/jfbc.13829 ↩
3 Malegori C et al. (2017): Comparing the analytical performances of Micro-NIR and FT-NIR spectrometers in the evaluation of acerola fruit quality. Talanta 165:112–116. doi.org/10.1016/j.talanta.2016.12.035 ↩
4 Asenjo CF, Moscoso CG (1950): Ascorbic acid content and other characteristics of the West Indian cherry. Food Res 15(2):103–106. PMID 15414886. doi.org/10.1111/j.1365-2621.1950.tb16455.x ↩
5 Hanamura T, Hagiwara T, Kawagishi H (2005): Structural and functional characterization of polyphenols isolated from acerola (Malpighia emarginata DC.) fruit. Biosci Biotechnol Biochem 69(2):280–286. PMID 15725651. doi.org/10.1271/bbb.69.280 ↩
6 Rezende YRRS, Nogueira JP, Narain N (2018): Microencapsulation of extracts of bioactive compounds obtained from acerola (Malpighia emarginata DC) pulp and residue by spray and freeze drying. Food Chem 254:281–291. PMID 29548455. doi.org/10.1016/j.foodchem.2018.02.026 ↩
7 Marafon K et al. (2023): An opportunity for acerola pulp (Malpighia emarginata DC) valorization evaluating its performance during the block cryoconcentration … Food Res Int 176:113793. PMID 38163707. doi.org/10.1016/j.foodres.2023.113793 ↩
8 Bruno E et al. (2026): Temperature-controlled microwave-assisted and hybrid drying of acerola: effects on kinetics and bioactive compound retention. Food Sci Technol Int, online first. PMID 42545145. doi.org/10.1177/10820132261475404 ↩
9 Aquino JS et al. (2026): Acerola and its by-products as sources of bioactive compounds: phytochemical profile and biological effects in experimental and clinical studies. Molecules 31(11):1792. PMID 42280099. doi.org/10.3390/molecules31111792 ↩
10 Mesquita PC et al. (2022): Untargeted metabolomic profile of recovered bioactive compounds by subcritical water extraction of acerola (Malpighia emarginata DC.) pomace. Food Chem 397:133718. PMID 35940099. doi.org/10.1016/j.foodchem.2022.133718 ↩
11 Liu J-Q et al. (2014): Three new tetranorditerpenes from aerial parts of acerola cherry (Malpighia emarginata). Molecules 19(2):2629–2636. PMID 24566326. doi.org/10.3390/molecules19022629 ↩
12 Uchida E et al. (2011): Absorption and excretion of ascorbic acid alone and in acerola (Malpighia emarginata) juice: comparison in healthy Japanese subjects. Biol Pharm Bull 34(11):1744–1747. PMID 22040889. doi.org/10.1248/bpb.34.1744 ↩
13 Olędzki R, Harasym J (2024): Acerola (Malpighia emarginata) anti-inflammatory activity – a review. Int J Mol Sci 25(4):2089. PMID 38396766. doi.org/10.3390/ijms25042089 ↩
Quellenangaben nach PubMed. Die referierten Arbeiten sind ganz überwiegend analytisch, verfahrenstechnisch oder präklinisch (Zell- und Tiermodelle). Ihre Nennung dient der Kennzeichnung von Forschungsfeldern und begründet keinen gesundheitsbezogenen Anspruch.
Informativer Lexikonartikel der Sanasis AG · redaktionell geprüft · zuletzt aktualisiert am 04.08.2026. Dieser Beitrag beschreibt die Frucht allgemein-enzyklopädisch und ist keine Empfehlung, Beratung oder Bewerbung eines Produkts.