Lexikon · Pflanzenkunde
Baldrian (Valeriana officinalis): Botanik, Wurzel und Inhaltsstoffe
Baldrian (Valeriana officinalis L.) ist eine mehrjährige krautige Staude aus der Gattung Valeriana. Die Pflanze wird ein bis zwei Meter hoch, trägt unpaarig gefiederte Blätter und blüht in einer breiten, doldenartigen Rispe. Verwendet werden ausschliesslich die unterirdischen Organe: das Rhizom mit den anhängenden Wurzeln und den Ausläufern. Die frische Wurzel riecht kaum; der bekannte strenge Geruch entsteht erst beim Trocknen und Lagern. Dieser Lexikonartikel beschreibt Systematik, Ernte, Inhaltsstoffe, Geruchschemie und den arzneibuchlichen Status – rein informativ und ohne Bezug auf ein Produkt.
Was Baldrian botanisch ist
Baldrian ist eine ausdauernde Staude. Ausdauernd heisst: Der Spross stirbt im Herbst ab, das unterirdische Rhizom überdauert und treibt im Frühjahr neu aus. Im ersten Jahr bildet Baldrian meist nur eine bodennahe Blattrosette, erst im zweiten Jahr schiebt sich der Blütenstängel nach oben.
Der Stängel ist aufrecht, hohl und deutlich längs gefurcht, in der Regel erreicht er 100 bis 200 Zentimeter. Die Blätter stehen gegenständig und sind unpaarig gefiedert; das bedeutet: Mehrere Blattpaare sitzen an einer gemeinsamen Achse. Am Ende steht ein einzelnes Blättchen. Die Fiederblättchen sind lanzettlich und grob gezähnt.
Der Blütenstand ist das auffälligste Merkmal im Sommer: Baldrian bildet eine breite, flach gewölbte Doldenrispe. Botanisch ist das eine Trugdolde. Die Blütenstiele entspringen nicht alle einem Punkt, sondern verzweigen sich stufenweise. Von oben wirkt die Fläche dennoch wie eine Dolde; die Einzelblüten sind sehr klein, weiss bis blassrosa. Von Insekten werden sie bestäubt. In Mitteleuropa liegt die Blütezeit zwischen Mai und August.
Die Früchte sind kleine Nüsschen mit einem federigen Kelchsaum. Mit dem Wind trägt er sie davon. Als Standort bevorzugt Baldrian feuchte, nährstoffreiche Böden in halbschattiger bis sonniger Lage. Zu den typischen Fundorten zählen Bachufer, Gräben, Feuchtwiesen und Waldränder; in Europa und weiten Teilen Asiens ist die Art verbreitet.
Die Gattung Valeriana und der Echte Baldrian
Die Gattung Valeriana ist gross und weit verbreitet. Nach einer botanischen Arbeit aus 2023 umfasst sie rund 270 Arten im südlichen Afrika, in Amerika und in Eurasien.1 Die Formenfülle ist bemerkenswert. Zur Gattung zählen ein- und mehrjährige Kräuter, Sträucher, Halbsträucher, kleine Bäume und Lianen.1 Aus dem mexikanischen Nebelwald beschrieb dieselbe Arbeit die erste auf Bäumen wachsende Art.1
Zur Familienzuordnung gibt es zwei Bezeichnungen, die beide zutreffen: Traditionell wurden die Baldriangewächse als eigene Familie Valerianaceae geführt. In der molekularen Systematik bilden sie heute die Unterfamilie Valerianoideae innerhalb der Geissblattgewächse (Caprifoliaceae).1
In der Fachliteratur trägt der Echte Baldrian meist den Zusatz «s. l.», also sensu lato für «im weiten Sinn». Dahinter steht ein Sammelname: Valeriana officinalis L. s. l. fasst mehrere nahe verwandte Sippen zusammen. Diese unterscheiden sich unter anderem im Chromosomensatz.2 Untersucht wurden diploide und tetraploide Formen.2 Andere Arten der Gattung werden ebenfalls genutzt, etwa Valeriana jatamansi aus dem Himalaya oder Valeriana fauriei aus Ostasien. Für den Handel ist die Unterscheidung wichtig, denn die Arzneibuch-Monografie beschreibt nur Valeriana officinalis s. l.
Steckbrief Baldrian
| Wissenschaftlicher Name | Valeriana officinalis L. s. l. |
| Familie | Baldriangewächse (Valerianoideae) in den Geissblattgewächsen (Caprifoliaceae) |
| Gattung | Valeriana, rund 270 Arten |
| Weitere deutsche Namen | Arznei-Baldrian, Katzenkraut, Katzenwurzel, Stinkwurz |
| Lebensform | mehrjährige Staude mit Rhizom |
| Wuchshöhe | meist 100–200 cm |
| Blütenstand | breite Doldenrispe (Trugdolde), Blüten weiss bis blassrosa |
| Blütezeit | Mai bis August |
| Standort | feuchte, nährstoffreiche Böden; Bachufer, Gräben, Feuchtwiesen, Waldränder |
| Verbreitung | Europa und weite Teile Asiens |
| Verwendeter Pflanzenteil | Rhizom mit Wurzeln und Ausläufern (Valerianae radix) |
| Erntezeit | Herbst des zweiten Kulturjahres |
| Stoffgruppen | ätherisches Öl, Sesquiterpensäuren, Valepotriate, Lignane, Flavonoide |
Wurzel, Rhizom und Ausläufer: der verwendete Pflanzenteil
Umgangssprachlich ist von der «Baldrianwurzel» die Rede, botanisch ist der Rohstoff ein Gemisch aus drei Organen. Das Europäische Arzneibuch beschreibt ihn als getrocknete unterirdische Teile von Valeriana officinalis L. s. l., einschliesslich des von den Wurzeln umgebenen Rhizoms und der Ausläufer.3
- Rhizom: ein verdickter, unterirdischer Spross, kurz und meist senkrecht gestellt.
- Wurzeln: zahlreiche dünne, brüchige Nebenwurzeln von wenigen Millimetern Durchmesser.
- Ausläufer (Stolonen): kriechende Sprossteile, mit denen sich die Pflanze seitlich ausbreitet.
Geerntet wird im Herbst des zweiten Jahres, meist zwischen September und Oktober. Im ersten Jahr hat die Pflanze noch zu wenig unterirdische Masse gebildet. Nach dem Roden werden die Wurzelballen gewaschen, von Erde befreit und grob zerteilt. Bei anderen Wurzeldrogen wird ähnlich verfahren, etwa bei der Angelikawurzel oder der Enzianwurzel.
Getrocknet wird betont schonend. In der Anbau- und Drogenliteratur werden Temperaturen unterhalb von rund 40 Grad Celsius genannt. Der Grund ist stofflicher Natur. Die Valepotriate gelten ausdrücklich als thermolabil und instabil.4 Zu hohe Temperaturen treiben zudem das ätherische Öl aus.
Warum getrocknete Baldrianwurzel riecht
Der Geruch ist das bekannteste Merkmal der Droge; «Droge» ist dabei ein Fachbegriff der Pharmazie und bezeichnet getrocknetes Pflanzenmaterial. Bemerkenswert ist: Die frisch ausgegrabene Wurzel riecht kaum, erst beim Trocknen und in der Lagerung entsteht der typische, streng-käsige Geruch.
Verantwortlich dafür sind die Valepotriate. Der Name ist ein Kurzwort aus «Valeriana-Epoxy-Triester»; es handelt sich um Iridoide, also Monoterpen-Abkömmlinge, die als Ester vorliegen. Hauptvertreter sind Valtrat und Isovaltrat.3 Vor allem in der frisch geernteten Wurzel kommen sie vor.3
An diesen Molekülen sitzt eine Epoxidgruppe, also ein gespannter Dreiring aus zwei Kohlenstoffatomen und einem Sauerstoffatom. Diese Struktur ist chemisch instabil. Unter Einfluss von Wärme, Feuchtigkeit, Säure oder Lagerzeit zerfallen die Valepotriate. Als Abbauprodukte werden Baldrinal, Homobaldrinal sowie Valeriansäure und Isovaleriansäure genannt.3
Der Zerfall setzt also freie Isovaleriansäure frei, eine kurzkettige Fettsäure mit der Summenformel C₅H₁₀O₂. In reiner Form riecht sie intensiv ranzig-käsig. Dieselbe Verbindung prägt den Geruch reifer Käsesorten. Der Bericht der Europäischen Arzneimittel-Agentur formuliert den Zusammenhang deutlich. Danach habe getrocknete Baldrianwurzel ihr charakteristisches Aroma zum Teil wegen ihres Gehalts an Isovaleriansäure.3
Eine zweite Quelle für denselben Stoff liegt im ätherischen Öl. Zu dessen Hauptbestandteilen zählt Myrtenylisovalerat, ein Ester der Isovaleriansäure.3 Bei Feuchtigkeit kann auch aus solchen Estern die freie Säure entstehen. Der Geruch der Droge ist damit kein Merkmal der lebenden Pflanze, sondern ein Ergebnis der Verarbeitung.
Wie rasch dieser Abbau abläuft, wurde experimentell verfolgt. Eine Arbeit aus 2012 lagerte einen Valepotriat-Extrakt der Art Valeriana glechomifolia acht Monate lang bei minus 20 Grad Celsius.4 Schon ab dem ersten Monat verschoben sich die Anteile der einzelnen Valepotriate gegeneinander.4 In der gelösten Probe traten zusätzlich Zerfallsprodukte auf.4
Die Inhaltsstoffgruppen im Überblick
Die Zusammensetzung der Droge ist vielteilig. Nach Herkunft, Sippe und Anbau schwankt sie. Das ätherische Öl ist ein Gemisch flüchtiger Verbindungen. Durch Wasserdampfdestillation lässt es sich gewinnen. Es besteht aus Mono- und Sesquiterpenen. Aus 15 Kohlenstoffatomen bestehen die Sesquiterpene; ein bekanntes Beispiel ist Caryophyllen. Im Baldrianöl werden unter anderem Valerianol, Valeranon und Valerenal beschrieben.3
Die Valerensäure ist die Leitsubstanz der Analytik, das heisst: An ihr wird die Qualität der Droge gemessen. Sie gehört zu den Sesquiterpensäuren und trägt die Summenformel C₁₅H₂₂O₂, daneben kommen Acetoxyvalerensäure und Epoxyvalerensäure vor.3 Lange galten diese Säuren als artspezifisches Merkmal des Echten Baldrians; nach neueren Untersuchungen kommen sie auch in verwandten Arten vor.3
Ein Detail am Rand wird später wichtig: In der Droge treten Spuren von Alkaloiden auf, darunter Actinidin und Valerianin. Der Arzneibuch-Bericht hält fest, dass es sich dabei wahrscheinlich um Artefakte der Trocknung handelt.3
| Stoffgruppe | Gehalt in der Droge | Genannte Einzelstoffe |
|---|---|---|
| Ätherisches Öl3 | rund 0,3–2,1 % | Bornylacetat, Myrtenylisovalerat, Camphen, Borneol, Myrtenol |
| Sesquiterpene3 | Anteil des Öls | Valerianol, Valeranon, Valerenal, Beta-Eudesmol, Tamariscen |
| Sesquiterpensäuren3 | mind. 0,17 % (Arzneibuch) | Valerensäure, Acetoxyvalerensäure, Epoxyvalerensäure |
| Valepotriate3 | rund 0,1–2 % | Valtrat, Isovaltrat, Dihydrovaltrat; instabil |
| Lignane3 | rund 0,2 % | 8-Hydroxypinoresinol und dessen Glykoside |
| Alkaloid-Spuren3 | Spuren | Actinidin, Valerianin; wahrscheinlich Trocknungsartefakte |
Valerianae radix: der Status im Arzneibuch
Baldrianwurzel ist eine im Arzneibuch beschriebene Droge. Unter dem lateinischen Namen Valerianae radix führt sie das Europäische Arzneibuch (Ph. Eur.) in der Monografie 0453.3 Eine zweite Monografie mit der Nummer 2526 gilt der geschnittenen Ware Valerianae radix minutata, die für Kräutertees hergestellt wird.3 Zudem ist die Droge in das Britische Arzneibuch und in das Arzneibuch der Vereinigten Staaten aufgenommen.3
Eine Monografie ist eine Qualitätsvorschrift; sie legt fest, was unter dieser Bezeichnung gehandelt werden darf und wie das geprüft wird.
| Monografie | Mindestgehalte nach Ph. Eur.3 |
|---|---|
| Valerianae radix (0453) ganze oder zerfallene unterirdische Teile | ätherisches Öl: mind. 4 ml je kg Sesquiterpensäuren: mind. 0,17 % (als Valerensäure) |
| Valerianae radix minutata (2526) geschnittene Ware für Kräutertees | ätherisches Öl: mind. 3 ml je kg Sesquiterpensäuren: mind. 0,10 % (als Valerensäure) |
Was eine Arzneibuch-Monografie regelt – und was nicht
Eine Monografie beschreibt Identität, Reinheit, Prüfmethoden und Mindestgehalte eines Ausgangsstoffs. Sie ist ein Qualitätsmassstab für Labor und Handel. Die Angaben hier betreffen ausschliesslich diesen Status. Ein Anwendungsgebiet ist damit nicht verbunden und wird hier nicht beschrieben.
Anbau, Sorten und Handelsformen
In Europa wird Baldrian im Feldanbau kultiviert. Polen zählt zu den grössten Erzeugern. Dort wird vor allem die Landessorte «Lubelski» angebaut.2 Mit wild wachsenden Beständen verglich eine Untersuchung aus 2024 vier Herkünfte dieser Sorte; bestimmt wurden Wurzelmasse, Valerensäuregehalt und Ölgehalt.2
Die Ergebnisse zeigen, wie stark die Herkunft zählt. Die wild wachsenden Bestände waren diploid und lieferten weniger Wurzelmasse sowie weniger Valerensäuren als die tetraploiden Kulturformen.2 Zugleich enthielten sie mehr ätherisches Öl.2 Insgesamt identifizierte die Arbeit 44 Verbindungen im Öl.2 Als mengenmässig führend werden Alpha-Fenchen, Bornylacetat und Valerenal genannt.2
Im Handel begegnet die Droge in mehreren Aufbereitungsformen:
- ganze oder grob zerteilte getrocknete Wurzelballen
- geschnittene Ware für Aufgüsse (Valerianae radix minutata)
- gepulverte Droge
- Auszüge mit Wasser, Ethanol oder Methanol
- ätherisches Öl aus der Wasserdampfdestillation
Gelagert wird kühl, trocken und lichtgeschützt. Das verlangsamt den Abbau der empfindlichen Bestandteile.4
Katzen und Baldrian: ein Kapitel Verhaltensbiologie
Dass Katzen auf Baldrianwurzel ansprechen, ist eine alte Beobachtung. Der Trivialname Katzenkraut hält sie fest. Erst in jüngerer Zeit wurde die Sache verhaltensbiologisch untersucht.
Eine Arbeit aus 2017 prüfte vier Pflanzenmaterialien an 100 Hauskatzen: Katzenminze, Matatabi (Strahlengriffel, Actinidia polygama), Tatarische Heckenkirsche und Baldrianwurzel.5 Jede Katze erhielt alle vier Materialien und eine Kontrolle mehrfach angeboten. Auf Baldrianwurzel reagierte rund die Hälfte der Katzen, auf Katzenminze sprach etwa jede dritte Katze nicht an.5 Auf Matatabi reagierten knapp 80 Prozent.5
Das beobachtete Verhalten ist ein festes Muster: Schnüffeln, Lecken, Kopf- und Wangenreiben am Material sowie Wälzen auf dem Rücken. Es handelt sich um eine angeborene Reaktion auf einen Geruchsreiz, nicht um erlerntes Verhalten.
Chemisch führt die Spur zu einer Stoffgruppe, die auch in der Katzenminze vorkommt. Dort ist Nepetalacton der auslösende Stoff, ein Iridoid. In Baldrian fehlt Nepetalacton weitgehend. Deshalb testete eine Arbeit aus 2022 13 Einzelstoffe an Katzen.6 Ein halbes Dutzend ähnlich gebauter Lactone löste das Verhalten aus, ebenso die strukturell abweichenden Stoffe Actinidin und Dihydroactinidiolid.6 Die meisten Katzen sprachen auf Actinidin nicht an.6 Jene, die es taten, reagierten darauf länger als auf alle anderen geprüften Stoffe.6
Damit schliesst sich der Kreis zu den Inhaltsstoffen. Actinidin ist ein Monoterpen-Alkaloid und in der getrockneten Baldrianwurzel in Spuren nachweisbar, wahrscheinlich als Artefakt der Trocknung.3 Auf die Gattung Actinidia verweist sein Name. Zu ihr gehören Matatabi und die Kiwi. Baldrian und Matatabi teilen also einen Stoff, der bei einem Teil der Katzen dasselbe Verhalten auslöst.
Woher der Name Baldrian kommt
Seit dem Mittelalter ist der Gattungsname Valeriana belegt. Für seine Herkunft nennt die Literatur zwei Deutungen. Die eine führt ihn auf das lateinische Verb valere zurück, das «kräftig sein» bedeutet. Die andere verweist auf den römischen Personennamen Valerius oder die Provinz Valeria; gesichert ist keine der beiden.
Der deutsche Name ist eine lautliche Umformung des lateinischen Wortes; über mittelhochdeutsch baldrian entstand die heutige Form. Die gelegentlich zu lesende Herleitung vom germanischen Gott Baldur gilt als volksetymologische Deutung, also als spätere Erklärung nach dem Klang.
Bis heute steckt ein Nachhall der Pflanze in der Chemie. Nach Valeriana trägt die Valeriansäure ihren Namen, weil sie zuerst aus dieser Pflanze gewonnen wurde. Aus demselben Wortstamm leitet sich die Isovaleriansäure ab, jener Stoff, der den Geruch der Droge prägt.3
Abgrenzung: Spikenard, Indischer Baldrian und Roter Baldrian
Mit dem Echten Baldrian werden drei Pflanzen aus derselben Verwandtschaft regelmässig verwechselt.
Aus dem Himalaya stammt Spikenard oder Nardenwurzel (Nardostachys jatamansi), die Quelle des seit der Antike gehandelten Nardenöls. Die Art bildet eine eigene Gattung Nardostachys, die zur selben Familie der Geissblattgewächse zählt. Eine Arbeit aus 2025 ordnete sie über ihre Organellengenome innerhalb dieser Familie ein.7 Auffallend ist die Namensfalle: Auch eine echte Valeriana-Art trägt das Artepitheton jatamansi und heisst im Handel Indischer Baldrian. Es sind zwei verschiedene Pflanzen aus zwei Gattungen.
In Gärten und an Mauern ist Roter Baldrian (Centranthus ruber) häufig. Die Art stammt aus dem Mittelmeerraum. In der Schweiz ist sie vielerorts verwildert. Sie trägt dichte, leuchtend rote bis rosa Blütenstände und schmale, ungeteilte Blätter. Botanisch gehört sie zu den Baldriangewächsen, ihre Gattungsstellung ist jedoch umstritten. Eine molekulare Untersuchung aus 2025 prüfte alle Arten und Unterarten von Centranthus.8 Dabei bestätigte sie die Gattung als eigene Abstammungsgemeinschaft.8 Andere Arbeiten stellen dieselben Arten in die Gattung Valeriana.8 Roter Baldrian ist damit ein Verwandter des Echten Baldrians, aber nicht dessen Ersatz, und liefert keine Valerianae radix.
| Pflanze | Wissenschaftlicher Name | Merkmal und Abgrenzung |
|---|---|---|
| Echter Baldrian | Valeriana officinalis L. s. l. | Europa und Asien; weisse bis blassrosa Doldenrispe; liefert Valerianae radix |
| Indischer Baldrian | Valeriana jatamansi | Himalaya; gleiche Gattung, andere Art; nicht Gegenstand der Monografie 0453 |
| Spikenard, Narde | Nardostachys jatamansi | Himalaya; eigene Gattung derselben Familie7; liefert Nardenöl |
| Roter Baldrian | Centranthus ruber | Mittelmeerraum, verwildert; rote Blüten; Gattungsstellung umstritten8 |
Häufige Fragen zu Baldrian
Warum riecht getrocknete Baldrianwurzel so streng?
Weil beim Trocknen und Lagern Isovaleriansäure frei wird. Die Valepotriate der frischen Wurzel tragen eine instabile Epoxidgruppe und zerfallen; dabei entstehen unter anderem Baldrinal, Homobaldrinal und Isovaleriansäure.3 Die frische Wurzel riecht dagegen kaum.
Welcher Pflanzenteil wird bei Baldrian verwendet?
Die unterirdischen Organe: das von den Wurzeln umgebene Rhizom samt Ausläufern, getrocknet.3 Blätter, Stängel und Blüten gehören nicht dazu.
Wann wird Baldrian geerntet?
Im Herbst des zweiten Kulturjahres, meist im September oder Oktober; im ersten Jahr bildet die Pflanze überwiegend eine Blattrosette. Getrocknet wird anschliessend schonend bei niedriger Temperatur, weil ein Teil der Inhaltsstoffe wärmeempfindlich ist.4
Was ist Valerensäure?
Valerensäure ist eine Sesquiterpensäure mit der Summenformel C₁₅H₂₂O₂ und dient als Leitsubstanz der Analytik. Für Valerianae radix verlangt das Europäische Arzneibuch mindestens 0,17 Prozent Sesquiterpensäuren, berechnet als Valerensäure.3
Warum reagieren Katzen auf Baldrian?
Auslöser sind flüchtige Inhaltsstoffe, die ein angeborenes Verhaltensmuster ansprechen. In einer Untersuchung an 100 Hauskatzen reagierte rund die Hälfte auf Baldrianwurzel.5 Als auslösende Einzelstoffe wurden neben mehreren Lactonen auch Actinidin und Dihydroactinidiolid beschrieben.6 Actinidin ist in der getrockneten Wurzel in Spuren nachweisbar.3
Ist Roter Baldrian dasselbe wie Echter Baldrian?
Nein. Aus dem Mittelmeerraum stammt Roter Baldrian (Centranthus ruber), eine Zier- und Mauerpflanze mit roten Blüten. Er gehört in dieselbe Verwandtschaftsgruppe, seine Gattungsstellung wird fachlich diskutiert.8 Die Arzneibuch-Monografie Valerianae radix bezieht sich ausschliesslich auf Valeriana officinalis s. l.3
Redaktion und fachliche Prüfung
Verfasst von der Fachredaktion der Sanasis AG (Redaktion Pflanzenkunde und Ernährung). Fachlich gegengelesen im Rahmen der internen Qualitätssicherung. Der Beitrag beschreibt die Pflanze allgemein-enzyklopädisch und ist keine Empfehlung, Beratung oder Bewerbung eines Produkts. Hinweise und Korrekturen an info@sanasis.ch. Zuletzt geprüft am 05.08.2026.
Quellen
Die folgenden Quellen belegen Systematik, Zusammensetzung, Anbau, arzneibuchlichen Status und die Beobachtungen an Katzen. Sie belegen keine gesundheitliche Wirkung. Recherche über Europe PMC, jede DOI über Crossref bestätigt.
1 Francisco-Gutiérrez A, Cházaro-Basáñez M, Carral-Domínguez R (2023): The first epiphytic species of Valeriana in the world: Valeriana rudychazaroi (Caprifoliaceae). PhytoKeys 236:145–156. PMID 38152566. doi.org/10.3897/phytokeys.236.110905
2 Raj K et al. (2024): Chemical Diversity of Wild-Growing and Cultivated Common Valerian (Valeriana officinalis L. s.l.) Originating from Poland. Molecules 29(1):112. PMID 38202695. doi.org/10.3390/molecules29010112
3 European Medicines Agency, Committee on Herbal Medicinal Products (2016): Assessment report on Valeriana officinalis L., radix and Valeriana officinalis L., aetheroleum. EMA/HMPC/150846/2015. Dort zitiert: Ph. Eur. Monografien 07/2015:0453 (Valerianae radix) und 07/2015:2526 (Valerianae radix minutata). ema.europa.eu
4 Müller LG et al. (2012): Effect of storage time and conditions on the diene valepotriates content of the extract of Valeriana glechomifolia obtained by supercritical carbon dioxide. Phytochemical Analysis 23(3):222–227. PMID 21953720. doi.org/10.1002/pca.1346
5 Bol S et al. (2017): Responsiveness of cats (Felidae) to silver vine (Actinidia polygama), Tatarian honeysuckle (Lonicera tatarica), valerian (Valeriana officinalis) and catnip (Nepeta cataria). BMC Veterinary Research 13:70. PMID 28302120. doi.org/10.1186/s12917-017-0987-6
6 Bol S, Scaffidi A, Bunnik EM, Flematti GR (2022): Behavioral differences among domestic cats in the response to cat-attracting plants and their volatile compounds reveal a potential distinct mechanism of action for actinidine. BMC Biology 20:192. PMID 36008824. doi.org/10.1186/s12915-022-01369-1
7 Xiong Y et al. (2025): Organelle Genomes of Nardostachys jatamansi Offer New Perspectives into the Evolutionary Dynamics of Caprifoliaceae. Biology 14(9):1219. PMID 41007366. doi.org/10.3390/biology14091219
8 De Castro O et al. (2025): Can we rescue Centranthus (Caprifoliaceae: Valerianoideae) from the Valeriana sea? Botanical Journal of the Linnean Society 209(4):345–358. doi.org/10.1093/botlinnean/boaf019
Die referierten Arbeiten beruhen auf botanischer Systematik, phytochemischer Analytik, Lager- und Anbauversuchen sowie verhaltensbiologischen Beobachtungen an Tieren. Die Angaben zum Arzneibuch beschreiben ausschliesslich Qualitätsanforderungen an einen Ausgangsstoff.
Informativer Lexikonartikel der Sanasis AG · redaktionell geprüft · zuletzt aktualisiert am 05.08.2026. Der Beitrag beschreibt die Pflanze allgemein-enzyklopädisch und ist keine Empfehlung oder Bewerbung eines Produkts.