Lactobacillus acidophilus: Merkmale, Vorkommen & Nutzung
Lexikon · Mikrobiologie
Lactobacillus acidophilus, umgangssprachlich kurz «Acidophilus», ist ein stäbchenförmiges, gram-positives Milchsäurebakterium. Es vergärt Zucker fast vollständig zu Milchsäure. Dazu gehört auch der Milchzucker Laktose.
Der Kinderarzt Ernst Moro beschrieb die Art im Jahr 1900 erstmals. Seit dem frühen 20. Jahrhundert setzt die Lebensmittelindustrie sie als definierte Kultur in Sauermilchprodukten ein. Dieser Lexikonartikel erklärt Systematik, Zellaufbau, Stoffwechsel, Vorkommen, den heutigen Forschungsstand und die überlieferte Verwendung. Er ist rein informativ und bezieht sich auf kein bestimmtes Produkt.
| Wissenschaftlicher Name | Lactobacillus acidophilus |
|---|---|
| Gattung (Stand 2020) | Lactobacillus (enger gefasst)1 |
| Erstbeschreibung | 1900 durch Ernst Moro, zunächst als Bacillus acidophilus |
| Zellform | Stäbchen, einzeln, paarweise oder in kurzen Ketten |
| Gram-Verhalten | gram-positiv, katalase-negativ, keine Sporen, unbeweglich |
| Sauerstoffbedarf | sauerstoffarm bis sauerstofffrei |
| Wachstumsoptimum | rund 37 °C |
| Stoffwechseltyp | obligat homofermentativ (Hauptprodukt Milchsäure) |
| Vorkommen | Verdauungstrakt und Mundhöhle von Mensch und Tier; Sauermilchprodukte |
| Referenzstamm | NCFM («North Carolina Food Microbiology»), Genom 2005 veröffentlicht2 |
| Regulatorische Einstufung | EFSA-QPS-Liste (vereinfachte Sicherheitsbewertung) |
Was ist Lactobacillus acidophilus?
Lactobacillus acidophilus ist eine Bakterienart aus der Gruppe der Milchsäurebakterien. Fachleute nennen diese Gruppe auf Englisch lactic acid bacteria, kurz LAB. Der Artname «acidophilus» bedeutet sinngemäss «säureliebend». Er weist darauf hin, dass das Bakterium ein saures Umfeld gut verträgt.
Die Art trägt folgende mikrobiologische Merkmale:
- Gram-positiv – die Zellwand färbt sich in der Gram-Färbung blau an.
- Stäbchenförmig – die Zellen liegen einzeln, paarweise oder in kurzen Ketten.
- Ohne Sporen – die Art bildet keine widerstandsfähigen Dauerformen.
- Unbeweglich – sie besitzt keine Geisseln zur Fortbewegung.
- Katalase-negativ – sie bildet kein Enzym, das Wasserstoffperoxid spaltet.
- Sauerstoffarm wachsend – das Wachstumsoptimum liegt bei rund 37 °C.
Die Erstbeschreibung stammt aus dem Jahr 1900. Der österreichische Kinderarzt Ernst Moro isolierte den Keim aus dem Stuhl gestillter Säuglinge. Er nannte ihn zunächst Bacillus acidophilus. Erst später ordnete man die Art der Gattung Lactobacillus zu.
Mit den damaligen Methoden liessen sich mehrere nahe verwandte Arten kaum unterscheiden. Deshalb fasste man sie lange unscharf als «acidophilus-Komplex» zusammen. Eine sichere Zuordnung gelingt erst mit molekularbiologischen Verfahren.
| Art | Einordnung |
|---|---|
| Lactobacillus acidophilus | namensgebende Art des Komplexes |
| Lactobacillus crispatus | nahe verwandte Art |
| Lactobacillus gasseri | nahe verwandte Art |
| Lactobacillus johnsonii | nahe verwandte Art |
| Lactobacillus helveticus | nahe verwandte Art |
| Lactobacillus amylovorus | nahe verwandte Art |
Historisch geführte Sammelgruppe. Die Abgrenzung gelingt heute über molekularbiologische Verfahren.
Die Gattung Lactobacillus war lange sehr umfangreich und uneinheitlich. Anfang 2020 umfasste sie 261 Arten. Diese unterschieden sich stark in Aussehen, Lebensraum und Erbgut. Auf Basis vollständiger Genomvergleiche teilte man die Gattung daraufhin in 25 Gattungen auf. Lactobacillus acidophilus blieb dabei in der enger gefassten Gattung Lactobacillus. Diese fasst seither jene wirtsadaptierten Arten zusammen, die früher als «L. delbrueckii-Gruppe» galten.1 Der Sammelbegriff «Laktobazillen» bleibt für alle Arten gebräuchlich, die bis 2020 zur alten Grossgattung gehörten.
Wo kommt Acidophilus vor?
Das Bakterium ist ein wirtsgebundener Organismus und kein typischer Umweltkeim. Nachweisen lässt es sich vor allem im Verdauungstrakt und in der Mundhöhle von Menschen und Tieren. Entsprechend ordnet die revidierte Systematik die Art jener Gruppe zu, die sich im Lauf der Evolution eng an tierische und menschliche Wirte angepasst hat.1
Diese Anpassung zeigt sich auch im Erbgut. Der Organismus verfügt über ein vergleichsweise kleines Genom. Er braucht deshalb ein nährstoffreiches Umfeld, denn viele Bausteine stellt er nicht selbst her.
| Fundort | Art des Vorkommens |
|---|---|
| Verdauungstrakt von Mensch und Tier | natürlich, wirtsgebunden |
| Mundhöhle von Mensch und Tier | natürlich, wirtsgebunden |
| Sauermilchprodukte | gezielt zugesetzte Kultur |
| Kultursammlungen | definierte Stämme, getrocknet oder tiefgefroren |
| freie Umwelt (Boden, Wasser) | kein typischer Lebensraum |
Ausserhalb des Wirts findet sich die Art in bestimmten vergorenen Lebensmitteln. Fachleute sprechen von fermentierten Lebensmitteln. Vor allem in Sauermilchprodukten wird sie gezielt als Kultur eingebracht. Für technische Anwendungen nutzt man definierte Stämme aus Kultursammlungen. Diese kommen getrocknet oder tiefgefroren in den Handel.
Wie ist die Zelle aufgebaut?
Wie alle gram-positiven Bakterien besitzt Lactobacillus acidophilus eine dicke, mehrschichtige Zellwand. Sie besteht aus Peptidoglykan, einem netzartigen Gerüst aus Zuckern und Aminosäuren. Charakteristisch ist zusätzlich eine S-Schicht.
Kurz erklärt: die S-Schicht
Eine S-Schicht (englisch surface layer, S-Layer) ist ein kristallines Gitter aus Proteinen. Die Bausteine lagern sich selbst zusammen. Das Gitter liegt der äussersten Zellwandhülle auf, ohne fest daran gebunden zu sein. Bei dieser Art bildet vor allem das Protein SlpA die Schicht. Sie kann bis zu rund 20 Prozent des gesamten Zellproteins ausmachen.5
Die Biotechnologie untersucht die Bindedomäne dieses Proteins als Anker für Oberflächen-Präsentationssysteme. Das ist eine rein technische Anwendung ohne Bezug zur Ernährung.
Gut charakterisiert ist auch das Erbgut des Referenzstammes NCFM. Seine vollständige Genomsequenz erschien 2005. Die folgenden Eckdaten stammen aus dieser Arbeit.2
| Merkmal | Wert |
|---|---|
| Chromosomengrösse | 1’993’564 Basenpaare |
| Plasmide | keine |
| GC-Gehalt | 34,71 Prozent |
| Vorhergesagte offene Leseraster | 1864 (potenzielle Gene) |
| Mutmassliche Peptidasen | 20 |
| Oligopeptid-Transportsysteme | 2 vollständige Systeme |
| Zweikomponenten-Regulationssysteme | 9 |
| Bakteriozin-Genort | Lactacin B |
| Wiederholungseinheiten | 32 nahezu identische Einheiten zu je 29 Basenpaaren |
Der Bereich aus 32 Wiederholungseinheiten kann als molekulare Signatur dieses Organismus dienen.
Wie funktioniert die Milchsäuregärung?
Die Milchsäuregärung ist der Stoffwechselweg, über den das Bakterium Zucker abbaut. Lactobacillus acidophilus gilt als obligat homofermentativ. Es baut Zucker über den klassischen Zuckerabbauweg ab, die Glykolyse. Hauptprodukt ist dabei Milchsäure. Milchzucker (Laktose) zerlegen Enzyme zuerst in Glucose und Galaktose. Erst danach beginnt der eigentliche Abbau.
| Merkmal | homofermentativ | heterofermentativ |
|---|---|---|
| Hauptprodukt | Milchsäure | Milchsäure und weitere Stoffe |
| Nebenprodukte | nahezu keine | Kohlendioxid, Essigsäure, Ethanol |
| Abbauweg | Glykolyse | abweichende Wege |
| Einordnung von L. acidophilus | obligat homofermentativ | – |
Durch die entstehende Milchsäure sinkt der pH-Wert. Das Umfeld wird also saurer. Bei der Herstellung von Sauermilchprodukten flocken dadurch die Milcheiweisse aus. Diese Eiweisse heissen Kaseine, und sie flocken an ihrem isoelektrischen Punkt aus. Die Milch dickt ein und erhält ihren typisch säuerlichen Geschmack. Die Säure ist zugleich der Grund, weshalb sich Fremdkeime in einem gut geführten Ansatz schwertun. Das ist ein technologischer Grundeffekt jeder Milchsäuregärung.
Lebende Bakterienkulturen dieser Art heissen im Handel und in der Fachsprache häufig «probiotisch». Das ist eine gebräuchliche Sammelbezeichnung für lebende Mikroorganismen, die man in definierter Menge zuführt. Über eine bestimmte Wirkung ist damit nichts gesagt.
Grundsatz der Stammspezifität
Eigenschaften, die Forschende für einen einzelnen Stamm im Labor beschrieben haben, gelten nicht automatisch für die ganze Art. Übertragen lassen sich solche Befunde nur mit eigenen Daten zum jeweiligen Stamm.
Forschung & Untersuchungsbereiche
Lactobacillus acidophilus zählt zu den am längsten und am gründlichsten untersuchten Milchsäurebakterien. Die folgenden Abschnitte beschreiben, welche Fragestellungen die Forschung bearbeitet. Sie leiten daraus keinen gesundheitlichen Nutzen ab. Ein sehr grosser Teil der veröffentlichten Befunde stammt aus Labormodellen (in vitro) und aus Tierversuchen. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 fasst den Kenntnisstand zusammen. Sie benennt ausdrücklich bestehende Forschungslücken und den Bedarf an weiteren Untersuchungen.7
| Feld | Untersuchte Fragestellung | Quelle |
|---|---|---|
| Genomik | Aufbau des Erbguts, Abgrenzung einzelner Stämme | 2 |
| Anheftung & Oberflächenproteine | Anlagerung an Mucin und Zellkulturen (Caco-2, HT-29) | 3,6 |
| Säure- und Stresstoleranz | Genorte, die das Überleben bei niedrigem pH-Wert beeinflussen | 4 |
| Kohlenhydratverwertung | Transport und Abbau einzelner Zucker | 2 |
| Bakteriozine | Bildung von Lactacin B und Wechselwirkung mit anderen Bakterien | 2 |
| Oberflächenproteine (technisch) | SlpA als Anker für Präsentationssysteme | 5 |
Aufstellung von Forschungsfeldern. Sie belegt keine gesundheitliche Wirkung.
Genomik und Stammcharakterisierung. Mit der vollständigen Sequenzierung des Stammes NCFM im Jahr 2005 wurde die Art zu einem Modellorganismus der Laktobazillen-Genomik. Die Autorinnen und Autoren beschrieben Genorte für mucus- und fibronektinbindende Proteine. Hinzu kamen Transportsysteme für verschiedene Kohlenhydrate, ein Bakteriozin-Genocluster sowie Regulationssysteme, die mit der Säuretoleranz in Verbindung stehen.2 Seither dienen solche Sequenzdaten dazu, einzelne Stämme eindeutig zu identifizieren und voneinander abzugrenzen.
Anheftung und Oberflächenproteine. Ein aktives Forschungsfeld untersucht, wie stark sich Zellen dieser Art anlagern. Geprüft wird die Anlagerung an Schleimstoffe (Mucin) und an Darmepithelzellen. Als Modelle dienen Zellkulturen wie Caco-2- und HT-29-Zellen.3 Proteomische Arbeiten haben Oberflächenproteine und sogenannte Moonlighting-Proteine des Stammes NCFM identifiziert. Diese stehen mit dem Anheftungsmechanismus in Zusammenhang. Zugleich beeinflussen Nährstoffe und Begleitstoffe im Medium die gemessene Anheftung deutlich.6 Es handelt sich um Modellsysteme, die reale Verhältnisse nur annähern.
Säure- und Stresstoleranz. Die Art verträgt ein saures Umfeld. Deshalb ist sie ein Studienobjekt der bakteriellen Stressphysiologie. Ausgehend von der Genomsequenz schalteten Forschende gezielt einzelne Genorte aus. Betroffen waren Genorte für Decarboxylierungs- und Antiporter-Reaktionen. Dazu zählten eine mutmassliche Ornithin-Decarboxylase, eine Aminosäure-Permease und ein Glutamat-Gamma-Aminobuttersäure-Antiporter. Alle veränderten Varianten reagierten empfindlicher auf einen niedrigen pH-Wert als der Ausgangsstamm. Das weist auf mehrere parallel wirkende Mechanismen hin.4
Kohlenhydratverwertung. Untersucht wird ferner, welche Zucker die Art verwerten kann. Im Genom des Stammes NCFM beschrieben Forschende Gencluster für den Transport mehrerer Kohlenhydrate. Dazu gehören Fructo-Oligosaccharide und Raffinose.2 Diese Frage ist vor allem lebensmitteltechnologisch relevant. Sie betrifft etwa die Führung von Fermentationen und die Zusammensetzung von Nährmedien.
Bakteriozine und mikrobielle Interaktion. Im Erbgut liegt ein Genort für Lactacin B. Das ist ein Bakteriozin der Klasse II, also ein von Bakterien gebildetes Eiweiss. Es kann das Wachstum verwandter Bakterien hemmen.2 Solche Substanzen sind Gegenstand der mikrobiologischen Grundlagen- und Lebensmittelforschung. Insgesamt gilt: Der Forschungsstand hängt stark vom Stamm, vom Modell und von der Methode ab. Belastbare, auf den Menschen übertragbare Schlüsse zu einem gesundheitlichen Nutzen lassen sich daraus nach heutigem Stand nicht ziehen.
Traditionelle Anwendungsgebiete & Kulturgeschichte
Vergorene Milch gehört zu den ältesten Kulturtechniken der Menschheit. In Vorderasien, im Kaukasus, in Zentralasien und in Südasien stellten Menschen über Jahrtausende Sauermilcherzeugnisse her. Das geschah lange, bevor jemand von Bakterien wusste. Die Gärung lief mit spontanen Mischkulturen ab und war nicht auf eine einzelne Art bezogen. Die folgenden Angaben geben die kulturhistorische Überlieferung wieder. Sie sind eine Traditionsbeschreibung und treffen keine Aussage über eine gesundheitliche Wirkung.
| Region | Erzeugnis | Beschreibung |
|---|---|---|
| Südasien (Indien) | Dahi | dickgelegte Milch, eigene Kategorie in ayurvedischen Texten |
| Südasien (Indien) | Takra | verdünnte Buttermilch, nach Zubereitung und Jahreszeit eingeordnet |
| Balkan | Kiselo mljako | gesäuerte Milch, seit Jahrhunderten Alltagsnahrung |
| Anatolien | Yogurt | gesäuerte Milch, seit Jahrhunderten Alltagsnahrung |
| Zentralasien | Kumys | Erzeugnis aus Stutenmilch |
| Kaukasus | Kefir | Mischkultur aus Milchsäurebakterien und Hefen |
Diese Erzeugnisse enthalten je nach Region unterschiedliche Mischungen. Ein definierter Acidophilus-Stamm ist darin nicht vorgesehen.
Der Übergang von der überlieferten Sauermilch zur artdefinierten Kultur ist eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Er lässt sich recht genau nachzeichnen. Am Anfang stehen zwei Namen. Ernst Moro isolierte und benannte die Art im Jahr 1900. Elie Metchnikoff äusserte 1907/1908 in seinem Buch The Prolongation of Life eine vieldiskutierte Vermutung: Der reichliche Verzehr gesäuerter Milch stehe mit der Langlebigkeit der bulgarischen Landbevölkerung in Zusammenhang. Diese These prägte die Populärkultur nachhaltig. Wissenschaftlich gilt sie als historische Hypothese und nicht als Nachweis.
In den 1920er-Jahren griffen die US-Bakteriologen Leo F. Rettger und Harry A. Cheplin an der Yale University die Idee auf. Sie vergoren Milch gezielt mit dieser einen Art. Aus diesen Arbeiten ging die Acidophilusmilch hervor. Sie schmeckt mild-säuerlich und gilt in Deutschland und der Schweiz bis heute als eigene Erzeugniskategorie. In der Sowjetunion etablierte sich parallel das Getränk Azidofilin (Acidophiline), teils in Kombination mit Kefirkulturen. In den 1970er-Jahren kam in den USA die sogenannte sweet acidophilus milk auf. Dabei bleibt die Milch ungesäuert und gekühlt. Die Kultur kommt erst nach der Verarbeitung hinzu, deshalb fehlt der säuerliche Geschmack.
Aus derselben Zeit stammt der bis heute meistuntersuchte Stamm: NCFM. Das Kürzel steht für «North Carolina Food Microbiology». Laut Fachliteratur wird er seit 1972 kommerziell hergestellt. Ab Mitte der 1970er-Jahre war er in den USA in konventionellen Lebensmitteln wie Milch und Joghurt verfügbar.2,3 Die Verwendung von Acidophilus als definierte Kultur ist damit keine Jahrtausende alte Tradition. Sie ist rund hundert Jahre alte Lebensmitteltechnologie. Die Sauermilch selbst ist dagegen sehr viel älter.
Sicherheit, Abgrenzung & Einordnung
Milchsäurebakterien aus der Lebensmittelherstellung gelten regulatorisch als gut untersucht. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) führt Lactobacillus acidophilus in einer besonderen Liste. Für die dort genannten Mikroorganismen gilt ein vereinfachtes Sicherheitsbewertungsverfahren, die «Qualified Presumption of Safety» (QPS). Diese Einstufung betrifft allein die Sicherheitsbewertung des Organismus. Sie sagt nichts über einen Nutzen aus.
Wichtig ist die begriffliche Abgrenzung. «Acidophilus» wird umgangssprachlich unscharf verwendet. Historisch führte man Stämme unter diesem Namen, die heute zu anderen Arten des acidophilus-Komplexes gehören. Beispiele sind Lactobacillus gasseri und Lactobacillus crispatus.
| Merkmal | Acidophilus-Kultur | Klassische Joghurtkultur |
|---|---|---|
| Beteiligte Arten | Lactobacillus acidophilus | Lactobacillus delbrueckii subsp. bulgaricus und Streptococcus thermophilus |
| Typisches Erzeugnis | Acidophilusmilch | Joghurt im engeren Sinn |
| Einsatz | als Zusatz- oder Starterkultur, separat eingesetzt | als festgelegte Starterkultur |
| Alter der Technik | rund hundert Jahre | geht auf traditionelle Sauermilch zurück |
Lebende Kulturen sind empfindlich gegenüber Hitze, Feuchtigkeit und Sauerstoff. Die Zellzahlen in Lebensmitteln nehmen über die Lagerzeit ab.
Allgemeiner Hinweis
Bei mikrobiellen Zubereitungen fällt die Datenlage zu Verträglichkeit und Wechselwirkungen unterschiedlich aus. Sie hängt von der Zubereitung und von der Personengruppe ab. Wenn Sie Medikamente einnehmen, eine geschwächte Immunabwehr haben, schwanger sind oder stillen, besprechen Sie Fragen dazu bitte mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Fachperson. Dieser Hinweis ist allgemein gehalten und nicht produktbezogen.
Häufige Fragen zu Acidophilus
Was bedeutet der Name «acidophilus»?
«Acidophilus» bedeutet sinngemäss «säureliebend». Der Name setzt sich aus dem lateinischen acidus (sauer) und dem griechischen philos (liebend) zusammen. Er verweist darauf, dass das Bakterium ein saures Umfeld verträgt und selbst Milchsäure bildet.
Gehört Acidophilus noch zur Gattung Lactobacillus?
Ja. Bei der Neuordnung der grossen Gattung im Jahr 2020 verteilte man 261 Arten auf 25 Gattungen. Lactobacillus acidophilus blieb in der enger gefassten Gattung Lactobacillus. Diese fasst seither wirtsadaptierte Arten zusammen.1
Was ist Acidophilusmilch?
Acidophilusmilch ist ein Sauermilcherzeugnis, das gezielt mit Lactobacillus acidophilus vergoren wird. Sie geht auf Arbeiten der 1920er-Jahre zurück und schmeckt mild-säuerlich. Damit ist sie deutlich jünger als die traditionellen, spontan vergorenen Sauermilchen.
Was ist eine S-Schicht?
Eine S-Schicht (S-Layer) ist ein regelmässiges, kristallartiges Proteingitter auf der Aussenseite der Zellhülle. Bei dieser Art besteht sie überwiegend aus dem Protein SlpA. Sie kann bis zu rund 20 Prozent des gesamten Zellproteins ausmachen.5
Ist Acidophilus dasselbe wie eine Joghurtkultur?
Nein. Joghurt im engeren Sinn entsteht mit Lactobacillus delbrueckii subsp. bulgaricus und Streptococcus thermophilus. Lactobacillus acidophilus ist eine eigene Art. Sie kommt als Zusatz- oder Starterkultur separat zum Einsatz.
Wofür steht die Stammbezeichnung NCFM?
NCFM steht für «North Carolina Food Microbiology». Es ist der am besten charakterisierte Stamm der Art. Seine vollständige Genomsequenz erschien 2005, und er wird seit 1972 kommerziell hergestellt.2,3
Warum ist die Angabe des Stammes so wichtig?
Weil Eigenschaften stammspezifisch sind. Was Forschende für einen einzelnen Stamm im Labor beschrieben haben, gilt nicht automatisch für die gesamte Art. Deshalb nennt die Fachliteratur immer die genaue Stammbezeichnung, etwa NCFM.
Wo kommt Lactobacillus acidophilus natürlich vor?
Im Verdauungstrakt und in der Mundhöhle von Menschen und Tieren. Die Art ist wirtsgebunden und kein typischer Umweltkeim. In Lebensmitteln findet sie sich vor allem dort, wo man sie gezielt als Kultur zusetzt.1
Redaktion & fachliche Prüfung
Verfasst von der Fachredaktion der Sanasis AG (Redaktion Mikrobiologie & Ernährung). Fachlich gegengelesen im Rahmen der internen Qualitätssicherung. Rückfragen zum Beitrag: info@sanasis.ch. Der Beitrag beschreibt das Bakterium allgemein-enzyklopädisch und ist keine Empfehlung, Beratung oder Bewerbung eines Produkts. Zuletzt geprüft am 04.08.2026.
Quellen
Die folgenden Quellen belegen ausschliesslich Systematik, Zellaufbau, Genomdaten, technologische Zusammenhänge und den Umstand, dass bestimmte Fragestellungen wissenschaftlich untersucht werden – nicht eine gesundheitliche Wirkung. Recherche und Verifikation über PubMed.
1 Zheng J et al. (2020): A taxonomic note on the genus Lactobacillus: description of 23 novel genera, emended description of the genus Lactobacillus Beijerinck 1901, and union of Lactobacillaceae and Leuconostocaceae. Int J Syst Evol Microbiol 70(4):2782–2858. PMID 32293557. doi.org/10.1099/ijsem.0.004107
2 Altermann E et al. (2005): Complete genome sequence of the probiotic lactic acid bacterium Lactobacillus acidophilus NCFM. Proc Natl Acad Sci USA 102(11):3906–3912. PMID 15671160. doi.org/10.1073/pnas.0409188102
3 Sanders ME, Klaenhammer TR (2001): Invited review: the scientific basis of Lactobacillus acidophilus NCFM functionality as a probiotic. J Dairy Sci 84(2):319–331. PMID 11233016. doi.org/10.3168/jds.S0022-0302(01)74481-5
4 Azcarate-Peril MA et al. (2004): Identification and inactivation of genetic loci involved with Lactobacillus acidophilus acid tolerance. Appl Environ Microbiol 70(9):5315–5322. PMID 15345415. doi.org/10.1128/AEM.70.9.5315-5322.2004
5 Gordillo TB et al. (2020): Strategies to display heterologous proteins on the cell surface of lactic acid bacteria using as anchor the C-terminal domain of Lactobacillus acidophilus SlpA. World J Microbiol Biotechnol 36(11):169. PMID 33043388. doi.org/10.1007/s11274-020-02945-9
6 Celebioglu HU, Svensson B (2018): Dietary Nutrients, Proteomes, and Adhesion of Probiotic Lactobacilli to Mucin and Host Epithelial Cells. Microorganisms 6(3):90. PMID 30134518. doi.org/10.3390/microorganisms6030090
7 Shah AB et al. (2024): Probiotic significance of Lactobacillus strains: a comprehensive review on health impacts, research gaps, and future prospects. Gut Microbes 16(1):2431643. PMID 39582101. doi.org/10.1080/19490976.2024.2431643
Quellenangaben nach PubMed. Die referierten Arbeiten sind überwiegend molekularbiologischer, genomischer oder lebensmitteltechnologischer Natur beziehungsweise fassen präklinische Daten zusammen; ihre Nennung dient der Kennzeichnung von Forschungsfeldern und begründet keinen gesundheitsbezogenen Anspruch.
Informativer Lexikonartikel der Sanasis AG · redaktionell geprüft · zuletzt aktualisiert am 04.08.2026. Dieser Beitrag beschreibt das Bakterium allgemein und ist keine Empfehlung oder Bewerbung eines Produkts.