Inositol: Chemie, Vorkommen und Rechtslage
Inositol ist ein sechsgliedriger Kohlenstoffring, an dem sechs Hydroxylgruppen sitzen. Der chemische Name lautet Cyclohexan-1,2,3,4,5,6-hexol. In der Schweiz ist Inositol für Nahrungsergänzungsmittel zugelassen, mit einer Höchstmenge von 1000 mg je empfohlener täglicher Verzehrsmenge. Zugelassene gesundheitsbezogene Angaben gibt es dazu keine.
Dieser Lexikoneintrag beschreibt den Stoff chemisch, warenkundlich und rechtlich. Er beschreibt keine Wirkung und keine Anwendung.
Ein Ring, sechs Hydroxylgruppen, neun Möglichkeiten
Der Bau von Inositol ist einfach beschrieben. Sechs Kohlenstoffatome bilden einen Ring. An jedem dieser Atome hängt eine Hydroxylgruppe, also eine OH-Gruppe.
Die Summenformel lautet C6H12O6, die molare Masse 180,16 g/mol. Damit stimmt die Formel mit der von Traubenzucker überein — der Bau ist aber ein völlig anderer. Inositol ist ein Ringalkohol, kein Zucker.
Jede der sechs OH-Gruppen kann nach oben oder nach unten aus der Ringebene zeigen. Aus diesen Möglichkeiten ergeben sich neun verschiedene Stereoisomere. Sie tragen dieselbe Summenformel und unterscheiden sich nur in der räumlichen Anordnung.
In Lebensmitteln überwiegt bei Weitem eine davon: das myo-Inositol. Daneben kommen unter anderem D-chiro-Inositol und scyllo-Inositol natürlich vor.
Hinweis zur Datenbanksuche: PubChem führt Inositol unter CID 892 ohne Stereodeskriptoren — der Eintrag heisst dort «An inositol» und trägt den unspezifischen IUPAC-Namen. Eine Suche nach «myo-Inositol» und eine Suche nach «D-chiro-Inositol» landen beide auf demselben Datensatz. Wer eine Nummer für ein bestimmtes Stereoisomer zitiert, sollte das vorher prüfen.
Steckbrief
| Gebräuchlicher Name | Inositol; in Lebensmitteln vor allem myo-Inositol |
| IUPAC-Name | cyclohexane-1,2,3,4,5,6-hexol |
| Summenformel | C6H12O6 |
| Molare Masse | 180,16 g/mol |
| PubChem-Nummer | CID 892, ohne Stereodeskriptoren geführt |
| Stoffklasse | Cyclitol, also ein ringförmiger mehrwertiger Alkohol |
| Stereoisomere | neun; in Lebensmitteln überwiegt myo-Inositol |
| Speicherform in Pflanzen | Phytinsäure (Inositolhexaphosphat) |
| Zugelassen für Nahrungsergänzung (CH) | ja, Höchstmenge 1000 mg pro Tag |
| Zulässige Verbindung | Inositol |
| Vorgeschriebener Warnhinweis | keiner |
| Zugelassene Angaben | keine |
In Pflanzen steckt es meist gebunden
In Getreide, Hülsenfrüchten und Ölsaaten liegt Inositol selten frei vor. Es ist dort an sechs Phosphatgruppen gebunden. Diese Verbindung heisst Inositolhexaphosphat, geläufiger Phytinsäure.
Phytinsäure ist die Phosphorspeicherform der Pflanze. Sie bindet zugleich Mineralstoffe wie Zink, Eisen und Calcium.
Enzyme können die Phosphatgruppen abspalten. Diese Enzyme heissen Phytasen. Dabei wird Inositol frei — und die gebundenen Mineralstoffe ebenfalls.
Eine Arbeit zur Bierherstellung aus Buchweizenmalz hat das quantitativ verfolgt. Der gleichzeitige Einsatz von Phytase und Phosphatase baute rund 80 Prozent des Phytats ab. Der Gehalt an freiem Inositol stieg um knapp die Hälfte, der Zinkgehalt der Würze um 19 bis 44 Prozent. DOI 10.3390/biom10020166 (doi.org), PMID 31973207 (PubMed)
Das ist eine Aussage über einen technologischen Vorgang bei der Bierherstellung. Über eine Wirkung im Menschen sagt sie nichts.
Warum «Vitamin B8» irreführt
Inositol wird gelegentlich als Vitamin B8 bezeichnet. Diese Bezeichnung hält der Prüfung nicht stand.
Ein Vitamin ist ein Stoff, den der Körper nicht selbst aufbauen kann und deshalb mit der Nahrung aufnehmen muss. Inositol bildet der menschliche Körper selbst. Es fehlt also genau das Merkmal, das ein Vitamin ausmacht.
Auch rechtlich trägt die Bezeichnung nicht. Anhang 1 Teil A der Schweizer Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel führt die Vitamine abschliessend auf. Inositol steht dort nicht — es steht in Teil B, bei den sonstigen Stoffen.
Rechtliche Einordnung in der Schweiz
Was ein Nahrungsergänzungsmittel enthalten darf, regelt Artikel 2 Absatz 3 der Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel (VNem, SR 817.022.14). Für Vitamine und Mineralstoffe ist Anhang 1 Teil A abschliessend; für sonstige Stoffe nennt Teil B Höchstmengen und zulässige Verbindungen.
Inositol steht in Teil B. Die Höchstmenge beträgt 1000 mg je empfohlener täglicher Verzehrsmenge für Erwachsene. In der Spalte für Einschränkungen steht nichts: kein Warnhinweis, keine Auflage, keine Begrenzung auf eine bestimmte Personengruppe.
Anhang 2 der VNem nennt als zulässige Verbindung schlicht «Inositol». Weil der Stoff in Teil B aufgeführt ist, stellt sich die Frage nach dem Recht der neuartigen Lebensmittel für ihn nicht.
Eine ganz andere Frage ist, ob man über den Stoff etwas aussagen darf. Dafür ist Anhang 14 der Verordnung betreffend die Information über Lebensmittel (LIV, SR 817.022.16) zuständig. Diese Liste zählt die zulässigen gesundheitsbezogenen Angaben abschliessend auf, samt festgelegtem Wortlaut. Zu Inositol steht dort nichts.
Häufige Fragen
Ist Inositol ein Vitamin?
Nein. Der menschliche Körper bildet Inositol selbst; damit fehlt das entscheidende Merkmal eines Vitamins. Die Bezeichnung «Vitamin B8» ist verbreitet, aber sachlich und rechtlich unzutreffend.
Was ist der Unterschied zwischen myo-Inositol und D-chiro-Inositol?
Die räumliche Anordnung der sechs Hydroxylgruppen. Summenformel und molare Masse sind bei allen neun Stereoisomeren identisch. In Lebensmitteln überwiegt myo-Inositol deutlich.
Darf Inositol einem Nahrungsergänzungsmittel zugesetzt werden?
Ja. Inositol ist in Anhang 1 Teil B der VNem aufgeführt. Die Höchstmenge beträgt 1000 mg je empfohlener täglicher Verzehrsmenge. Ein Warnhinweis ist nicht vorgeschrieben.
Gibt es zugelassene gesundheitsbezogene Angaben zu Inositol?
Nein. Anhang 14 der LIV enthält keinen Eintrag zu Inositol. Aussagen über eine gesundheitliche Wirkung sind in der Werbung deshalb nicht zulässig — auch dann nicht, wenn sie vorsichtig umschrieben werden.
Ist Inositolhexanicotinat dasselbe wie Inositol?
Nein. Inositolhexanicotinat ist eine Verbindung aus Inositol und sechs Molekülen Nicotinsäure. Die VNem führt sie an anderer Stelle, nämlich als zulässige Form von Niacin (Vitamin B3) in Anhang 1 Teil A. Dort gilt für Niacin eine Höchstmenge von 600 mg, wovon höchstens 10 mg als Nicotinsäure und Inositolhexanicotinat zusammen vorliegen dürfen.
In welchen Lebensmitteln kommt Inositol vor?
Vor allem in Getreide, Hülsenfrüchten, Ölsaaten und Nüssen. Dort liegt es meist als Phytinsäure gebunden vor und wird erst durch Phytasen freigesetzt.
Quellen
- PubChem, National Library of Medicine: Inositol CID 892 — Summenformel C6H12O6, molare Masse 180,16 g/mol, IUPAC-Name cyclohexane-1,2,3,4,5,6-hexol; der Datensatz wird ohne Stereodeskriptoren geführt.
- Duliński R., Zdaniewicz M., Pater A., Poniewska D., Żyła K.: «The Impact of Phytases on the Release of Bioactive Inositols, the Profile of Inositol Phosphates, and the Release of Selected Minerals in the Technology of Buckwheat Beer Production», Biomolecules, Band 10, Heft 2 (2020), Artikel 166. DOI 10.3390/biom10020166 (doi.org), PMID 31973207 (PubMed).
- Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel (VNem), SR 817.022.14 — Anhang 1 Teil B «Sonstige Stoffe»: Inositol, Höchstmenge 1000 mg, keine Einschränkung. Anhang 1 Teil A: Niacin 600 mg, wovon 10 mg als Nicotinsäure und Inositolhexanicotinat (Summe). Anhang 2 Ziff. 3.2: Inositol als zulässige Verbindung.
- Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel (LIV), SR 817.022.16, Anhang 14 «Zulässige gesundheitsbezogene Angaben» — kein Eintrag zu Inositol.
Redaktion Sanasis AG. Stoffdaten nach PubChem, technologische Angaben nach der zitierten Fachliteratur, rechtliche Einordnung nach VNem und LIV im geprüften Wortlaut. Dieser Eintrag beschreibt einen Stoff und keine Anwendung am Menschen.