Aloe Vera: Botanik, Inhaltsstoffe & Herkunft
Lexikon · Pflanzenkunde
Aloe Vera (Aloe vera, Synonym Aloe barbadensis Miller) ist eine sukkulente Pflanze aus der Familie der Affodillgewächse (Asphodelaceae). Bekannt ist sie vor allem für das klare, wasserreiche Gel im Inneren ihrer dicken Blätter sowie für den gelben Latex direkt unter der Blattrinde. Charakteristische Inhaltsstoffe sind Polysaccharide vom Typ der acetylierten Glucomannane (Acemannan) im Gel und Anthrachinone wie Aloin im Latex. Dieser Lexikonartikel fasst Botanik, Herkunft, Zusammensetzung, Verarbeitung, den heutigen Forschungsstand, die überlieferte Verwendung sowie Sicherheitsaspekte zusammen – rein informativ und ohne Bezug auf ein bestimmtes Produkt.
Was ist Aloe Vera botanisch?
Aloe Vera ist eine ausdauernde, stammlose bis kurzstämmige Sukkulente. Ihre fleischigen, graugrünen Blätter stehen in einer dichten Rosette und tragen am Rand kleine, zahnartige Stacheln. Im Inneren speichern sie ein klares Gel – ein Wasserspeicher, mit dem die Pflanze lange Trockenzeiten übersteht. Ausgewachsen erreicht die Rosette meist 40 bis 100 Zentimeter; der Blütenstand ist eine traubige Ähre mit gelben bis orangen Röhrenblüten.
Die Art wird heute der Familie der Affodillgewächse (Asphodelaceae) zugeordnet. Ältere Quellen führen sie noch unter den Liliengewächsen (Liliaceae); diese Einteilung gilt botanisch als überholt. Die Gattung Aloe umfasst über 500 beschriebene Arten und ist damit eine der grössten Sukkulentengruppen überhaupt.1, 2 Aloe vera ist davon nur eine einzige Art – wirtschaftlich allerdings die mit Abstand bedeutendste.
Wie viele Sukkulenten betreibt Aloe Vera einen Crassulaceen-Säurestoffwechsel (CAM): Die Spaltöffnungen werden vorwiegend nachts geöffnet, um Wasserverluste zu begrenzen. Das erklärt, warum die Pflanze in trockenheissen Regionen bestehen kann. Botanisch entscheidend ist das stark ausgebildete, wasserspeichernde Blattmark (Mesophyll) – genau jenes Gewebe, das als «Aloe-Gel» genutzt wird.
Woher stammt Aloe Vera und wo wird sie angebaut?
Lange galt die ursprüngliche Heimat von Aloe Vera als ungeklärt, weil die Pflanze seit Jahrhunderten verschleppt und kultiviert wird. Eine phylogenetische Untersuchung von Forschenden der Royal Botanic Gardens Kew und weiterer Institute ordnete die Art der Arabischen Halbinsel zu – dem nördlichsten Rand des Verbreitungsgebiets der Gattung.2 Dieselbe Arbeit beschreibt, dass die Gattung Aloe vor rund 16 Millionen Jahren im südlichen Afrika entstand und dass die grossen, stark sukkulenten Blätter erst bei der jüngsten Radiation vor etwa 10 Millionen Jahren auftraten.2
Bemerkenswert ist die dort formulierte Erklärung für die heutige Marktdominanz: Die Autorinnen und Autoren führen die Vorrangstellung von Aloe vera gegenüber über 500 verwandten Arten wesentlich auf ihre Lage nahe historischer Handelsrouten und damit auf eine frühe Einführung in Handel und Kultivierung zurück – nicht auf eine belegte Sonderstellung der Pflanze.2 Zugleich zeigte die Analyse einen statistischen Zusammenhang zwischen ausgeprägter Blattsukkulenz und der Wahrscheinlichkeit, dass eine Aloe-Art überhaupt traditionell genutzt wird.2
Heute wird Aloe Vera in vielen warmen, trockenen und subtropischen Regionen angebaut – unter anderem im Mittelmeerraum, in Mexiko, in der Karibik und Mittelamerika, in Indien, China, Thailand sowie in Teilen Afrikas und Australiens. Die Pflanze bevorzugt durchlässige, eher magere Böden und volle Sonne. Sie verträgt Hitze und Trockenheit gut, reagiert aber empfindlich auf Staunässe und auf Frost.
Woraus besteht das Aloe-Vera-Blatt?
Ein Aloe-Blatt ist von aussen nach innen dreifach aufgebaut. Diese Schichtung ist der Schlüssel zum Verständnis der Pflanze, denn die drei Bereiche unterscheiden sich chemisch grundlegend. Sie erklärt auch, warum in Fachliteratur und Praxis konsequent zwischen «Gel» (Blattmark) und «Latex» (gelber Saft) unterschieden wird.
- Blattgel (Mark): besteht zum weitaus grössten Teil aus Wasser. Der geringe Trockenanteil enthält vor allem Polysaccharide – charakteristisch sind Glucomannane, darunter das acetylierte Polymannose-Molekül Acemannan.1, 3 Daneben kommen Zucker, organische Säuren, Sterole, Aminosäuren, Mineralstoffe und weitere Begleitstoffe in kleinen Mengen vor.
- Latex: der gelbe, bitter schmeckende Saft in den Gefässbündelscheiden direkt unter der Rinde. Er enthält phenolische Verbindungen, vor allem Anthrachinone und Anthrone wie Aloin (Barbaloin) sowie Aloe-Emodin.1
- Rinde: die grüne, feste Aussenschicht, die das Blatt mechanisch schützt und die Verdunstung begrenzt.
Die Chemie des Acemannans ist vergleichsweise gut beschrieben: Es handelt sich um ein Polysaccharid mit einem Rückgrat aus β-(1→4)-verknüpften D-Mannose-Einheiten, in das vereinzelt Glucose-Reste eingestreut sind; die Mannose-Einheiten sind in unterschiedlichem Ausmass acetyliert, und über O-6 sind einzelne Galaktose- und Arabinose-Reste als Seitenketten gebunden.4 Massenspektrometrische Analysen zeigten, dass die Acetylgruppen ungleichmässig über das Molekül verteilt sind – ein Merkmal, das Aloe-Mannane von ähnlichen Polysacchariden anderer Herkunft unterscheidet.4
Gehalt und Verhältnis der Inhaltsstoffe schwanken erheblich – je nach Sorte, Standort, Alter der Pflanze, Erntezeitpunkt und Verarbeitung.1 Übersichtsarbeiten weisen ausdrücklich darauf hin, dass sogar Blätter einzelner Pflanzen derselben Art stark unterschiedliche Gehalte aufweisen können; das gilt als eine der Hauptursachen dafür, dass Untersuchungsergebnisse verschiedener Labore schwer vergleichbar sind.1
Wie wird Aloe Vera gewonnen und verarbeitet?
Geerntet werden die äusseren, ausgewachsenen Blätter; die Pflanze treibt aus dem Herz der Rosette nach. Nach der Ernte muss zügig weiterverarbeitet werden, da das Blattmark rasch enzymatisch und mikrobiell verdirbt. Technologisch stehen sich zwei Grundverfahren gegenüber, die zu chemisch unterschiedlichen Rohstoffen führen.
Beim Gel-Filet-Verfahren (auch Handfilet- oder Innenblatt-Verfahren) wird das Blatt geschält und nur das innere Mark herausgelöst; Rinde und der grösste Teil des Latex bleiben zurück. Beim Ganzblatt-Verfahren wird das gesamte Blatt vermahlen, wodurch zunächst deutlich mehr Anthrachinone in den Ansatz gelangen. Beide Wege münden üblicherweise in eine Dekolorierung: Der Ansatz wird über Aktivkohle filtriert, was den Aloin-Gehalt stark reduziert. Anschliessend folgen Filtration, Stabilisierung und je nach Zielprodukt eine Trocknung (etwa Sprüh- oder Gefriertrocknung) zu Pulver oder Konzentrat.
Für die Qualitätsbeurteilung werden in der Praxis unter anderem der Gehalt an Polysacchariden, der Aloin-Gehalt, der Trockenrückstand sowie mikrobiologische Parameter herangezogen. Wie hoch der Restgehalt an Anthrachinonen ausfällt, hängt massgeblich von Verfahren und Prozessführung ab: In einer toxikologischen Untersuchung eines handelsüblichen, aus Innenblättern hergestellten Aloe-Vera-Getränks lag der Gesamt-Aloin-Gehalt beispielsweise bei 3,43 ppm, während für nicht dekolorierte Ganzblatt-Extrakte in derselben Arbeit Grössenordnungen von rund 6400 ppm Aloin A referiert werden.5
Forschung & Untersuchungsbereiche
Aloe Vera gehört zu den am häufigsten untersuchten Nutzpflanzen überhaupt. Die folgenden Abschnitte beschreiben, welche Fragestellungen Gegenstand der wissenschaftlichen Literatur sind – nicht, dass daraus ein gesundheitlicher Nutzen abgeleitet wäre. Ein sehr grosser Teil der publizierten Befunde stammt aus Labor- (in vitro) und Tiermodellen; die Übertragbarkeit auf den Menschen ist in vielen Punkten offen, und mehrere Übersichtsarbeiten bezeichnen die Datenlage ausdrücklich als widersprüchlich.1, 6
Acemannan und die Polysaccharid-Chemie. Ein eigenständiger Forschungszweig befasst sich mit Struktur und Eigenschaften der Aloe-Mannane. Untersucht wird unter anderem, welche Rolle die Acetylgruppen des Acemannans spielen: In einer experimentellen Arbeit wurde Acemannan gezielt deacetyliert und anschliessend physikalisch charakterisiert; beschrieben wurden dabei eine verminderte Wasserlöslichkeit und Hydrophilie sowie veränderte Struktureigenschaften, und in Zellversuchen unterschieden sich acetyliertes und vollständig deacetyliertes Material im Hinblick auf Zellproliferation und Genexpression.3 Solche Befunde stammen aus dem Labor und beschreiben Struktur-Eigenschafts-Beziehungen, keinen Anwendungsnutzen. Ergänzend wird analytisch untersucht, wie sich Aloe-Mannane von chemisch verwandten Polysacchariden anderer Herkunft – etwa aus Kaffee oder Johannisbrotkernmehl – unterscheiden lassen.4
Anthrachinone: Analytik und Toxikologie. Aloin dient in der Qualitätskontrolle als analytische Leitsubstanz für den Latexanteil einer Zubereitung. Zugleich ist die Stoffgruppe Gegenstand toxikologischer Forschung. Eine Untersuchung der US-amerikanischen Food and Drug Administration verabreichte Ratten Aloin über 13 Wochen im Trinkwasser und beschrieb dosisabhängige Veränderungen der Darmschleimhaut sowie Verschiebungen in der Zusammensetzung der Darmflora.7 Eine spätere 90-Tage-Studie an Ratten mit einem aus Innenblättern hergestellten, aloinarmen Aloe-Vera-Getränk (3,43 ppm Gesamt-Aloin) fand demgegenüber unter den geprüften Endpunkten keine studienbedingten Auffälligkeiten.5 Die Forschung unterscheidet in diesem Feld also sehr genau zwischen dekolorierten und nicht dekolorierten Zubereitungen.
Phenolische Verbindungen. Aloesin, Aloe-Emodin, Emodin und Flavonoide werden in der phytochemischen und antioxidativen Grundlagenforschung beschrieben.6, 8 Eine pharmakologische Übersichtsarbeit von 2020 fasst zusammen, dass sich der überwiegende Teil der neueren Publikationen zu Aloe Vera auf wenige Einzelstoffe konzentriert – genannt werden Aloe-Emodin, Aloin, Aloesin, Emodin und Acemannan – und dass die Mehrzahl der Arbeiten in vitro oder im Tiermodell durchgeführt wurde.9
Klinische Forschung und ihre Grenzen. Klinische Studien zu Aloe-Vera-Zubereitungen existieren vor allem im dermatologischen und zahnmedizinischen Bereich; systematische Übersichten bewerten ihre Aussagekraft jedoch zurückhaltend. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit zu Antiseptika bei Verbrennungswunden schloss unter anderem Aloe-Vera-haltige Zubereitungen ein und stufte die Vertrauenswürdigkeit der verfügbaren Evidenz überwiegend als niedrig bis sehr niedrig ein; die Berichtsqualität der eingeschlossenen Studien wurde ausdrücklich als mangelhaft beschrieben.10 Übersichtsarbeiten aus dem Lebensmittel- und Ernährungsbereich kommen zu einer ähnlichen Einschätzung und bezeichnen einen Teil der verbreiteten Aussagen zu Aloe Vera als kontrovers.6
Das Standardisierungsproblem. Ein wiederkehrendes Thema der Fachliteratur ist die Vergleichbarkeit. Weil sich Rohstoffe je nach Art, Pflanze, Erntezeitpunkt, Redoxzustand der Einzelstoffe und Verarbeitungsverfahren stark unterscheiden, führen selbst identisch angelegte Untersuchungen an unterschiedlichen Chargen zu abweichenden Ergebnissen.1 Diese Variabilität gilt als eine der zentralen methodischen Herausforderungen der Aloe-Forschung – und als ein wesentlicher Grund dafür, dass ein Grossteil der Literatur als vorläufig einzuordnen ist.
Traditionelle Anwendungsgebiete
Die Gattung Aloe hat eine der längsten dokumentierten Nutzungsgeschichten überhaupt und zählt weltweit zu den am breitesten überlieferten Pflanzen der Volksheilkunde.1 Die folgenden Angaben geben die kulturhistorische Überlieferung wieder. Sie sind als Traditionsbeschreibung zu verstehen und treffen keine Aussage über einen gesundheitlichen Nutzen.
Altertum und Mittelmeerraum. Aloe ist bereits in altägyptischen und mesopotamischen Quellen erwähnt; im griechisch-römischen Raum beschrieben Autoren wie Dioskurides in De Materia Medica (1. Jahrhundert) und Plinius der Ältere die eingedickte, bittere Aloe-Droge. Gemeint war dabei fast immer der eingetrocknete Latex, nicht das Blattgel. Über arabische Handelswege gelangte die Droge in den Mittelmeerraum und später nach Europa; die Insel Sokotra galt jahrhundertelang als bekannte Herkunft. Traditionell wurde die eingedickte Aloe dabei als drastisch wirkendes Abführmittel verwendet – ein historisch überliefertes Anwendungsgebiet, das heute lebensmittelrechtlich anders bewertet wird (siehe Abschnitt Sicherheit).
Ayurveda. In der ayurvedischen Tradition Indiens ist Aloe Vera unter dem Sanskrit-Namen Kumari überliefert. Sie wird dort den kühlenden, bitteren Drogen zugeordnet und traditionell sowohl äusserlich auf die Haut aufgetragen als auch innerlich in Form von Zubereitungen des Blattmarks verwendet. Diese Zuordnung folgt der Ordnungssystematik der ayurvedischen Lehre und ist kein medizinischer Wirknachweis im heutigen Sinn.
Traditionelle chinesische Medizin. In der TCM ist die Aloe-Droge unter dem Namen Lu Hui geführt. Verwendet wird dabei traditionell der eingetrocknete Saftkonzentrat-Anteil, nicht das frische Gel. Die chinesische Materia medica ordnet Lu Hui den bitteren und kalten Drogen zu – wiederum eine Kategorie der überlieferten Lehre, keine pharmakologische Aussage.
Volksheilkunde in Afrika, Lateinamerika und der Karibik. In zahlreichen Regionen wird das frische Blattmark traditionell direkt auf die Haut aufgetragen, etwa bei Sonnenbrand, kleineren Hautreizungen und Insektenstichen – überlieferte Anwendungsgebiete, kein belegter Nutzen. Wie breit die Nutzung der Gattung insgesamt ist, zeigt eine ethnobotanische Erhebung in Kenia: Von 19 dort vorgefundenen Aloe-Arten wurden 16 lokal genutzt, wobei Aloe secundiflora mit 57 dokumentierten Einzelnennungen die wichtigste Art war.11 Die Untersuchung dokumentierte zudem, dass die lokalen Pflanzennamen die kulturelle Bedeutung der jeweiligen Art widerspiegeln.11 Diese Angaben beziehen sich auf die Gattung in Ostafrika und sind ethnobotanische Dokumentation, keine Übertragung auf Aloe vera.
Vom Ritual zum Rohstoff. Auffällig ist, dass die heutige weltweite Verbreitung von Aloe vera historisch weniger mit einer Sonderstellung der Art zu tun hat als mit Handelsgeografie: Die phylogenetische Analyse von 2015 führt die Marktdominanz massgeblich auf die Nähe des ursprünglichen Verbreitungsgebiets zu bedeutenden historischen Handelsrouten und auf die daraus folgende frühe Kultivierung zurück.2
Sicherheit, Regulierung & Abgrenzung
Die sicherheitsrelevante Diskussion um Aloe Vera dreht sich fast ausschliesslich um die Hydroxyanthracen-Derivate des Latex, insbesondere Aloin, Aloe-Emodin und Emodin – nicht um das dekolorierte Blattgel. Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO bewertete Aloe-vera-Ganzblattextrakt und stufte ihn in ihrer Monographie-Reihe (Band 108) als «möglicherweise krebserzeugend für den Menschen» (Gruppe 2B) ein. Grundlage waren unter anderem Langzeitversuche an Nagern mit nicht dekoloriertem Ganzblattextrakt.
In der Europäischen Union wurde daraufhin mit der Verordnung (EU) 2021/468 die Verwendung von Aloe-Emodin, Emodin, Danthron sowie von Zubereitungen aus den Blättern von Aloe-Arten, die Hydroxyanthracen-Derivate enthalten, in Lebensmitteln untersagt. Für die Praxis bedeutet das: Aloe-Erzeugnisse für den Lebensmittelbereich müssen entsprechend aufbereitet und dekoloriert sein. Die Schweizer Lebensmittelgesetzgebung orientiert sich in diesem Bereich eng am EU-Recht; massgeblich sind jeweils die aktuellen nationalen Vorgaben.
Toxikologische Übersichtsarbeiten fassen zusammen, dass Zubereitungen aus dem Blattgel in den geprüften Modellen deutlich anders bewertet werden als Zubereitungen aus Blatt und Wurzel: Für wässrige Blattextrakte wird eine kurzfristige Anwendung als gut verträglich beschrieben, während eine langfristige Zufuhr in Tiermodellen mit Organbelastungen in Verbindung gebracht wurde.8 Diese Aussagen beziehen sich auf experimentelle Modelle und nicht auf konkrete Verwendungssituationen beim Menschen.
Abgrenzung und Verwechslungsgefahr. Aloe Vera wird optisch häufig mit Agave-Arten verwechselt; beide bilden fleischige Blattrosetten, sind botanisch jedoch nicht näher verwandt (Agaven gehören zu den Spargelgewächsen). Innerhalb der Gattung Aloe sind zudem Aloe ferox, Aloe arborescens und Aloe perryi von Aloe vera zu unterscheiden; sie haben eigene chemische Profile und eigene Nutzungsgeschichten.1, 8 Bei ungeprüftem Wildmaterial und bei der Verwendung frischer Blätter aus dem Zimmerpflanzenbestand besteht grundsätzlich das Risiko, den bitteren Latexanteil nicht sauber abzutrennen.
Allgemein gilt bei pflanzlichen Zubereitungen, dass Wechselwirkungen mit Arzneimitteln nicht ausgeschlossen sind und die Datenlage zu Verträglichkeit und Sicherheit je nach Zubereitung sehr unterschiedlich ausfällt. Wer Medikamente einnimmt, schwanger ist oder stillt, sollte Fragen zu pflanzlichen Zubereitungen mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Fachperson besprechen. Dieser Hinweis ist allgemein gehalten und nicht produktbezogen.
Wo begegnet uns Aloe Vera heute?
In der Kosmetik ist Aloe-Vera-Blattsaft einer der am häufigsten deklarierten pflanzlichen Bestandteile von Haut- und Haarpflegeprodukten; die INCI-Bezeichnung lautet Aloe Barbadensis Leaf Juice beziehungsweise Aloe Barbadensis Leaf Extract. Im Lebensmittelbereich wird entbittertes, dekoloriertes Blattgel als Zutat in Getränken, Smoothies, Joghurts und Desserts eingesetzt; verbreitet sind auch Gelwürfel in Erfrischungsgetränken. In der Zierpflanzenkultur schliesslich ist Aloe Vera eine gängige, pflegeleichte Zimmerpflanze. Übersichtsarbeiten weisen zusätzlich auf die zunehmende Verwendung von Aloe-Zubereitungen in der Lebensmitteltechnologie hin, etwa als Bestandteil essbarer Überzüge zur Verlängerung der Haltbarkeit von Frischobst.6
Häufige Fragen zu Aloe Vera
Was ist der Unterschied zwischen Aloe-Gel und Aloe-Latex?
Das Gel ist das klare, wasserreiche Mark im Blattinneren; sein Trockenanteil besteht vor allem aus Polysacchariden. Der Latex ist der gelbe, bittere Saft direkt unter der Rinde und enthält Anthrachinone wie Aloin. Bei der industriellen Verarbeitung werden beide Anteile getrennt und der Latexanteil meist über Aktivkohle reduziert.
Was ist Acemannan?
Acemannan ist das charakteristische Polysaccharid des Aloe-Blattgels: ein Mannan mit β-(1→4)-verknüpftem Mannose-Rückgrat, unterschiedlich stark acetyliert und mit einzelnen Galaktose- und Arabinose-Seitenketten.4 Es dient in der Analytik als Kennmolekül und ist Gegenstand chemischer Grundlagenforschung. Die Angabe beschreibt einen Inhaltsstoff, keinen gesundheitlichen Nutzen.
Warum wird Aloe-Vera-Saft dekoloriert?
Die Dekolorierung über Aktivkohle senkt den Gehalt an Aloin und weiteren Hydroxyanthracen-Derivaten aus dem Latex. Diese Stoffgruppe steht im Zentrum der lebensmittelrechtlichen Bewertung; in der EU sind Zubereitungen aus Aloe-Blättern, die Hydroxyanthracen-Derivate enthalten, in Lebensmitteln nicht zugelassen.
Zu welcher Pflanzenfamilie gehört Aloe Vera?
Nach heutiger Systematik zu den Affodillgewächsen (Asphodelaceae). Die frühere Einordnung bei den Liliengewächsen (Liliaceae) gilt als überholt. Die Gattung Aloe umfasst über 500 Arten, von denen Aloe vera nur eine ist.2
Woher kommt Aloe Vera ursprünglich?
Eine phylogenetische Analyse von 2015 verortet den Ursprung der Art auf der Arabischen Halbinsel; die Gattung selbst entstand vor rund 16 Millionen Jahren im südlichen Afrika.2 Angebaut wird Aloe Vera heute in zahlreichen warmen, trockenen Regionen weltweit.
Ist Aloe Vera mit der Agave verwandt?
Nein. Beide bilden fleischige Blattrosetten und werden deshalb oft verwechselt, gehören botanisch aber in verschiedene Familien: Aloe zu den Affodillgewächsen, Agave zu den Spargelgewächsen. Auch die Inhaltsstoffprofile unterscheiden sich deutlich.
Warum widersprechen sich Studien zu Aloe Vera so oft?
Weil das Ausgangsmaterial stark schwankt. Übersichtsarbeiten führen die Unterschiede auf Art, Pflanze, Standort, Erntezeitpunkt, Redoxzustand der Einzelstoffe und vor allem auf das Verarbeitungsverfahren zurück – identische Versuchsanordnungen können mit unterschiedlichen Chargen zu abweichenden Ergebnissen führen.1
Redaktion & fachliche Prüfung
Verfasst von der Fachredaktion der Sanasis AG (Redaktion Pflanzenkunde & Ernährung). Fachlich gegengelesen im Rahmen der internen Qualitätssicherung; die zitierten Quellen wurden über PubMed recherchiert und verifiziert. Der Beitrag beschreibt die Pflanze allgemein-enzyklopädisch und ist keine Empfehlung, Beratung oder Bewerbung eines Produkts. Fragen zum Beitrag an info@sanasis.ch. Zuletzt geprüft am 04.08.2026.
Quellen
Die folgenden Quellen belegen ausschliesslich Botanik, Herkunft, stoffliche Zusammensetzung, Verarbeitung, Sicherheitsbewertung sowie den Umstand, dass bestimmte Fragestellungen wissenschaftlich untersucht werden – nicht eine gesundheitliche Wirkung. Recherche und Verifikation der Angaben über PubMed.
1 Cock IE (2015): The Genus Aloe: Phytochemistry and Therapeutic Uses Including Treatments for Gastrointestinal Conditions and Chronic Inflammation. Prog Drug Res 70:179–235. PMID 26462368. doi.org/10.1007/978-3-0348-0927-6_6
2 Grace OM et al. (2015): Evolutionary history and leaf succulence as explanations for medicinal use in aloes and the global popularity of Aloe vera. BMC Evol Biol 15:29. PMID 25879886. doi.org/10.1186/s12862-015-0291-7
3 Chokboribal J et al. (2015): Deacetylation affects the physical properties and bioactivity of acemannan, an extracted polysaccharide from Aloe vera. Carbohydr Polym 133:556–566. PMID 26344314. doi.org/10.1016/j.carbpol.2015.07.039
4 Simões J et al. (2012): Mass spectrometry characterization of an Aloe vera mannan presenting immunostimulatory activity. Carbohydr Polym 90(1):229–236. PMID 24751035. doi.org/10.1016/j.carbpol.2012.05.029
5 Hayes AW et al. (2024): Evaluation of 90-day repeated dose oral toxicity of an aloe vera inner leaf gel beverage. Food Chem Toxicol 189:114726. PMID 38759713. doi.org/10.1016/j.fct.2024.114726
6 Gao Y et al. (2018): Biomedical applications of Aloe vera. Crit Rev Food Sci Nutr 59(sup1):S244–S256. PMID 29999415. doi.org/10.1080/10408398.2018.1496320
7 Boudreau MD et al. (2017): Aloin, a Component of the Aloe Vera Plant Leaf, Induces Pathological Changes and Modulates the Composition of Microbiota in the Large Intestines of F344/N Male Rats. Toxicol Sci 158(2):302–318. PMID 28525602. doi.org/10.1093/toxsci/kfx105
8 Nalimu F et al. (2021): Review on the phytochemistry and toxicological profiles of Aloe vera and Aloe ferox. Futur J Pharm Sci 7:145. PMID 34307697. doi.org/10.1186/s43094-021-00296-2
9 Sánchez M et al. (2020): Pharmacological Update Properties of Aloe vera and its Major Active Constituents. Molecules 25(6):1324. PMID 32183224. doi.org/10.3390/molecules25061324
10 Norman G et al. (2017): Antiseptics for burns. Cochrane Database Syst Rev 7(7):CD011821. PMID 28700086. doi.org/10.1002/14651858.CD011821.pub2
11 Bjorå CS et al. (2015): The uses of Kenyan aloes: an analysis of implications for names, distribution and conservation. J Ethnobiol Ethnomed 11:82. PMID 26607663. doi.org/10.1186/s13002-015-0060-0
Regulatorische Angaben nach der Monographie-Reihe der IARC (Band 108) sowie nach der Verordnung (EU) 2021/468 zur Änderung von Anhang III der Verordnung (EG) Nr. 1925/2006. Die referierten Übersichts- und Originalarbeiten fassen überwiegend präklinische Daten (Zell- und Tiermodelle) zusammen; ihre Nennung dient der Kennzeichnung von Forschungsfeldern und begründet keinen gesundheitsbezogenen Anspruch.
Informativer Lexikonartikel der Sanasis AG · redaktionell geprüft · zuletzt aktualisiert am 04.08.2026. Dieser Beitrag beschreibt die Pflanze allgemein-enzyklopädisch und ist keine Empfehlung oder Bewerbung eines Produkts.