Caralluma fimbriata: Sukkulente, Namensfrage und Botanik
Lexikon · Botanik
Caralluma fimbriata ist eine blattlose Stammsukkulente aus Indien. Sie gehört zu den Hundsgiftgewächsen und wächst in den Trockengebieten der indischen Halbinsel. Ihr Name ist in der heutigen Systematik allerdings nicht mehr eindeutig – das ist das Erste, was man über diese Pflanze wissen sollte.
Dieser Lexikonartikel beschreibt die Pflanze botanisch: Bau, Blüte, Verbreitung, Namensgeschichte und rechtliche Einordnung. Er trifft keine Aussagen zu Wirkungen, Beschwerden oder Anwendungen und bezieht sich auf kein Produkt.
Steckbrief
| Name der Erstbeschreibung | Caralluma fimbriata Wall., 1829 |
| Familie | Hundsgiftgewächse (Apocynaceae) |
| Unterfamilie | Seidenpflanzengewächse (Asclepiadoideae) |
| Tribus / Subtribus | Ceropegieae / Stapeliinae |
| Wuchsform | blattlose Stammsukkulente, ausdauernd |
| Triebe | vierkantig, graugrün, fleischig |
| Heimat | indische Halbinsel, Trockengebiete |
| Gruppenname im Gartenbau | Stapelien oder Aasblumen |
Ein Name, drei Lesarten
Nathaniel Wallich beschrieb die Pflanze 1829 als eigene Art. Dabei ist es nicht geblieben. Wer den Namen heute in einem botanischen Verzeichnis nachschlägt, bekommt je nach Werk eine andere Antwort.
Der Grund ist eine grosse Umstellung innerhalb der Familie. Eine molekulare Untersuchung der Verwandtschaftsverhältnisse ergab, dass die bisherigen Gattungsgrenzen die tatsächliche Abstammung nicht abbilden. Die Autoren fassten daraufhin rund dreissig Gattungen der Stapelien in der Gattung Ceropegia zusammen – darunter auch Caralluma.1
Zwei grosse Pflanzendatenbanken führen den Namen deshalb unterschiedlich. World Flora Online stellt ihn als Varietät zu Caralluma adscendens. Das Namensgerüst der Global Biodiversity Information Facility führt ihn als gleichbedeutend mit Ceropegia adscendens. Beide Häuser stützen sich auf dieselbe Fachliteratur und ziehen daraus verschiedene Schlüsse.7
Für die Praxis heisst das: Der Handelsname sagt wenig über die botanische Identität aus. Wer eine Pflanze dieser Gruppe genau bestimmen will, braucht Belegmaterial und eine Angabe, welchem Verzeichnis die Bestimmung folgt.
Wie die Pflanze gebaut ist
Auffällig ist zuerst, was fehlt: Blätter. Die Pflanze bildet nur winzige, rasch abfallende Blattanlagen. Die Aufgabe der Blätter übernimmt der Stamm. Er ist fleischig, vierkantig und graugrün und übernimmt damit gleich drei Funktionen – Wasserspeicher, Photosynthese und Halt.
Diese Bauweise heisst Stammsukkulenz und tritt in Trockengebieten immer wieder auf, in nicht verwandten Pflanzenfamilien unabhängig voneinander. Viele dieser Pflanzen öffnen ihre Spaltöffnungen nachts statt tagsüber, um Wasser zu sparen. Eine aktuelle Übersicht weist diesen Stoffwechselweg für 370 Gattungen aus 38 Pflanzenfamilien nach.2
Blüten, die nach Aas riechen
Die Blüten der Stapelien sind fünfzählig und sternförmig. Bei Caralluma fimbriata tragen die Kronzipfel einen Saum feiner Härchen. Genau darauf spielt der Artname an: «fimbriatus» ist lateinisch und heisst gefranst.
Der Geruch ist der eigentliche Punkt. Viele Arten dieser Gruppe verströmen einen Aasgeruch. Erzeugt wird er von besonderen Drüsengeweben, den Osmophoren. Eine mikroskopische Untersuchung an stammsukkulenten Stapelien hat gezeigt, wo diese Gewebe sitzen und wie sie gebaut sind.3
Wie eng das Zusammenspiel sein kann, zeigt eine Feldarbeit an vier Ceropegia-Arten, die am selben Ort zur selben Zeit blühen. Jede Art zog ihre eigenen Bestäuber an. Das Duftbild wirkt hier wie eine Adresse und verhindert, dass sich die Arten gegenseitig ins Gehege kommen.4
Herkunft und Standort
Die Pflanze stammt von der indischen Halbinsel. Sie besiedelt trockene, steinige Standorte mit langen Zeiten ohne Niederschlag. Solche Lebensräume verlangen genau die Merkmale, die oben beschrieben sind: Wasser im Stamm speichern, wenig Oberfläche anbieten, sparsam mit Verdunstung umgehen.
In der indischen Küche sind mehrere Stapelien-Arten regional als Gemüse bekannt. Diese Verwendung ist örtlich und traditionell; sie sagt nichts darüber aus, wie ein Erzeugnis in der Schweiz einzustufen ist.
Welche Stoffgruppe die Gattung kennzeichnet
Chemisch fällt die Verwandtschaft durch eine bestimmte Stoffklasse auf: Pregnanglykoside. Das sind Verbindungen mit einem Steroidgerüst, an das ein oder mehrere Zuckerreste gebunden sind. Aus verschiedenen Arten der Gattung wurden solche Verbindungen isoliert und in ihrem Aufbau beschrieben, zuletzt etwa sechs neue Vertreter aus Caralluma hexagona.5
Diese Angaben betreffen ausschliesslich den chemischen Aufbau. Sie sind eine Beschreibung von Molekülen, nicht von Eigenschaften eines Lebensmittels.
Rechtliche Einordnung in der Schweiz
Zwei Fragen sind zu trennen. Die eine betrifft die Verkehrsfähigkeit, die andere die Bewerbung.
- Verkehrsfähigkeit: Lebensmittel, die vor dem 15. Mai 1997 in der Schweiz und in der EU nicht in nennenswertem Umfang verzehrt wurden, gelten als neuartig und brauchen eine Bewilligung. Die Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel lässt sonstige Stoffe nur zu, wenn sie nach der Verordnung über neuartige Lebensmittel zulässig sind oder vom BLV bewilligt wurden.
- Bewerbung: Gesundheitsbezogene Angaben sind nur zulässig, wenn sie in der Liste der zugelassenen Angaben stehen. Für diese Pflanze ist dort kein Eintrag vorhanden.
Zur zweiten Frage gibt es eine klare Aktenlage. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit begutachtete 2010 fünf Anträge zu einem Ethanol-Wasser-Auszug dieser Pflanze. Sie betrafen Taillenumfang, Körperfett, Körpergewicht, Kalorienzufuhr und Hunger- beziehungsweise Appetitkontrolle. Keine dieser fünf Angaben wurde in die Liste der zugelassenen Angaben aufgenommen.6
Daraus folgt die Linie dieses Artikels: Er beschreibt eine Pflanze und verzichtet auf jede Aussage zu Wirkungen.
Häufige Fragen
Was ist Caralluma fimbriata?
Eine blattlose Stammsukkulente aus der Familie der Hundsgiftgewächse, heimisch in den Trockengebieten der indischen Halbinsel. Ihre vierkantigen, fleischigen Triebe speichern Wasser und übernehmen die Photosynthese.
Warum tragen Verzeichnisse verschiedene Namen?
Weil eine molekulare Untersuchung die Gattungsgrenzen innerhalb der Stapelien neu gezogen hat.1 Je nachdem, welchem Verzeichnis man folgt, heisst die Pflanze Caralluma fimbriata, Caralluma adscendens var. fimbriata oder Ceropegia adscendens.
Was bedeutet der Artname «fimbriata»?
Er kommt aus dem Lateinischen und heisst gefranst. Gemeint ist der Saum feiner Härchen an den Kronzipfeln der Blüte.
Warum riechen die Blüten unangenehm?
Der Geruch stammt aus Drüsengeweben der Blütenkrone, den Osmophoren.3 Er ähnelt dem Duftbild von totem Gewebe und lockt Fliegen an, die den Pollen weitertragen.
Welche Stoffgruppe kennzeichnet die Gattung?
Pregnanglykoside – Verbindungen aus einem Steroidgerüst mit angehängten Zuckerresten. Aus mehreren Arten der Gattung wurden solche Verbindungen isoliert und beschrieben.5
Warum steht hier nichts über Anwendungen?
Weil gesundheitsbezogene Angaben nur zulässig sind, wenn sie in der Liste zugelassener Angaben stehen. Für diese Pflanze ist dort nichts eingetragen; fünf entsprechende Anträge wurden 2010 begutachtet und nicht aufgenommen.6
Dieser Beitrag beschreibt eine Pflanze aus botanischer Sicht. Er ist keine medizinische Information, keine Empfehlung und keine Anleitung zur Selbstbehandlung. Fragen zur eigenen Gesundheit gehören zu einer Fachperson.
Redaktion & Quellen · Fachredaktion der Sanasis AG · zuletzt aktualisiert am 10.08.2026. Fachliteratur über PubMed und Europe PMC recherchiert, jede Quelle über Crossref bestätigt.
1 Bruyns PV, Klak C, Hanáček P (2017): A revised, phylogenetically-based concept of Ceropegia (Apocynaceae). S Afr J Bot 112:399–436. doi.org/10.1016/j.sajb.2017.06.021
2 Gilman IS et al. (2023): The CAM lineages of planet Earth. Ann Bot 132(4):627–654. PMID 37698538. doi.org/10.1093/aob/mcad135
3 Płachno BJ, Świątek P, Szymczak G (2010): Can a stench be beautiful? – Osmophores in stem-succulent stapeliads (Apocynaceae-Asclepiadoideae-Ceropegieae-Stapeliinae). Flora 205(2):101–105. doi.org/10.1016/j.flora.2009.01.002
4 Kidyoo A et al. (2022): Pollinator and floral odor specificity among four synchronopatric species of Ceropegia (Apocynaceae) suggests ethological isolation that prevents reproductive interference. Sci Rep 12(1):13788. PMID 35963887. doi.org/10.1038/s41598-022-18031-z
5 Mohamed OG et al. (2024): Hexagonosides A–F: Pregnane glycosides isolated from Caralluma hexagona. Phytochemistry 217:113903. doi.org/10.1016/j.phytochem.2023.113903
6 EFSA Panel on Dietetic Products, Nutrition and Allergies (2010): Scientific Opinion on the substantiation of a health claim related to ethanol-water extract of Caralluma fimbriata (Slimaluma) pursuant to Article 13(5) of Regulation (EC) No 1924/2006. Fünf Gutachten zu Taillenumfang, Körperfett, Körpergewicht, Kalorienzufuhr und Hunger-/Appetitkontrolle. EFSA Journal 8(5):1602–1606. 1602, 1603, 1604, 1605, 1606
7 Namensstände abgefragt am 10.08.2026 bei World Flora Online (wfo-0000586181) und im Namensgerüst der Global Biodiversity Information Facility (Schlüssel 3578136).
Die referierten Arbeiten sind systematische, morphologische und chemische Untersuchungen. Ihre Nennung dient der Belegführung und begründet keinen gesundheitsbezogenen Anspruch.