Alpha-Liponsäure: Chemie, Vorkommen & Forschung
Lexikon · Stoffkunde
Alpha-Liponsäure (auch Thioctsäure, chemisch 6,8-Dithiooctansäure, Summenformel C8H14O2S2) ist eine schwefelhaltige organische Säure, die in den Zellen von Menschen, Tieren, Pflanzen, Pilzen und Bakterien vorkommt. Dort ist sie fest an bestimmte Enzyme des Energiestoffwechsels gebunden. Entdeckt und kristallin isoliert wurde sie 1951.1 Dieser Lexikonartikel fasst Chemie, Spiegelbildformen, Vorkommen, Biosynthese, Herstellung, den heutigen Forschungsstand sowie die Verwendungsgeschichte zusammen – rein informativ, ohne Bezug auf ein bestimmtes Produkt.
| Systematischer Name | 6,8-Dithiooctansäure |
|---|---|
| Weitere Namen | Thioctsäure, Lipoat, ALA, α-Liponsäure |
| Summenformel | C8H14O2S2 |
| Molare Masse | rund 206 Gramm pro Mol |
| Aussehen | gelber, kristalliner Feststoff |
| Schmelzpunkt | um 60 °C |
| Löslichkeit | amphiphil – in wässriger wie in fettiger Umgebung2 |
| Reduzierte Form | Dihydroliponsäure, Ring offen, zwei Thiolgruppen |
| Standardredoxpotenzial | rund −0,32 Volt für das Redoxpaar3 |
| Kristallin isoliert | 19511 |
Was ist Alpha-Liponsäure chemisch?
Alpha-Liponsäure ist eine Fettsäure mit acht Kohlenstoff-Atomen. An einem Ende trägt das Molekül eine Carbonsäure-Gruppe, am anderen Ende sitzt ein fünfgliedriger Ring aus drei Kohlenstoff- und zwei Schwefel-Atomen – der sogenannte 1,2-Dithiolan-Ring. Der systematische Name 6,8-Dithiooctansäure beschreibt genau das: eine Octansäure, die an den Positionen 6 und 8 je ein Schwefel-Atom trägt.
Die gelbe Farbe des kristallinen Feststoffs geht auf die Schwefel-Schwefel-Bindung (Disulfid-Brücke) im Ring zurück, die Licht im blauen Bereich absorbiert.
Bemerkenswert ist die doppelte Löslichkeit: Weil das Molekül sowohl einen wasserfreundlichen Teil (die Säuregruppe) als auch einen fettfreundlichen Teil (die Kohlenstoffkette mit dem Ring) besitzt, verteilt es sich sowohl in wässriger als auch in fettiger Umgebung. In der Fachliteratur wird diese Eigenschaft als amphiphil beschrieben; sie ist einer der Gründe, weshalb die Substanz chemisch vergleichsweise breit untersucht wurde.2
Die für die Chemie der Liponsäure entscheidende Eigenschaft ist die Beweglichkeit des Ringes: Die Disulfid-Brücke lässt sich reversibel öffnen. Dabei entsteht die offenkettige Dihydroliponsäure mit zwei freien Schwefel-Wasserstoff-Gruppen (Thiolen). Liponsäure und Dihydroliponsäure bilden auf diese Weise ein Redoxpaar; für dieses Paar wird in der Literatur ein Standardredoxpotenzial von rund −0,32 Volt angegeben.3
R- und S-Form: zwei spiegelbildliche Varianten
Alpha-Liponsäure besitzt am Kohlenstoff-Atom 6 ein Asymmetriezentrum und kommt deshalb in zwei spiegelbildlichen Formen vor, der R- und der S-Form.
Kurz erklärt: Enantiomere
Solche Spiegelbild-Isomere heissen Enantiomere; sie verhalten sich zueinander wie die linke zur rechten Hand und lassen sich nicht zur Deckung bringen.
Bei der klassischen chemischen Synthese entsteht ein Gemisch beider Formen zu gleichen Teilen, ein sogenanntes Racemat. Es wird als R/S-Liponsäure oder racemische Thioctsäure bezeichnet.
| Merkmal | R-Form | S-Form |
|---|---|---|
| Vorkommen in der Natur | tritt ausschliesslich in dieser Form auf | kommt in lebenden Zellen nicht vor |
| Bildung durch die zuständigen Enzyme | ja | nein, rein synthetisches Nebenprodukt |
| Einbau in die Enzymkomplexe | ja, nur diese Form | – |
| Anteil im Racemat | die Hälfte | die Hälfte |
Ob und wie sich die beiden Formen im Körper unterschiedlich verhalten, ist Gegenstand pharmakokinetischer Untersuchungen. Übersichtsarbeiten beschreiben für die R-Form günstigere Aufnahme-Kennwerte als für die S-Form.4 Eine kleine Pilotstudie an jüngeren und älteren Erwachsenen verglich die Aufnahme von R-Liponsäure und racemischer R/S-Liponsäure und berichtete eine ausgeprägte Streuung zwischen den Personen, besonders in der älteren Gruppe.5 Die Datenlage dazu ist begrenzt; die Angaben beschreiben Messgrössen der Aufnahme, nicht einen gesundheitlichen Nutzen.
Wo kommt Alpha-Liponsäure vor?
In lebenden Zellen liegt Liponsäure fast nie frei vor, sondern gebunden: Als Liponamid ist sie über eine Amidbindung an einen Lysin-Rest bestimmter Enzym-Untereinheiten geknüpft. In dieser Form wirkt sie als kovalent gebundener Cofaktor – also als fest verbautes Bauteil, nicht als frei bewegliches Molekül.
Beim Menschen sind fünf Enzymsysteme auf dieses Bauteil angewiesen:6
- Pyruvat-Dehydrogenase (Energiestoffwechsel)
- Alpha-Ketoglutarat-Dehydrogenase (Energiestoffwechsel)
- Verzweigtketten-Ketosäure-Dehydrogenase (Aminosäure-Stoffwechsel)
- 2-Oxoadipat-Dehydrogenase (Aminosäure-Stoffwechsel)
- Glycin-Spaltsystem (Aminosäure-Stoffwechsel)
Alle diese Komplexe sind aus mehreren Untereinheiten aufgebaut und ähnlich konstruiert. Die reduzierte, offenkettige Form wird anschliessend durch die Dihydrolipoyl-Dehydrogenase wieder in den Ringzustand zurückversetzt – der Kreis schliesst sich.
In der Nahrung kommt Liponsäure in geringen Mengen in vielen tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln vor, überwiegend ebenfalls in gebundener Form. Weil sie dort an Proteine geknüpft ist, sind die Gehalte analytisch schwer zu bestimmen und die publizierten Zahlenangaben schwanken erheblich. Zusätzlich bildet der menschliche Körper Liponsäure in kleinen Mengen selbst. Genau deshalb gilt sie heute nicht als Vitamin: Ein Vitamin muss definitionsgemäss von aussen zugeführt werden, weil der Körper es nicht selbst herstellen kann.
Wie entsteht Liponsäure im Körper?
Die körpereigene Bildung findet in den Mitochondrien statt und ist gut charakterisiert. Sie beginnt nicht mit freier Liponsäure, sondern mit einer Vorstufe aus der mitochondrialen Fettsäuresynthese: einem an ein Trägerprotein gebundenen Achtkohlenstoff-Rest, dem Octanoyl-ACP. Dieser Rest wird auf ein Zielprotein übertragen; anschliessend werden zwei Schwefel-Atome eingesetzt, und erst dadurch entsteht die Lipoyl-Gruppe.6
Drei Enzyme sind daran beteiligt: eine Transferase (LIPT2) überträgt den Octanoyl-Rest, die Liponsäure-Synthase (LIAS) baut die beiden Schwefel-Atome ein, und eine weitere Transferase (LIPT1) knüpft die fertige Lipoyl-Gruppe an die Untereinheiten der Ketosäure-Dehydrogenasen. LIAS ist ein Eisen-Schwefel-Cluster-Enzym und damit auf einen intakten Eisen-Schwefel-Stoffwechsel angewiesen. Bemerkenswert: Der Weg ist auf Neusynthese ausgelegt – anders als Bakterien besitzt der Mensch kein leistungsfähiges Enzym, das freie Liponsäure einfach wieder einbauen könnte.6 Dieser Umstand ist selbst Gegenstand zellbiologischer Forschung.
Wie wird Alpha-Liponsäure hergestellt?
Für technische und kommerzielle Zwecke wird Alpha-Liponsäure chemisch synthetisiert; eine Gewinnung aus natürlichem Material wäre wegen der winzigen Gehalte unwirtschaftlich. Die klassischen Syntheserouten gehen von einfachen Achtkohlenstoff-Bausteinen aus und liefern in der Regel das Racemat aus R- und S-Form. Die einzelne, natürlich vorkommende R-Form lässt sich nur mit deutlich grösserem Aufwand herstellen – etwa über stereoselektive Synthese, enzymatische Verfahren oder die nachträgliche Trennung der Enantiomere.
Freie Liponsäure ist als Reinsubstanz nicht besonders robust: Sie reagiert empfindlich auf Wärme, Licht und Feuchtigkeit, und der gespannte Dithiolan-Ring neigt dazu, sich zu öffnen und zu polymerisieren. In der Fachliteratur werden deshalb Stabilitätsfragen und Formulierungsansätze ausführlich diskutiert, darunter Salzformen (etwa Natrium-Salze) und stabilisierende Trägermatrizes.4 Auch der Geruch ist eine Folge der Chemie: Schwefelverbindungen dieser Art riechen typischerweise charakteristisch.
Forschung & Untersuchungsbereiche
Alpha-Liponsäure gehört zu den intensiver untersuchten körpereigenen Schwefelverbindungen. Die folgenden Abschnitte beschreiben, welche Fragestellungen Gegenstand der wissenschaftlichen Literatur sind – nicht, dass daraus ein gesundheitlicher Nutzen abgeleitet wäre. Ein erheblicher Teil der Befunde stammt aus Labor- (in vitro) und Tiermodellen; die Übertragbarkeit auf den Menschen ist vielfach offen. Sämtliche Angaben referieren den Inhalt der genannten Publikationen und richten sich nicht an Leserinnen und Leser als Empfehlung.
Redoxchemie und antioxidative Forschung. Seit den 1990er-Jahren wird Liponsäure in der Fachliteratur als biologisches Antioxidans diskutiert. Eine vielzitierte Übersichtsarbeit von 1995 fasste zusammen, dass Lipoat und Dihydrolipoat im Reagenzglas mit reaktiven Sauerstoffspezies reagieren und dass Wechselwirkungen mit anderen Redoxpartnern wie Vitamin C, Glutathion und Vitamin E untersucht werden.2 Diese Arbeiten beschreiben chemische Reaktivität in Modellsystemen, keine Wirkung im Menschen.
Die Gegenseite: prooxidative Befunde. Die Forschungslage ist nicht einseitig. Eine Übersichtsarbeit von 2002 referierte, dass Liponsäure und Dihydroliponsäure in vitro auch prooxidative Eigenschaften zeigen können – unter anderem über die Reduktion von Eisen – und dass die Bedeutung solcher Befunde für lebende Organismen weiter zu klären sei.3 Wer die Substanz sachlich einordnen will, muss diese Ambivalenz mitlesen: Ein Molekül, das Elektronen abgeben kann, kann je nach Umgebung in beide Richtungen wirken.
Metallbindung (Chelatbildung). Ein weiteres Untersuchungsfeld betrifft die Fähigkeit der Thiol-Gruppen, Übergangsmetalle zu binden. Übersichtsarbeiten ordnen die Chelatbildung als eine der chemisch plausiblen Eigenschaften ein und diskutieren sie im Zusammenhang mit den redoxbezogenen Fragestellungen.7 Auch hier handelt es sich um Grundlagenchemie, überwiegend aus Modellsystemen.
Aufnahme und Verbleib im Körper (Pharmakokinetik). Übersichtsarbeiten beschreiben eine kurze Verweildauer im Blut und eine begrenzte, individuell schwankende Aufnahme nach oraler Gabe; als Gründe werden ein ausgeprägter Abbau in der Leber, die begrenzte Löslichkeit und die geringe Stabilität im Magen genannt.4 Untersucht wird ausserdem, ob Alter, Darreichungsform (flüssig oder fest) und Enantiomer die gemessenen Blutspiegel beeinflussen.4, 5 Diese Fragestellungen sind messtechnischer Natur.
Klinischer Untersuchungsschwerpunkt. Der mit Abstand grösste Teil der klinischen Literatur befasst sich mit der diabetischen Polyneuropathie, wobei racemische Thioctsäure dort in mehreren Ländern arzneimittelrechtlich reguliert ist. Zu diesem Feld liegen Meta-Analysen randomisierter, placebokontrollierter Studien vor – sowohl zu intravenöser8 als auch zu oraler9 Gabe. Die Autorinnen und Autoren berichten Unterschiede in Symptom-Scores gegenüber Placebo und weisen zugleich auf heterogene Studienqualität, unterschiedliche Endpunkte und den Bedarf an weiterer Forschung hin.9 Diese Angaben referieren arzneiliche Studien in einem regulierten Anwendungsrahmen. Sie sind ausdrücklich keine Aussage über Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel, keine Empfehlung und kein Nutzenversprechen; die Bewertung solcher Arzneimittel obliegt allein den zuständigen Arzneimittelbehörden.
Genetik und Stoffwechseldefekte. Ein eigenständiges Forschungsfeld untersucht angeborene Defekte der Lipoylierung. Beschrieben sind Veränderungen in den Genen für LIAS, LIPT1 und LIPT2 sowie in Genen der Eisen-Schwefel-Cluster-Bildung; diese seltenen Konstellationen sind Gegenstand der Stoffwechselmedizin und der biochemischen Grundlagenforschung.6 Sie zeigen vor allem, wie zentral die gebundene Lipoyl-Gruppe für den Betrieb der genannten Enzymkomplexe ist.
Synthetische Abkömmlinge. Aus der Liponsäure-Chemie sind Substanzkandidaten hervorgegangen, die als eigenständige Wirkstoffe in der pharmakologischen Grundlagenforschung untersucht werden – etwa mitochondrial ansetzende Derivate.10 Es handelt sich um arzneimittelbezogene Entwicklungsforschung an veränderten Molekülen; diese Substanzen sind von der Liponsäure als natürlichem Zellbestandteil klar zu unterscheiden. Insgesamt gilt: Der Forschungsstand ist stoff-, dosis- und modellbezogen; belastbare, verallgemeinerbare Schlüsse zu einem gesundheitlichen Nutzen im Alltag lassen sich daraus nach heutigem Stand nicht ziehen.
Traditionelle Anwendungsgebiete & Verwendungsgeschichte
Hier unterscheidet sich Alpha-Liponsäure grundlegend von Pflanzendrogen wie Ingwer, Kurkuma oder Astragalus: Eine überlieferte Anwendung in der Volksheilkunde, der traditionellen chinesischen Medizin oder im Ayurveda existiert nicht. Der Stoff war vor dem 20. Jahrhundert schlicht unbekannt. Seine «Tradition» ist eine Laborgeschichte – und die ist ungewöhnlich gut dokumentiert.
Sie beginnt in den 1930er- und 1940er-Jahren mit der Bakteriologie. Verschiedene Arbeitsgruppen beobachteten, dass Milchsäurebakterien für ihr Wachstum beziehungsweise für die Umsetzung von Brenztraubensäure (Pyruvat) einen bis dahin unbekannten Faktor benötigten. Dieser Faktor trug in der Literatur je nach Arbeitsgruppe unterschiedliche Namen – unter anderem «Pyruvat-Oxidations-Faktor» – und blieb zunächst chemisch unbestimmt.
Der Durchbruch gelang 1951: Reed, DeBusk, Gunsalus und Hornberger isolierten aus Leber-Ausgangsmaterial erstmals kristalline Alpha-Liponsäure und ordneten sie als katalytisch wirksamen Bestandteil im Zusammenhang mit der Pyruvat-Dehydrogenase ein.1 Bemerkenswert ist der Massstab: Aus grossen Mengen Ausgangsmaterial liessen sich nur wenige Milligramm Reinsubstanz gewinnen – ein Hinweis darauf, wie sparsam der Stoff in Geweben vorliegt.
In der frühen Literatur wurde Liponsäure zeitweise dem Vitamin-B-Umfeld zugeordnet; historische Fachartikel führen sie noch unter dem Schlagwort «Vitamin-B-Komplex». Diese Einordnung wurde später verworfen, als klar wurde, dass Säugetiere den Stoff selbst herstellen. Seither gilt er als vitaminähnlicher, aber körpereigener Cofaktor.
Ab den 1960er-Jahren etablierte sich in Teilen Europas – namentlich im deutschsprachigen Raum – und in Japan die Verwendung racemischer Thioctsäure als arzneilicher Wirkstoff; Übersichtsarbeiten beschreiben diesen regulierten Status bis heute.4 Seit den 1990er-Jahren wird Alpha-Liponsäure zusätzlich in verschiedenen Ländern als Bestandteil von Nahrungsergänzungsmitteln gehandelt, was die pharmakokinetische und sicherheitsbezogene Forschung deutlich verbreitert hat.4, 11 Diese Angaben beschreiben die Verwendungs- und Regulierungsgeschichte in verschiedenen Rechtsräumen; sie treffen keine Aussage über einen gesundheitlichen Nutzen und beziehen sich auf kein Produkt.
Sicherheit, Wechselwirkungen & Abgrenzung
Dokumentiertes Sicherheitsthema in der Fachliteratur
Ein sicherheitsbezogenes Thema ist in der Fachliteratur gut dokumentiert und wird hier ausdrücklich genannt, weil es der Einordnung dient: das Insulin-Autoimmun-Syndrom (auch Hirata-Krankheit). Fallberichte und Fallserien beschreiben ein zeitliches Auftreten dieses seltenen Zustands nach Einnahme schwefelhaltiger Verbindungen einschliesslich Alpha-Liponsäure; diskutiert wird eine genetische Veranlagung über bestimmte HLA-Merkmale.11, 12 Ursprünglich vor allem aus Japan berichtet, wurden später auch Fälle bei europäischen Patientinnen und Patienten publiziert.11 Die Publikationen beschreiben Beobachtungen, keine nachgewiesene Ursache-Wirkungs-Kette; sie zeigen aber, dass Schwefelverbindungen keine pauschal harmlose Stoffklasse sind.
Allgemein gilt für Stoffe dieser Art, dass Wechselwirkungen mit Arzneimitteln nicht ausgeschlossen sind und dass die Datenlage zu Verträglichkeit und Sicherheit je nach Zubereitung, Dosisbereich und untersuchter Personengruppe unterschiedlich ausfällt. Wer Medikamente einnimmt, eine Stoffwechsel- oder Schilddrüsenerkrankung hat, schwanger ist oder stillt, bespricht Fragen zu solchen Stoffen sinnvollerweise mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer anderen Fachperson. Dieser Hinweis ist allgemein gehalten und nicht produktbezogen.
Häufig verwechselt werden ausserdem ähnlich klingende Begriffe. Liponsäure ist nicht:
- Linolsäure und Alpha-Linolensäure – beides mehrfach ungesättigte Fettsäuren ohne Schwefel
- Lipase – ein fettspaltendes Enzym
- Lipoprotein – ein Transportpartikel im Blut
Auch die Schreibweisen «alpha-Liponsäure», «α-Liponsäure», «ALA» und «Thioctsäure» meinen denselben Stoff – wobei die Abkürzung «ALA» verwirrenderweise auch für Alpha-Linolensäure benutzt wird.
Häufige Fragen zu Alpha-Liponsäure
Ist Thioctsäure dasselbe wie Alpha-Liponsäure?
Ja. «Thioctsäure» ist ein älterer, vor allem im arzneilichen Umfeld gebräuchlicher Name für denselben Stoff. Daneben finden sich die Bezeichnungen Lipoat (für das Salz beziehungsweise die deprotonierte Form) und 6,8-Dithiooctansäure als systematischer Name.
Warum ist Alpha-Liponsäure gelb?
Die Farbe stammt von der Schwefel-Schwefel-Bindung im Dithiolan-Ring. Diese Disulfid-Brücke absorbiert Licht im kurzwelligen Bereich, wodurch der Feststoff gelb erscheint. Öffnet sich der Ring zur Dihydroliponsäure, verschwindet diese Absorption – die reduzierte Form ist farblos.
Was ist Dihydroliponsäure?
Das ist die reduzierte, offenkettige Form der Liponsäure: Der Ring ist geöffnet, statt der Schwefel-Schwefel-Bindung liegen zwei Thiol-Gruppen (SH) vor. Beide Formen lassen sich ineinander umwandeln und bilden zusammen ein Redoxpaar mit einem Literaturwert von rund −0,32 Volt.
Ist Alpha-Liponsäure ein Vitamin?
Nein. In der frühen Literatur wurde sie zeitweise dem Vitamin-B-Umfeld zugeordnet, doch der menschliche Körper stellt sie in kleinen Mengen selbst her. Damit erfüllt sie die Definition eines Vitamins nicht. Üblich ist heute die Einordnung als körpereigener, vitaminähnlicher Cofaktor.
Was ist der Unterschied zwischen R- und R/S-Liponsäure?
R-Liponsäure ist die in der Natur vorkommende Spiegelbildform, die in die Enzymkomplexe eingebaut wird. R/S-Liponsäure ist das bei der chemischen Synthese entstehende Gemisch aus R- und S-Form zu gleichen Teilen (Racemat). Die S-Form kommt in lebenden Zellen nicht vor.
Wird Alpha-Liponsäure im Körper selbst gebildet?
Ja. Die Bildung findet in den Mitochondrien statt: Aus einer Achtkohlenstoff-Vorstufe der mitochondrialen Fettsäuresynthese entsteht über die Enzyme LIPT2, LIAS und LIPT1 die gebundene Lipoyl-Gruppe. Zusätzlich kommt Liponsäure in geringen Mengen in der Nahrung vor.
Wofür braucht der Körper die gebundene Liponsäure?
Als Liponamid ist sie fester Bestandteil von fünf Enzymsystemen: Pyruvat-Dehydrogenase, Alpha-Ketoglutarat-Dehydrogenase, Verzweigtketten-Ketosäure-Dehydrogenase, 2-Oxoadipat-Dehydrogenase und Glycin-Spaltsystem. Diese Angabe beschreibt Biochemie, keinen gesundheitlichen Nutzen.
Gibt es eine traditionelle Verwendung von Alpha-Liponsäure?
Nein, keine im Sinne einer Volksheilkunde. Der Stoff wurde erst 1951 kristallin isoliert und war davor unbekannt. Was existiert, ist eine Verwendungsgeschichte: von der bakteriologischen Grundlagenforschung der 1930er-Jahre über die Isolierung 1951 bis zur heutigen wissenschaftlichen Untersuchung.
Redaktion & fachliche Prüfung
Verfasst von der Fachredaktion der Sanasis AG (Redaktion Stoffkunde & Ernährung). Fachlich gegengelesen im Rahmen der internen Qualitätssicherung; alle zitierten Quellen wurden über PubMed recherchiert und anhand von PMID und DOI verifiziert. Rückfragen zu den Quellenangaben nehmen wir unter info@sanasis.ch entgegen. Der Beitrag beschreibt den Stoff allgemein-enzyklopädisch und ist keine Empfehlung, Beratung oder Bewerbung eines Produkts. Zuletzt geprüft am 04.08.2026.
Quellen
Die folgenden Quellen belegen ausschliesslich Chemie, Biochemie, Stoffwechselweg, Verwendungsgeschichte sowie den Umstand, dass bestimmte Fragestellungen wissenschaftlich untersucht werden – nicht eine gesundheitliche Wirkung. Recherche und Verifikation über PubMed.
1 Reed LJ, DeBusk BG, Gunsalus IC, Hornberger CS (1951): Crystalline alpha-lipoic acid; a catalytic agent associated with pyruvate dehydrogenase. Science 114(2952):93–94. PMID 14854913. doi.org/10.1126/science.114.2952.93 ↩
2 Packer L, Witt EH, Tritschler HJ (1995): alpha-Lipoic acid as a biological antioxidant. Free Radic Biol Med 19(2):227–250. PMID 7649494. doi.org/10.1016/0891-5849(95)00017-R ↩
3 Moini H, Packer L, Saris N-EL (2002): Antioxidant and prooxidant activities of alpha-lipoic acid and dihydrolipoic acid. Toxicol Appl Pharmacol 182(1):84–90. PMID 12127266. doi.org/10.1006/taap.2002.9437 ↩
4 Salehi B et al. (2019): Insights on the Use of α-Lipoic Acid for Therapeutic Purposes. Biomolecules 9(8):356. PMID 31405030. doi.org/10.3390/biom9080356 ↩
5 Keith DJ et al. (2012): Age and gender dependent bioavailability of R- and R,S-α-lipoic acid: a pilot study. Pharmacol Res 66(3):199–206. PMID 22609537. doi.org/10.1016/j.phrs.2012.05.002 ↩
6 Mayr JA, Feichtinger RG, Tort F, Ribes A, Sperl W (2014): Lipoic acid biosynthesis defects. J Inherit Metab Dis 37(4):553–563. PMID 24777537. doi.org/10.1007/s10545-014-9705-8 ↩
7 Rochette L et al. (2013): Direct and indirect antioxidant properties of α-lipoic acid and therapeutic potential. Mol Nutr Food Res 57(1):114–125. PMID 23293044. doi.org/10.1002/mnfr.201200608 ↩
8 Ziegler D, Nowak H, Kempler P, Vargha P, Low PA (2004): Treatment of symptomatic diabetic polyneuropathy with the antioxidant alpha-lipoic acid: a meta-analysis. Diabet Med 21(2):114–121. PMID 14984445. doi.org/10.1111/j.1464-5491.2004.01109.x ↩
9 Hsieh R-Y, Huang I-C, Chen C, Sung J-Y (2023): Effects of Oral Alpha-Lipoic Acid Treatment on Diabetic Polyneuropathy: A Meta-Analysis and Systematic Review. Nutrients 15(16):3634. PMID 37630823. doi.org/10.3390/nu15163634 ↩
10 Dörsam B, Fahrer J (2016): The disulfide compound α-lipoic acid and its derivatives: A novel class of anticancer agents targeting mitochondria. Cancer Lett 371(1):12–19. PMID 26604131. doi.org/10.1016/j.canlet.2015.11.019 ↩
11 Gullo D, Evans JL, Sortino G, Goldfine ID, Vigneri R (2014): Insulin autoimmune syndrome (Hirata Disease) in European Caucasians taking α-lipoic acid. Clin Endocrinol (Oxf) 81(2):204–209. PMID 24111525. doi.org/10.1111/cen.12334 ↩
12 Furukawa N et al. (2006): Possible relevance of alpha lipoic acid contained in a health supplement in a case of insulin autoimmune syndrome. Diabetes Res Clin Pract 75(3):366–367. PMID 16963149. doi.org/10.1016/j.diabres.2006.07.005 ↩
Quellenangaben nach PubMed. Die referierten Arbeiten umfassen historische Originalliteratur, biochemische Übersichtsarbeiten, pharmakokinetische Untersuchungen, Meta-Analysen arzneilicher Studien sowie Fallberichte. Ihre Nennung dient der Kennzeichnung von Forschungsfeldern und der historischen Einordnung; sie begründet keinen gesundheitsbezogenen Anspruch und bezieht sich auf kein Produkt.
Informativer Lexikonartikel der Sanasis AG · redaktionell geprüft · zuletzt aktualisiert am 04.08.2026. Dieser Beitrag beschreibt den Stoff allgemein und ist keine Empfehlung oder Bewerbung eines Produkts.