Cannabisöl: ein Wort für drei verschiedene Erzeugnisse
Lexikon · Warenkunde
«Cannabisöl» ist kein festgelegter Fachbegriff. Im Sprachgebrauch bezeichnet das Wort drei völlig verschiedene Erzeugnisse: kaltgepresstes Hanfsamenöl, einen in Trägeröl gelösten Hanfextrakt und THC-haltige Zubereitungen.
Die drei unterscheiden sich in der Herkunft aus der Pflanze, in der Zusammensetzung und vor allem rechtlich. Dieser Artikel trennt sie sauber voneinander. Er trifft keine Aussage zu Wirkungen und bezieht sich auf kein Produkt.
Warum der Begriff nicht taugt
Der Grund liegt in der Pflanze selbst. Cannabinoide entstehen in den Drüsenhaaren der weiblichen Blütenstände. Im Samen entstehen sie nicht. Wer also ein Öl aus Samen presst, erhält ein anderes Erzeugnis als jemand, der Blüten extrahiert — auch wenn beide von derselben Pflanze stammen.
Die drei Erzeugnisse im Vergleich
| Erzeugnis | Woraus | Rechtliche Einordnung |
|---|---|---|
| Hanfsamenöl | gepresste Samen | gewöhnliches Speiseöl |
| Hanfextrakt in Trägeröl | extrahierte Blütenstände | neuartiges Lebensmittel, bewilligungspflichtig1 |
| THC-haltige Zubereitung | Blütenstände THC-reicher Sorten | ab 1,0 % Gesamt-THC Betäubungsmittelrecht2 |
Hanfsamenöl: ein Speiseöl
Hanfsamenöl entsteht durch Pressen der Samen, meist kalt. Es ist grünlich bis goldgelb und schmeckt nussig. Mit Cannabinoiden hat es praktisch nichts zu tun; kleine Mengen können allenfalls durch anhaftendes Pflanzenmaterial hineingelangen.
Ernährungsphysiologisch interessant ist sein Fettsäuremuster. Eine Untersuchung an Hanf-, Lein- und Leindottersamen aus litauischem Anbau ordnete die drei Ölsaaten vergleichend ein. Hanfsamen wiesen dabei unter den drei Arten den höchsten Anteil an mehrfach ungesättigten und den niedrigsten Anteil an einfach ungesättigten Fettsäuren auf. Das Verhältnis von Omega-6- zu Omega-3-Fettsäuren lag bei 3,79.3
Dieses Muster ist züchterisch veränderbar. Eine Arbeitsgruppe schaltete gezielt zwei Enzyme der Fettsäure-Umwandlung aus, die Δ12- und die Δ15-Desaturase. Eine der so entstandenen Linien lieferte im Feldanbau ein Öl mit 70 Molprozent Ölsäure bei unverändertem Ertrag. Das kaltgepresste Öl dieser Linie bildete weniger flüchtige Verbindungen und war siebenmal länger haltbar als das Ausgangsöl.4
Praktischer Hinweis zur Lagerung: Mehrfach ungesättigte Fettsäuren sind empfindlich gegenüber Wärme, Licht und Sauerstoff. Hanfsamenöl gehört deshalb kühl, dunkel und gut verschlossen aufbewahrt und eignet sich nicht zum Braten.
Hanfextrakt in Trägeröl
Diese Erzeugnisse werden im Handel oft als «CBD-Öl» bezeichnet. Hergestellt werden sie, indem Blütenmaterial extrahiert und der Extrakt anschliessend in einem Trägeröl gelöst wird. Als Trägeröl dient häufig Hanfsamenöl — daher die Verwechslungsgefahr.
Rechtlich ist die Einordnung eindeutig. Cannabinoide aus Hanfpflanzen sowie Extrakte aus Cannabis sativa und daraus gewonnene cannabinoidhaltige Erzeugnisse gelten als neuartige Lebensmittel. Sie dürfen nur mit einer Bewilligung des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen oder einer Zulassung durch die Europäische Kommission in Verkehr gebracht werden.1
Als neuartig gilt ein Lebensmittel, für das vor dem 15. Mai 1997 kein nennenswerter Verzehr in der Schweiz oder in der EU belegt ist. Für einzelne Cannabinoide ist ein solcher Verzehr nicht nachgewiesen. Die Bewertung von Cannabidiol als neuartiges Lebensmittel ist zudem bis zum Vorliegen neuer Daten ausgesetzt.1
THC-haltige Zubereitungen
Hier greift ein drittes Rechtsgebiet. Cannabis und daraus bestehende Erzeugnisse mit einem durchschnittlichen Gesamt-THC-Gehalt von mindestens 1,0 Prozent unterstehen dem Betäubungsmittelrecht.2 Der unbefugte Umgang damit ist verboten.
Wichtig ist die Reihenfolge der Prüfung. Ein Erzeugnis unter der THC-Schwelle ist damit betäubungsmittelrechtlich nicht erfasst — über die lebensmittelrechtliche Verkehrsfähigkeit sagt das aber nichts aus. Beide Fragen sind unabhängig voneinander zu beantworten.
Woran Sie die Erzeugnisse unterscheiden
- Zutatenliste lesen. Steht dort nur «Hanfsamenöl» oder «Cannabis sativa seed oil», handelt es sich um ein Speiseöl.
- Auf das Wort Extrakt achten. Begriffe wie «Hanfextrakt», «Blütenextrakt» oder eine Angabe in Milligramm Cannabinoid weisen auf die zweite Gruppe hin.
- Prozentangaben prüfen. Eine Prozentzahl bezieht sich meist auf den Cannabinoid-Gehalt und nicht auf das Öl selbst.
- Herkunft der Rohware. Samen und Blütenstände sind verschiedene Pflanzenteile mit verschiedener Zusammensetzung.
Häufige Fragen
Was ist Cannabisöl?
Kein festgelegter Fachbegriff. Das Wort steht im Sprachgebrauch für kaltgepresstes Hanfsamenöl, für Hanfextrakt in Trägeröl oder für THC-haltige Zubereitungen. Diese drei sind rechtlich völlig verschieden einzuordnen.
Enthält Hanfsamenöl Cannabinoide?
Praktisch nicht. Cannabinoide entstehen in den Drüsenhaaren der Blütenstände, nicht im Samen. Kleine Mengen können nur durch anhaftendes Pflanzenmaterial hineingelangen.
Warum steht Hanfsamenöl oft als Zutat auf CBD-Ölen?
Weil es dort als Trägeröl dient. Der Extrakt aus den Blüten wird darin gelöst. Auf der Zutatenliste stehen dann beide, das Trägeröl und der Extrakt.
Eignet sich Hanfsamenöl zum Braten?
Nein. Sein Anteil mehrfach ungesättigter Fettsäuren ist hoch, und diese sind empfindlich gegenüber Wärme, Licht und Sauerstoff. Das Öl gehört kühl und dunkel gelagert und wird kalt verwendet.
Was bedeutet die 1-Prozent-Grenze?
Sie stammt aus dem Betäubungsmittelrecht und bezieht sich auf den Gesamt-THC-Gehalt. Ab 1,0 Prozent unterstehen Cannabis und daraus bestehende Erzeugnisse dem Betäubungsmittelrecht.2
Dieser Beitrag ordnet Begriffe und Rechtslage ein. Er ist keine Empfehlung, keine Beratung und bezieht sich auf kein Produkt. Sanasis führt kein cannabinoidhaltiges Erzeugnis. Fragen zur eigenen Situation gehören zu einer Fachperson.
Redaktion & Quellen · Fachredaktion der Sanasis AG · zuletzt aktualisiert am 10.08.2026. Fachliteratur über PubMed recherchiert, Rechtsquellen bei den zuständigen Bundesämtern geprüft.
1 Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV): Cannabis, Hanfextrakte und Cannabinoide als Lebensmittel. blv.admin.ch
2 Verordnung des EDI über die Verzeichnisse der Betäubungsmittel, psychotropen Stoffe, Vorläuferstoffe und Hilfschemikalien (BetmVV-EDI), SR 812.121.11. fedlex.admin.ch/eli/cc/2011/363/de
3 Razmaitė V, Pileckas V, Bliznikas S, Šiukščius A (2021): Fatty Acid Composition of Cannabis sativa, Linum usitatissimum and Camelina sativa Seeds Harvested in Lithuania for Food Use. Foods 10(8):1902. PMID 34441681. doi.org/10.3390/foods10081902
4 Bielecka M et al. (2014): Targeted mutation of Δ12 and Δ15 desaturase genes in hemp produce major alterations in seed fatty acid composition including a high oleic hemp oil. Plant Biotechnol J 12(5):613–623. PMID 24506492. doi.org/10.1111/pbi.12167
Die referierten Arbeiten sind agrarwissenschaftliche, pflanzenzüchterische und rechtliche Quellen. Ihre Nennung dient der Belegführung und begründet keinen gesundheitsbezogenen Anspruch.