Heiliger Basilikum (Tulsi): Botanik, Sorten und Rechtslage
Heiliger Basilikum (Ocimum tenuiflorum L.) ist ein Lippenblütler aus Südasien. Im Handel läuft er meist unter dem Namen Tulsi, in älterer Literatur unter dem Synonym Ocimum sanctum L. Mit dem Küchenbasilikum ist er verwandt, aber nicht dieselbe Art. Für Heiligen Basilikum gibt es keine zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben.
Dieser Lexikoneintrag beschreibt die Pflanze botanisch, warenkundlich und rechtlich. Er beschreibt keine Wirkung und keine Anwendung am Menschen.
Zwei Arten, ein Wort im Namen
Basilikum ist kein Artname, sondern der Name einer ganzen Gattung. Die Referenztaxonomie GBIF führt unter Ocimum L. 91 akzeptierte Arten. Zwei davon stehen im Alltag nebeneinander.
Das Küchenbasilikum aus der italienischen Küche ist Ocimum basilicum L. Der Heilige Basilikum ist Ocimum tenuiflorum L. Beide gehören zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceae) und damit in dieselbe Verwandtschaft wie Salbei, Thymian und Minze.
Der Unterschied fällt schon beim Riechen auf. Tulsi riecht nelkenartig bis würzig, weil im ätherischen Öl Eugenol dominiert. Genovese-Basilikum riecht süsslich bis anisartig, weil dort andere Stoffe den Ton angeben. Genau dieser Unterschied ist später auch rechtlich von Bedeutung.
| Küchenbasilikum | Heiliger Basilikum | |
| Art | Ocimum basilicum L., GBIF usageKey 2927096 | Ocimum tenuiflorum L., GBIF usageKey 2927100 |
| Handelsname | Basilikum, Genovese | Tulsi |
| Hauptstoff im Öl | je nach Sorte Methylchavicol oder Linalool | meist Eugenol, dazu Sesquiterpene |
Steckbrief
| Wissenschaftlicher Name | Ocimum tenuiflorum L., GBIF usageKey 2927100 |
| Gebräuchliches Synonym | Ocimum sanctum L. |
| Familie / Ordnung | Lippenblütler (Lamiaceae) / Lamiales |
| Arten der Gattung | 91 akzeptierte Arten in der GBIF-Referenztaxonomie |
| Verwendeter Teil | Blätter und blühende Sprossspitzen, frisch oder getrocknet |
| Sortengruppen im Anbau | Rama, Krishna, Vana |
| Sachbezeichnung Aufguss | Kräutertee |
| Zugelassene Angaben | keine |
Rama, Krishna und Vana
Im Anbau werden drei Sortengruppen unterschieden. Rama hat grüne Blätter, Krishna purpurn überlaufene, Vana steht für wildwachsende Formen. Diese Namen stammen aus dem Anbau und aus dem Handel, nicht aus der botanischen Nomenklatur. Sie sind nirgends verbindlich festgelegt.
Der Unterschied bleibt trotzdem nicht bloss optisch. Eine Arbeit von 2024 hat für die purpurne Form höhere Gehalte an Methyleugenol beschrieben und daraus ein Nachweisverfahren entwickelt. Grundlage ist ein einzelner Basenaustausch im Chloroplastengenom, im Gen ycf1 an Position 126 029. Damit lässt sich Handelsware im Labor zuordnen.
Wie stark die Zusammensetzung schwankt
Eine Untersuchung an drei Ocimum-Arten aus Nepal hat die ätherischen Öle über die Jahreszeiten verglichen. Bei Ocimum tenuiflorum lagen die Hauptbestandteile bei Eugenol mit 32,2 bis 35,0 Prozent, trans-beta-Elemen mit 29,1 bis 32,9 Prozent und beta-Caryophyllen mit 19,9 bis 21,6 Prozent.
Beim Küchenbasilikum derselben Untersuchung sah das Bild völlig anders aus: Methylchavicol mit 62,2 bis 64,4 Prozent und Linalool mit rund 27 Prozent. Methylchavicol ist ein zweiter Name für Estragol — derselbe Stoff, zwei Bezeichnungen.
Noch grösser wird die Spanne zwischen Herkünften. Eine Arbeit von 2024 untersuchte Öle aus Tulsi-Blättern von vier Standorten. Der Eugenolgehalt reichte dort von 9,0 bis 44,0 Prozent.
Für die Praxis heisst das: Ein Gehaltswert aus einer Veröffentlichung beschreibt eine Probe, nicht die Art. Wer Zahlen vergleicht, muss Herkunft, Erntezeit und Sorte mitlesen.
Estragol und Methyleugenol im Lebensmittelrecht
Beide Stoffe zählen zu den Alkenylbenzolen. Das ist eine Gruppe von Pflanzenstoffen, die in ätherischen Ölen vieler Küchenkräuter und Gewürze natürlich vorkommt. Ihre toxikologische Bewertung hat dazu geführt, dass das Lebensmittelrecht sie eigens regelt.
Die Schweizer Aromenverordnung führt sie in Anhang 4 an zwei Stellen. In Teil 1 stehen die Stoffe, die Lebensmitteln nicht als solche zugesetzt werden dürfen; Estragol unter Ziffer 1.7, Methyleugenol unter Ziffer 1.10. Teil 2 regelt den anderen Fall: das natürliche Vorkommen in zusammengesetzten Lebensmitteln, denen Aromen zugesetzt wurden. Dort gelten Höchstmengen je Lebensmittelgruppe.
Die beiden Stoffe sind chemisch klar bestimmt. Estragol trägt die PubChem-Nummer 8815, Summenformel C10H12O, molare Masse 148,20 g/mol. Methyleugenol trägt die Nummer 7127, Summenformel C11H14O2, molare Masse 178,23 g/mol.
Zwei Punkte, die daraus folgen:
Das Kraut — frisch, getrocknet oder tiefgekühlt — bleibt ein gewöhnliches Küchen- und Aufgusskraut. Die Ausnahme in Anhang 4 nimmt genau diesen Fall aus.
Ein ätherisches Öl oder ein konzentrierter Auszug ist etwas anderes. Dort liegen die Stoffe angereichert vor, und die Beschränkungen des Aromenrechts greifen. Sanasis führt kein solches Erzeugnis zum Verzehr.
Kulturgeschichte
Tulsi wächst in Indien seit langem in Hausgärten und Tempelhöfen. In der hinduistischen Überlieferung gilt die Pflanze als heilig; der Name geht auf das Sanskritwort «Tulasi» zurück.
In der ayurvedischen Tradition zählt Tulsi zu den bedeutendsten Pflanzen überhaupt. Diese Bedeutung ist kulturgeschichtlich belegt. Über Eigenschaften der Pflanze im Sinne des Lebensmittelrechts sagt sie nichts aus, und sie ersetzt keinen Nachweis.
Rechtliche Einordnung in der Schweiz
Gesundheitsbezogene Angaben zu Lebensmitteln sind amtlich festgelegt. Zulässig ist nur, was in der Liste steht, und nur im festgelegten Wortlaut. Zu Heiligem Basilikum, zu Tulsi und zu Ocimum steht dort kein Eintrag.
Getrennt davon regelt eine zweite Verordnung, welche Vitamine, Mineralstoffe und sonstigen Stoffe einem Nahrungsergänzungsmittel zugesetzt werden dürfen und in welcher Höchstmenge. Für Vitamine und Mineralstoffe ist diese Liste abschliessend; für die übrigen Stoffe legt sie Höchstmengen und zulässige Verbindungen fest. Ocimum tenuiflorum ist darin nicht aufgeführt.
Ein dritter Punkt betrifft die Bezeichnung. Nach der Verordnung des EDI über Getränke ist Tee ausschliesslich das Erzeugnis vom Teestrauch Camellia sinensis. Ein Aufguss aus Tulsi-Blättern ist damit kein Tee, sondern ein Kräutertee.
Sanasis führt deshalb kein Erzeugnis mit Heiligem Basilikum. Die Pflanze bleibt hier ein Thema der Botanik und der Warenkunde.
Häufige Fragen
Ist Tulsi dasselbe wie Küchenbasilikum?
Nein. Tulsi ist Ocimum tenuiflorum, das Küchenbasilikum ist Ocimum basilicum. Dieselbe Gattung, verschiedene Arten — und verschieden zusammengesetzte ätherische Öle.
Warum liest man mal Ocimum sanctum, mal Ocimum tenuiflorum?
Es ist dieselbe Pflanze. Ocimum sanctum L. ist der ältere Name und wird in GBIF als Synonym zum akzeptierten Namen Ocimum tenuiflorum L. geführt. In der älteren Fachliteratur überwiegt das Synonym.
Warum ist Estragol im Lebensmittelrecht geregelt?
Estragol darf Lebensmitteln nach Anhang 4 Teil 1 der Aromenverordnung nicht als solches zugesetzt werden. Für das natürliche Vorkommen gelten die Höchstmengen aus Teil 2 — nicht aber dort, wo nur Kräuter oder Gewürze zugesetzt wurden.
Gibt es zugelassene gesundheitsbezogene Angaben zu Tulsi?
Nein. In der amtlichen Liste der zulässigen gesundheitsbezogenen Angaben ist Heiliger Basilikum nicht aufgeführt. Aussagen über eine gesundheitliche Wirkung sind in der Werbung daher nicht zulässig.
Quellen
- Global Biodiversity Information Facility (GBIF), Backbone Taxonomy: Ocimum tenuiflorum L., usageKey 2927100, Familie Lamiaceae, Ordnung Lamiales; Ocimum sanctum L. dort als Synonym geführt. Ferner Ocimum basilicum L., usageKey 2927096, und die Gattung Ocimum L., usageKey 2874693, mit 91 akzeptierten Arten.
- Balaji R., Parani M.: «Development of an allele-specific PCR (AS-PCR) method for identifying high-methyl eugenol-containing purple Tulsi (Ocimum tenuiflorum L.) in market samples», Molecular Biology Reports, Band 51 (2024), Artikel 439. DOI 10.1007/s11033-024-09365-0 (doi.org), PMID 38520476 (PubMed).
- Paudel P.N., Satyal P., Setzer W.N. et al.: «Seasonal Variation in Essential Oil Composition and Bioactivity of Three Ocimum Species from Nepal», Molecules, Band 30 (2025), Artikel 3581. DOI 10.3390/molecules30173581 (doi.org), PMID 40942106 (PubMed).
- Giang Le D., Satyal P., Giang Nguyen H. et al.: «Essential Oil and Waste Hydrosol of Ocimum tenuiflorum L.: A Low-Cost Raw Material Source of Eugenol, Botanical Pesticides, and Therapeutic Potentiality», Chemistry & Biodiversity, Band 21 (2024), Artikel e202401161. DOI 10.1002/cbdv.202401161 (doi.org), PMID 39073007 (PubMed).
- Götz M.E., Eisenreich A., Frenzel J., Sachse B., Schäfer B.: «Occurrence of Alkenylbenzenes in Plants: Flavours and Possibly Toxic Plant Metabolites», Plants, Band 12 (2023), Artikel 2075. DOI 10.3390/plants12112075 (doi.org), PMID 37299054 (PubMed).
- PubChem, National Library of Medicine: Estragol CID 8815, C10H12O, 148,20 g/mol; Methyleugenol CID 7127, C11H14O2, 178,23 g/mol.
- Aromenverordnung, SR 817.022.41, Anhang 4 — Teil 1 Ziff. 1.7 und 1.10 sowie Teil 2 Ziff. 2.2 und 2.7 samt den Fussnoten 20 und 21.
- Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel (LIV), SR 817.022.16, Anhang 14 «Zulässige gesundheitsbezogene Angaben» — kein Eintrag zu Ocimum, Heiligem Basilikum oder Tulsi.
- Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel (VNem), SR 817.022.14 — Ocimum tenuiflorum ist in den Stofflisten nicht aufgeführt.
- Verordnung des EDI über Getränke, SR 817.022.12, Artikel 58 — Begriffe «Tee» und «Kräutertee».
Redaktion Sanasis AG. Botanische Angaben nach GBIF, Stoffdaten nach PubChem und den zitierten Untersuchungen, rechtliche Einordnung nach der Aromenverordnung, der LIV, der VNem und der Getränkeverordnung. Dieser Eintrag beschreibt eine Pflanze und keine Anwendung am Menschen.