Akelei (Aquilegia): Botanik, Inhaltsstoffe & Tradition
Lexikon · Pflanzenkunde
Die Akelei (Aquilegia) ist eine artenreiche Gattung ausdauernder Stauden aus der Familie der Hahnenfussgewächse (Ranunculaceae). Ihr Markenzeichen sind nickende Blüten, deren fünf Kronblätter in lange, nach hinten gebogene Sporne auslaufen – ein Bauplan, der die Gattung zu einem der meistuntersuchten Modelle der Blütenevolution gemacht hat. Chemisch sind für Akeleien unter anderem das C-Glykosid Isocytisosid, das Alkaloid Magnoflorin und cyanogene Verbindungen beschrieben. Die Pflanze gilt als giftig, ist kein Lebensmittel und wird heute praktisch nur noch als Zierstaude kultiviert. Dieser Lexikonartikel fasst Botanik, Herkunft, Zusammensetzung, den heutigen Forschungsstand und die kulturelle Überlieferung zusammen – rein informativ, ohne Bezug auf ein Produkt.
Was ist die Akelei botanisch?
Die Akelei ist eine mehrjährige krautige Staude, die je nach Art und Standort etwa 30 bis 80 Zentimeter hoch wird. Aus einer bodennahen Rosette wachsen lang gestielte, zwei- bis dreifach dreiteilig gefiederte Blätter mit gekerbten, oft leicht bläulich bereiften Blättchen. Im späten Frühling und Frühsommer erscheinen an verzweigten Stängeln die nickenden Blüten – in Blau und Violett, Rosa, Weiss, Gelb oder Rot. Nach der Blüte bilden sich aufrechte Balgfrüchte, die bei Reife aufspringen und zahlreiche kleine, glänzend schwarze Samen freigeben.
Das auffälligste Merkmal ist die Blüte selbst. Fünf blütenblattartige, gefärbte Kelchblätter (Sepalen) wechseln sich mit fünf trichterförmigen Kronblättern (Petalen) ab, die jeweils in einen langen, nach hinten gerichteten Sporn auslaufen. In der Spitze dieser Sporne sitzt das Nektarium, das den Nektar abgibt. Untersuchungen zur Anatomie der Sporne in der Familie der Hahnenfussgewächse beschreiben, dass das Nektarium bei Aquilegia vulgaris an der Spornspitze liegt und der Nektar dort holokrin, also unter Auflösung ganzer Zellen, freigesetzt wird.3 Länge und Krümmung der Sporne unterscheiden sich zwischen den Arten dramatisch – von wenigen Millimetern bis über zwölf Zentimeter.
Woher kommen die Namen Akelei und Aquilegia?
Der wissenschaftliche Gattungsname Aquilegia wird meist auf das lateinische aquila («Adler») zurückgeführt, weil die gebogenen Sporne an Adlerkrallen erinnern. Eine konkurrierende Deutung leitet ihn von aquilegus («Wassersammler») ab – ein Verweis auf den Nektar, der sich in den Spornen sammelt. Der deutsche Name «Akelei» geht über mittelhochdeutsch ageleie auf die lateinische Form aquileia zurück.
Regional ist eine ungewöhnlich reiche Volksnamen-Landschaft überliefert: Aglei, Elfenschuh, Narrenkappe, Taubenblume, Glockenblume, Zigeunerglocke oder Frauenhandschuh. Die meisten dieser Namen spielen auf die Silhouette der Blüte an – auf die «Kappe» der Sporne oder auf die fünf Kronblätter, die im Gegenlicht wie ein Kranz zusammensitzender Tauben wirken. Diese Bildsprache prägt auch die kunsthistorische Deutung der Pflanze, siehe Abschnitt Traditionelle Anwendungsgebiete und Überlieferung.
Wo kommt die Akelei vor?
Akeleien besiedeln die gemässigten Zonen der Nordhalbkugel – Europa, Asien und Nordamerika. Die in Mitteleuropa heimische Gemeine Akelei (Aquilegia vulgaris) wächst wild in lichten Laubwäldern, an Waldrändern, in Säumen und auf mageren Wiesen, bevorzugt auf kalkhaltigen, humosen Böden und an halbschattigen Standorten. In der Schweiz ist zusätzlich die Schwarzviolette Akelei (Aquilegia atrata) verbreitet, die vor allem in der montanen Stufe der Alpen und des Juras vorkommt und an ihren dunkel purpurnen Blüten erkennbar ist.
Wildbestände sind vielerorts rechtlich geschützt: In Deutschland ist Aquilegia vulgaris nach der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt, in der Schweiz gelten je nach Art und Kanton unterschiedliche Schutzbestimmungen. In Gärten ist die Akelei dagegen weit verbreitet und ausgesprochen mobil: Sie sät sich willig selbst aus, kreuzt sich zwischen Arten und Sorten leicht und taucht deshalb Jahr für Jahr an neuen Stellen und in neuen Farbmischungen auf.
Welche Arten und Sorten gibt es?
Die Gattung umfasst je nach Zählweise rund 70 bis über 100 Arten. Genomische Arbeiten beschreiben Aquilegia als Schulbeispiel einer adaptiven Radiation: eine junge, rasch aufgefächerte Artengruppe, in der die Arten genetisch noch stark durchmischt sind.4 Zu den bekanntesten Vertretern zählen:
- Aquilegia vulgaris – die Gemeine oder Wald-Akelei, in Europa heimisch, kurze, stark gekrümmte Sporne.
- Aquilegia atrata – die Schwarzviolette Akelei der Alpen und des Juras.
- Aquilegia coerulea (auch A. caerulea) – die blau-weisse Colorado-Akelei; an der Sorte «Goldsmith» wurde das Referenzgenom der Gattung erstellt.4
- Aquilegia canadensis – nordamerikanisch, rot-gelb, mit kurzen Spornen und Kolibri-Blütenbau.
- Aquilegia chrysantha – gelb blühend, mit besonders langen Spornen.
- Aquilegia pyrenaica und Aquilegia fragrans – iberische bzw. himalayische Arten, beide Gegenstand ökologischer und phytochemischer Studien.12,14
Dazu kommen zahllose Gartenformen und Hybriden – von den langspornigen «McKana»-Hybriden bis zu gefüllten, spornlosen «Clematiflora»-Typen, bei denen der namensgebende Sporn vollständig fehlt.
Woraus besteht die Akelei?
Phytochemisch ist die Akelei eine typische Vertreterin der Hahnenfussgewächse: Ihre Inhaltsstoffe verteilen sich auf mehrere Stoffgruppen, die für die Familie charakteristisch sind. Drei davon werden in der Literatur besonders häufig genannt.
Flavonoide und C-Glykoside. Aus Blättern und Stängeln von Aquilegia vulgaris wurde das C-Glykosid Isocytisosid isoliert und strukturell aufgeklärt – chemisch 4′-Methoxy-5,7-dihydroxyflavon-6-C-glucosid, also ein methyliertes Apigenin-Derivat.5 In einem ethanolischen Extrakt der oberirdischen Teile wurde ein Isocytisosid-Gehalt von rund 3 Prozent bestimmt.6 Vergleichende Analysen an sieben weiteren Aquilegia-Arten zeigten, dass die Substanz kein Einzelfall ist, sondern quer durch die Gattung vorkommt – in unterschiedlicher Konzentration.7
Isochinolin-Alkaloide. Aus den unterirdischen Teilen von Aquilegia fragrans wurden neben β-Sitosterol und den Lactonen Aquilegiolid und Glochidionolacton A auch das quartäre Aporphin-Alkaloid Magnoflorin isoliert und per HPLC quantifiziert.12 Magnoflorin ist in mehreren Pflanzenfamilien verbreitet und Gegenstand einer eigenen Übersichtsliteratur.13
Cyanogene Verbindungen. Für Akeleien werden in der phytochemischen und toxikologischen Literatur zudem cyanogene Glykoside beschrieben – Verbindungen, die bei Verletzung des Pflanzengewebes enzymatisch Blausäure freisetzen können. Sie sind ein wesentlicher Grund dafür, dass die Pflanze als giftig eingestuft wird (siehe Abschnitt Giftigkeit, Sicherheit & Abgrenzung). Gehalt und Verteilung schwanken je nach Art, Pflanzenteil, Standort und Entwicklungsstadium; Samen und Wurzel gelten als am stärksten belastet.
Forschung & Untersuchungsbereiche
Die Akelei ist wissenschaftlich weit besser dokumentiert, als ihr Ruf als schlichte Bauerngartenstaude vermuten lässt – allerdings mit einem deutlichen Schwerpunkt in der Evolutions- und Pflanzenbiologie, nicht in der Heilkunde. Die folgenden Abschnitte beschreiben, welche Fragestellungen Gegenstand der Forschung sind. Sie sagen nichts darüber aus, dass daraus ein gesundheitlicher Nutzen abzuleiten wäre; ein grosser Teil der Befunde stammt aus Labor- und Tiermodellen.
Der Blütensporn als Modell der Evolutionsbiologie
Kein anderes Merkmal der Gattung ist so intensiv untersucht worden wie der Sporn. Eine phylogenetische Analyse der Gattung beschrieb einen gerichteten Trend: Bei Übergängen zu Bestäubern mit längerer Rüssel- beziehungsweise Zungenlänge – von Hummeln über Kolibris zu Schwärmerfaltern – nahm die Spornlänge im Stammbaum zu, und zwar sprunghaft im Zusammenhang mit Artbildungsereignissen.2 Eine spätere Arbeit ging der Frage nach, wie diese Längenunterschiede zustande kommen: Entgegen der jahrzehntealten Annahme eines eigenen Teilungsgewebes an der Spornspitze wächst der Sporn durch anisotrope Zellstreckung; Unterschiede in der Zellform erklärten in dieser Untersuchung rund 99 Prozent der Spornlängen-Variation innerhalb der Gattung.1 Ergänzend beschrieben mikroskopische Arbeiten den anatomischen Aufbau des Nektariums an der Spornspitze im Vergleich mit Eisenhut, Rittersporn und Feldrittersporn.3
Genom, Artbildung und Ökologie
2018 wurde das Referenzgenom von Aquilegia coerulea «Goldsmith» zusammen mit Sequenzdaten von zehn Wildarten veröffentlicht. Die Autorinnen und Autoren beschrieben ausgedehnte Allel-Teilung zwischen den Arten sowie Hinweise darauf, dass Introgression und Selektion die Radiation der Gattung mitgeprägt haben – und stiessen dabei auf ein Chromosom mit einer vom übrigen Genom abweichenden Evolutionsgeschichte.4 Ökologisch untersucht wurde ausserdem die Rolle von Drüsenhaaren im Blütenstand iberischer Akeleien: In manipulativen Feldversuchen an A. vulgaris und A. pyrenaica wurde beschrieben, dass die Haardichte mit der Häufigkeit kleiner pflanzenfressender Insekten variierte und dass Pflanzen ohne diesen Schutz stärker geschädigt wurden.14 In der gartenbaulichen Forschung wiederum dient die Akelei als Modell für Salztoleranz; Transkriptom-Analysen beschreiben, welche Signalwege unter Salzstress verändert reguliert werden.15
Phytochemie und präklinische Untersuchungen
Eine Forschungsgruppe der Medizinischen Universität Posen hat Aquilegia vulgaris über mehrere Jahre phytochemisch und experimentell bearbeitet. Nach der Strukturaufklärung des Isocytisosids5 und der Bestimmung seines Gehalts im Extrakt6 wurden Extrakte und die Reinsubstanz in Modellsystemen geprüft: In einer In-vitro-Untersuchung zur antioxidativen Kapazität wurden Hemmwerte für die mikrosomale Lipidperoxidation beschrieben, während die Substanzen als schwache Hydroxylradikal-Fänger eingeordnet wurden.8 In einer mikrobiologischen Reihenverdünnungs-Studie wurde eine Wachstumshemmung der geprüften Keime beschrieben, am ausgeprägtesten gegenüber grampositiven Bakterien und einem Schimmelpilz.9 Weiter wurden Extrakte und Isocytisosid in Nagermodellen zur experimentellen Leberschädigung (Tetrachlorkohlenstoff bzw. Paracetamol) untersucht; berichtet wurden Veränderungen an Markern des oxidativen Stoffwechsels.10,11
Für diese Befunde gilt eine doppelte Einschränkung. Erstens handelt es sich ausschliesslich um präklinische Daten aus Reagenzglas- und Tierversuchen; kontrollierte Studien am Menschen liegen nicht vor. Zweitens ist die Akelei eine giftige Zierpflanze – die untersuchten Extrakte sind Laborpräparate und keine Anwendungsform. Aus dieser Literatur lässt sich nach heutigem Stand kein gesundheitlicher Nutzen ableiten. Für das Alkaloid Magnoflorin, das auch in anderen Pflanzenfamilien vorkommt, existiert eine breitere Übersichtsliteratur zu chemischen Eigenschaften, Pharmakokinetik und experimentellen Aktivitäten; auch dort werden die Daten überwiegend als präklinisch und der Bedarf an weiterer Forschung als hoch beschrieben.13
Traditionelle Anwendungsgebiete und Überlieferung
Die Akelei hat eine der längsten und zugleich am gründlichsten abgebrochenen Traditionslinien der mitteleuropäischen Kräuterkunde. Die folgenden Angaben geben ausschliesslich die kulturhistorische Überlieferung wieder. Sie sind Traditionsbeschreibung und keine Aussage über eine gesundheitliche Wirkung – und ausdrücklich keine Anleitung zur Nachahmung.
Klostermedizin und Kräuterbücher
In der mittelalterlichen Klostermedizin taucht die Pflanze unter Namen wie Acheleia oder Ageleia auf; Hildegard von Bingen führt sie in ihrer Physica. In den grossen deutschsprachigen Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts – bei Hieronymus Bock, Leonhart Fuchs und Jacobus Theodorus Tabernaemontanus – ist die «Ageley» ausführlich abgebildet und beschrieben. Überliefert sind Zubereitungen aus Kraut und Samen, die traditionell äusserlich sowie in Aufgüssen verwendet wurden. Mit der Systematisierung der Arzneimittelprüfung im 19. und 20. Jahrhundert verschwand die Akelei aus dem Arzneischatz: Heute ist sie in keiner Arzneibuchmonographie als Droge geführt und spielt in der Phytotherapie keine Rolle. Als Gründe werden in der Fachliteratur der Gehalt an cyanogenen Verbindungen und die fehlende Datenlage genannt.
Überlieferungen ausserhalb Europas
Auch ausserhalb Europas ist die Gattung in der Volksüberlieferung präsent. Für die himalayische Art Aquilegia fragrans beschreibt eine ethnopharmakologische Arbeit aus Kaschmir, dass die unterirdischen Pflanzenteile traditionell bei Wunden und entzündlichen Zuständen – auch in der Tierhaltung – verwendet werden; die Untersuchung ordnete diese Überlieferung ausdrücklich als bislang nicht wissenschaftlich validiert ein und fand in eigenen Tests nur schwache antibakterielle Effekte der isolierten Verbindungen.12 In China werden mehrere Arten der Verwandtschaftsgruppe Isopyreae, darunter Aquilegia- und Semiaquilegia-Arten, in Übersichten zu den regionalen Ressourcen traditioneller Arzneipflanzen geführt.16 Ethnobotanisch überliefert ist zudem, dass Angehörige nordamerikanischer Prärievölker die zerriebenen, stark duftenden Samen von Aquilegia canadensis als Duftstoff und in Liebeszaubern verwendeten – eine kulturelle Praxis, keine Anwendungsempfehlung.
Symbolik in Kunst und Literatur
Kunsthistorisch ist die Akelei eines der häufigsten Blumenmotive der Gotik und der Renaissance. In der christlichen Ikonographie wurde die Blüte als Taube gedeutet und damit auf den Heiligen Geist bezogen; Darstellungen mit sieben Blüten an einem Stängel werden traditionell auf die sieben Gaben des Heiligen Geistes gelesen. Auf Marienbildern und Altartafeln steht sie deshalb regelmässig im Vordergrund. Literarisch trägt sie eine gegenläufige Bedeutung: In Shakespeares Hamlet verteilt Ophelia unter anderem «columbines» – in der elisabethanischen Blumensprache ein Zeichen für Untreue, Undank und Torheit. Dieselbe Doppeldeutung spiegelt sich in Volksnamen wie Narrenkappe.
Giftigkeit, Sicherheit & Abgrenzung
Die Akelei zählt zu den giftigen Pflanzen. Alle Pflanzenteile enthalten Inhaltsstoffe, die als kritisch gelten; besonders Samen und Wurzel werden als giftig eingestuft. Die Pflanze ist kein Lebensmittel, kein Gewürz und kein Nahrungsergänzungsmittel. Von Selbstversuchen mit Pflanzenteilen – roh, getrocknet oder als Aufguss – ist abzusehen. Bei versehentlicher Aufnahme, insbesondere durch Kinder oder Haustiere, ist umgehend das zuständige Toxikologische Informationszentrum oder eine Ärztin bzw. ein Arzt zu kontaktieren.
Als Zierstaude im Garten ist die Akelei unproblematisch, solange sie nicht verzehrt wird. Beim Rückschnitt und beim Sammeln von Samen empfiehlt sich Handschuhschutz, da Pflanzensäfte bei empfindlichen Personen Hautreizungen auslösen können. Verwechslungsrisiko besteht vor allem im Frühjahr im Blattstadium: Die gefiederten Blätter ähneln jenen anderer Hahnenfussgewächse und teilweise auch essbaren Wildkräutern – ein weiterer Grund, Wildpflanzen ohne sichere Bestimmung grundsätzlich nicht zu sammeln.
Dieser Hinweis ist allgemein gehalten, nicht produktbezogen und ersetzt keine individuelle fachliche Beratung. Fragen zu Pflanzen und möglichen Wechselwirkungen mit Arzneimitteln gehören in die Hand einer Ärztin, eines Arztes oder einer Apothekerin bzw. eines Apothekers.
Wie wird die Akelei heute verwendet?
Heute ist die Akelei fast ausschliesslich eine Gartenpflanze. In Bauern-, Stauden- und Naturgärten ist sie ein Klassiker für halbschattige Lagen, wo sie zwischen Frühjahrsgeophyten und Sommerstauden die Lücke im Mai und Juni schliesst. Ihre Blüten eignen sich als Schnittblumen; die getrockneten Balgfrüchte werden in der Floristik verwendet. Gärtnerisch geschätzt wird sie für ihre Anspruchslosigkeit auf durchlässigen, humosen Böden und für ihre Selbstaussaat – die allerdings dazu führt, dass gekaufte Sorten nach wenigen Generationen in bunte Sämlingspopulationen übergehen.
Ökologisch ist die Akelei wertvoll: Der tief in den Spornen sitzende Nektar ist vor allem langrüsseligen Hummeln zugänglich, während kurzrüsselige Arten die Sporne mitunter seitlich anbeissen und den Nektar «stehlen». Damit ist die Pflanze im Garten weniger eine Nutz- als eine Beobachtungspflanze – und genau jenes Freilandlabor, an dem die in diesem Artikel referierte Bestäubungsforschung ihre Fragen stellt.
Häufige Fragen zur Akelei
Zu welcher Pflanzenfamilie gehört die Akelei?
Zu den Hahnenfussgewächsen (Ranunculaceae), zu denen auch Hahnenfuss, Eisenhut, Rittersporn und Christrose zählen. Der wissenschaftliche Gattungsname lautet Aquilegia; die Gattung umfasst je nach Zählweise rund 70 bis über 100 Arten.
Woher kommt der Name «Aquilegia»?
Meist wird er vom lateinischen aquila («Adler») abgeleitet, weil die gebogenen Blütensporne an Krallen erinnern. Eine zweite Deutung führt ihn auf aquilegus («Wassersammler») zurück – ein Bild für den Nektar, der sich in den Spornen sammelt.
Ist die Akelei giftig?
Ja. Alle Pflanzenteile gelten als giftig, besonders Samen und Wurzel; beschrieben werden unter anderem cyanogene Verbindungen, die Blausäure freisetzen können. Die Akelei ist eine reine Zierpflanze und kein Lebensmittel.
Was ist Isocytisosid?
Isocytisosid ist das hauptsächlich beschriebene Flavonoid-C-Glykosid von Aquilegia vulgaris, chemisch ein 4′-Methoxy-5,7-dihydroxyflavon-6-C-glucosid.5 Die Angabe beschreibt einen Inhaltsstoff und keinen gesundheitlichen Nutzen; untersucht wurde die Substanz bislang nur in Labor- und Tiermodellen.
Warum sind die Blütensporne so unterschiedlich lang?
Die Bestäubungsforschung beschreibt einen Zusammenhang mit dem jeweiligen Bestäubertyp: Bei Übergängen zu Bestäubern mit längerer Zunge nahm die Spornlänge im Stammbaum der Gattung zu.2 Die Längenunterschiede entstehen dabei durch unterschiedlich stark gestreckte Zellen, nicht durch mehr Zellteilungen.1
Wird die Akelei heute noch als Arzneipflanze verwendet?
Nein. Die Pflanze war in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kräuterbüchern beschrieben, ist heute aber in keiner Arzneibuchmonographie als Droge geführt und in der Phytotherapie ohne Bedeutung. Genannt werden dafür der Gehalt an cyanogenen Verbindungen und die fehlende Datenlage.
Warum ist die Akelei ein Forschungsmodell?
Weil die Gattung als Schulbeispiel einer adaptiven Radiation gilt: viele nah verwandte Arten, stark unterschiedliche Blütenformen und Bestäuber, ein sequenziertes Referenzgenom und leichte Kreuzbarkeit.4 Das macht sie für Evolutions-, Entwicklungs- und Genomforschung besonders attraktiv.
Redaktion & fachliche Prüfung
Verfasst von der Fachredaktion der Sanasis AG (Redaktion Pflanzenkunde & Ernährung). Fachlich gegengelesen im Rahmen der internen Qualitätssicherung; Quellenrecherche und Verifikation über PubMed. Der Beitrag beschreibt die Pflanze allgemein-enzyklopädisch und ist keine Empfehlung, Beratung oder Bewerbung eines Produkts. Fragen an die Redaktion: info@sanasis.ch. Zuletzt geprüft am 04.08.2026.
Quellen
Die folgenden Quellen belegen ausschliesslich Botanik, Ökologie, stoffliche Zusammensetzung und den Umstand, dass bestimmte Fragestellungen wissenschaftlich untersucht werden – nicht eine gesundheitliche Wirkung. Recherche und Verifikation über PubMed.
1 Puzey JR, Gerbode SJ, Hodges SA, Kramer EM, Mahadevan L (2012): Evolution of spur-length diversity in Aquilegia petals is achieved solely through cell-shape anisotropy. Proc Biol Sci 279(1733):1640–1645. PMID 22090381. doi.org/10.1098/rspb.2011.1873
2 Whittall JB, Hodges SA (2007): Pollinator shifts drive increasingly long nectar spurs in columbine flowers. Nature 447(7145):706–709. PMID 17554306. doi.org/10.1038/nature05857
3 Antoń S, Kamińska M (2015): Comparative floral spur anatomy and nectar secretion in four representatives of Ranunculaceae. Protoplasma 252(6):1587–1601. PMID 25772682. doi.org/10.1007/s00709-015-0794-5
4 Filiault DL et al. (2018): The Aquilegia genome provides insight into adaptive radiation and reveals an extraordinarily polymorphic chromosome with a unique history. eLife 7:e36426. PMID 30325307. doi.org/10.7554/eLife.36426
5 Bylka W, Matławska I (1997): Flavonoids from Aquilegia vulgaris L. Part I. Isocytisoside and its derivatives. Acta Pol Pharm 54(4):331–333. PMID 9511461.
6 Bylka W, Goślińska L (2001): Determination of isocytisoside and antimicrobial activity of ethanolic extract from Aquilegia vulgaris L. Acta Pol Pharm 58(4):241–243. PMID 11693726.
7 Bylka W (2002): Flavonoids in the leaves with stems of some species of the Aquilegia L. genus. Acta Pol Pharm 59(1):57–60. PMID 12026114.
8 Murias M, Jodynis-Liebert J, Matławska I, Bylka W (2005): Antioxidant activity of isocytisoside and extracts of Aquilegia vulgaris. Fitoterapia 76(5):476–480. PMID 15967592. doi.org/10.1016/j.fitote.2005.04.004
9 Bylka W, Szaufer-Hajdrych M, Matławska I, Goślińska O (2004): Antimicrobial activity of isocytisoside and extracts of Aquilegia vulgaris L. Lett Appl Microbiol 39(1):93–97. PMID 15189294. doi.org/10.1111/j.1472-765X.2004.01553.x
10 Adamska T, Młynarczyk W, Jodynis-Liebert J, Bylka W, Matławska I (2003): Hepatoprotective effect of the extract and isocytisoside from Aquilegia vulgaris. Phytother Res 17(6):691–696. PMID 12820244. doi.org/10.1002/ptr.1233
11 Jodynis-Liebert J, Matławska I, Bylka W, Murias M (2005): Protective effect of Aquilegia vulgaris (L.) on APAP-induced oxidative stress in rats. J Ethnopharmacol 97(2):351–358. PMID 15707775. doi.org/10.1016/j.jep.2004.11.027
12 Mushtaq S et al. (2016): Isolation, characterization and HPLC quantification of compounds from Aquilegia fragrans Benth: Their in vitro antibacterial activities against bovine mastitis pathogens. J Ethnopharmacol 178:9–12. PMID 26631757. doi.org/10.1016/j.jep.2015.11.039
13 Okon E, Kukula-Koch W, Jarzab A, Halasa M, Stepulak A, Wawruszak A (2020): Advances in Chemistry and Bioactivity of Magnoflorine and Magnoflorine-Containing Extracts. Int J Mol Sci 21(4):1330. PMID 32079131. doi.org/10.3390/ijms21041330
14 Jaime R, Rey PJ, Alcántara JM, Bastida JM (2013): Glandular trichomes as an inflorescence defence mechanism against insect herbivores in Iberian columbines. Oecologia 172(4):1051–1060. PMID 23247688. doi.org/10.1007/s00442-012-2553-z
15 Chen L, Meng Y, Bai Y, Yu H, Qian Y, Zhang D, Zhou Y (2023): Starch and Sucrose Metabolism and Plant Hormone Signaling Pathways Play Crucial Roles in Aquilegia Salt Stress Adaption. Int J Mol Sci 24(4):3948. PMID 36835360. doi.org/10.3390/ijms24043948
16 Qi Y, Yang Y (2002): [Medicinal plant resources of Trib. Isopyreae and prospects of exploitation]. Zhong Yao Cai 25(2):87–89. PMID 12599404.
Quellenangaben nach PubMed. Die referierten Arbeiten stammen überwiegend aus der Evolutions- und Pflanzenbiologie sowie aus präklinischer Phytochemie (Zell- und Tiermodelle); ihre Nennung dient der Kennzeichnung von Forschungsfeldern und begründet keinen gesundheitsbezogenen Anspruch.
Informativer Lexikonartikel der Sanasis AG · redaktionell geprüft · zuletzt aktualisiert am 04.08.2026. Dieser Beitrag beschreibt die Pflanze allgemein-enzyklopädisch und ist keine Empfehlung, Beratung oder Bewerbung eines Produkts. Die Akelei gilt als giftig und ist kein Lebensmittel.