Cordyceps: zwei Pilze, ein Handelsname
Lexikon · Mykologie
Hinter dem Wort «Cordyceps» stehen im Handel zwei verschiedene Pilze. Der eine ist der Raupenpilz des tibetischen Hochlands, der heute Ophiocordyceps sinensis heisst. Der andere ist Cordyceps militaris, der sich züchten lässt. Sie gehören seit 2007 nicht einmal mehr derselben Gattung an.
Dieser Lexikonartikel beschreibt beide Organismen: Systematik, Wirt, Vorkommen, Herkunftsprüfung und Kultur. Er trifft keine Aussagen zu Wirkungen, Beschwerden oder Anwendungen.
Die beiden im Vergleich
| Merkmal | Raupenpilz | Puppen-Kernkeule |
|---|---|---|
| Heutiger Name | Ophiocordyceps sinensis | Cordyceps militaris |
| Familie | Ophiocordycipitaceae | Cordycipitaceae |
| Vorkommen | tibetisches Hochland, 3500–4500 m2 | weit verbreitet, gemässigte Zonen |
| Herkunft der Ware | Wildsammlung | Kultur im Betrieb4 |
| Kennstoff | – | Cordycepin4 |
Warum die Gattung geteilt wurde
Die Gattung Cordyceps war lange ein Sammelbecken für Pilze, die Insekten befallen. Das gemeinsame Merkmal war die Lebensweise, nicht die Abstammung.
Eine umfassende Untersuchung der Verwandtschaftsverhältnisse räumte damit 2007 auf. Die Gattung wurde aufgeteilt, und der Raupenpilz wanderte in die neu gefasste Gattung Ophiocordyceps.1 Der ältere Name Cordyceps sinensis steht deshalb noch auf vielen Verpackungen, gilt fachlich aber als überholt.
Der Raupenpilz und sein Hochland
Der Raupenpilz befällt im Boden lebende Raupen von Nachtfaltern. Das Tier stirbt, der Pilz durchwächst es und schiebt im Frühjahr einen keulenförmigen Fortsatz aus dem Kopfende ans Licht. Gesammelt wird das Ganze als ein Stück: Raupenhülle plus Pilzkeule.
Sein Lebensraum ist eng begrenzt. Eine Modellrechnung von 2025 ordnet die geeigneten Flächen vor allem Höhen zwischen 3500 und 4500 Metern zu. Höhenlage, Niederschlag im wärmsten Vierteljahr, Temperatur im kältesten Vierteljahr und die Deckung mit krautiger Vegetation erklären zusammen 90 Prozent der Verbreitung.2
Dieselbe Arbeit nennt Zahlen zur Erzeugung: 91,9 Prozent der weltweiten Menge stammen aus China, über 82 Prozent davon aus Sichuan, Tibet und Qinghai. Für die Zukunft rechnet das Modell mit einer Verschiebung in noch höhere Lagen.2
Zwei Lebewesen, zwei Barcodes
Bei der Herkunftsprüfung zeigt sich die Besonderheit dieses Handelsguts besonders deutlich. Weil ein Stück aus Pilz und Insekt besteht, reicht ein genetischer Marker nicht aus.
Eine Arbeit von 2025 hat deshalb zwei Abschnitte nebeneinander abgelesen: einen für den Pilz und einen für das Insekt. Aus 215 Stücken von 75 Sammelorten ergaben sich 24 beziehungsweise 78 verschiedene Varianten. In Kombination liessen sich 99 unterscheidbare Herkunftsräume abgrenzen.3
Der Anlass dafür ist wirtschaftlich: Preis und Beschaffenheit hängen stark vom Herkunftsgebiet ab, und im Handel werden Partien verschiedener Herkunft vermischt.3
Cordycepin und die Kultur
Ganz anders liegt der Fall bei Cordyceps militaris. Diese Art lässt sich im Betrieb anziehen und bildet dort Fruchtkörper. Kennzeichnend für sie ist Cordycepin, ein Abkömmling des Adenosins.
Wie viel davon entsteht, hängt von den Kulturbedingungen ab. Eine Untersuchung von 2026 hat Fruchtkörper bei 15, 20 und 25 Grad Celsius herangezogen und dabei deutliche Unterschiede im Gehalt gemessen.4 Das heisst für die Praxis: Der Gehalt ist keine feste Eigenschaft der Art, sondern eine Frage der Führung der Kultur.
Rechtliche Einordnung
Für keinen der beiden Pilze gibt es eine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Die Liste der zugelassenen Angaben führt weder Ophiocordyceps sinensis noch Cordyceps militaris.5 Aussagen zu Ausdauer, Atemwegen, Immunsystem oder Stoffwechsel sind damit unzulässig.
Daraus folgt die Linie dieses Artikels: Er beschreibt zwei Pilze und verzichtet auf jede Aussage zu Wirkungen.
Häufige Fragen
Was ist Cordyceps?
Ein Handelsname für zwei verschiedene Pilze: den wild gesammelten Raupenpilz Ophiocordyceps sinensis aus dem tibetischen Hochland und die züchtbare Art Cordyceps militaris. Beide befallen Insekten.
Warum steht auf manchen Packungen Cordyceps sinensis?
Weil das der frühere Name ist. Seit der Aufteilung der Gattung im Jahr 2007 heisst die Art Ophiocordyceps sinensis.1 Gemeint ist derselbe Pilz.
Wo wächst der Raupenpilz?
Auf dem tibetischen Hochland und in angrenzenden Gebieten, überwiegend zwischen 3500 und 4500 Metern über Meer. 91,9 Prozent der weltweiten Menge stammen aus China.2
Warum braucht die Herkunftsprüfung zwei Barcodes?
Weil ein gesammeltes Stück aus zwei Lebewesen besteht. Ein Abschnitt wird für den Pilz abgelesen, ein zweiter für die Raupe. Erst die Kombination beider trennt die Herkunftsräume sauber.3
Was ist Cordycepin?
Ein Abkömmling des Adenosins und der Kennstoff von Cordyceps militaris. Sein Gehalt hängt stark von den Kulturbedingungen ab, unter anderem von der Temperatur.4
Warum steht hier nichts über Anwendungen?
Weil gesundheitsbezogene Angaben nur zulässig sind, wenn sie in der Liste zugelassener Angaben stehen. Für beide Pilze ist dort kein Eintrag vorhanden.5
Dieser Beitrag beschreibt zwei Pilzarten aus biologischer Sicht. Er ist keine medizinische Information, keine Empfehlung und keine Anleitung zur Selbstbehandlung. Fragen zur eigenen Gesundheit gehören zu einer Fachperson.
Redaktion & Quellen · Fachredaktion der Sanasis AG · zuletzt aktualisiert am 10.08.2026. Fachliteratur über PubMed und Europe PMC recherchiert, jede Quelle über Crossref bestätigt.
1 Sung GH et al. (2007): Phylogenetic classification of Cordyceps and the clavicipitaceous fungi. Stud Mycol 57:5–59. doi.org/10.3114/sim.2007.57.01 ↩
2 Chen L et al. (2025): Future Habitat Shifts and Economic Implications for Ophiocordyceps sinensis Under Climate Change. Ecol Evol 15(4):e71327. PMID 40270803. doi.org/10.1002/ece3.71327 ↩
3 Li Y et al. (2025): An attempt of DNA barcodes based geographical origin authentication of the Chinese caterpillar fungus, Ophiocordyceps sinensis. IMA Fungus 16:e144783. PMID 40201154. doi.org/10.3897/imafungus.16.144783 ↩
4 Shao J et al. (2026): Molecular Mechanisms of Temperature-Regulated Cordycepin Biosynthesis in Cordyceps militaris. J Fungi 12(2):118. doi.org/10.3390/jof12020118 ↩
5 Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel. Abgeglichen am 10.08.2026: kein Eintrag zu Ophiocordyceps sinensis oder Cordyceps militaris. eur-lex.europa.eu ↩
Die referierten Arbeiten sind systematische, ökologische und analytische Untersuchungen. Ihre Nennung dient der Belegführung und begründet keinen gesundheitsbezogenen Anspruch.