Kieferöl: welcher Baum, welcher Pflanzenteil
Kieferöl ist ein ätherisches Öl aus Nadeln, Zweigen oder Zapfen von Kiefern — meist Pinus sylvestris L., der Waldkiefer. Es ist ein Duft- und Kosmetikrohstoff, kein fettes Öl und kein Lebensmittel. Welcher Baum und welcher Pflanzenteil verwendet wurde, entscheidet über die Zusammensetzung — die Handelsbezeichnung tut es nicht.
Dieser Lexikoneintrag beschreibt den Rohstoff botanisch, chemisch und rechtlich. Er beschreibt keine Wirkung und keine Anwendung am Menschen.
Ein Name für viele Öle
«Kieferöl», «Kiefernnadelöl», «Latschenkiefernöl», «Fichtennadelöl» — im Handel stehen diese Bezeichnungen oft nebeneinander, als wären sie austauschbar. Sie sind es nicht.
Die Waldkiefer (Pinus sylvestris) ist der häufigste Ausgangsbaum. Daneben stehen die Latschenkiefer (Pinus mugo) und weitere Arten. Fichtennadelöl stammt gar nicht von einer Kiefer, sondern von der Gattung Picea — ein anderer Gattungsname in derselben Familie.
Dazu kommt der Pflanzenteil. Ein Öl aus jungen Nadeln riecht anders als eines aus Zweigen mit Holzanteil oder aus Zapfen. Und die Gewinnungsart macht einen Unterschied: Wasserdampfdestillation liefert ein anderes Erzeugnis als eine Extraktion.
Wer einen Rohstoff einkauft, braucht deshalb drei Angaben: Art, Pflanzenteil, Verfahren. Alles andere ist eine Marketingbezeichnung.
Steckbrief
| Häufigste Stammpflanze | Pinus sylvestris L. (Waldkiefer) |
| GBIF-Schlüssel | 5285637, Status akzeptiert |
| Familie / Ordnung | Pinaceae / Pinales |
| Verwendete Teile | Nadeln, Zweigspitzen, teils Zapfen |
| Gewinnung | Wasserdampfdestillation |
| Kennzeichnender Stoff | α-Pinen (CID 6654, C10H16, 136,23 g/mol) |
| Stoffklasse | ätherisches Öl — kein fettes Öl |
| Rechtsrahmen | Kosmetikrecht — LGV Art. 53, VKos |
α-Pinen und die Sache mit dem Sauerstoff
Der prägende Bestandteil ist α-Pinen. PubChem führt es unter CID 6654 mit der Summenformel C10H16 und 136,23 g/mol. Der Name geht auf die Gattung Pinus zurück.
Bemerkenswert ist, was in dieser Formel fehlt: Sauerstoff. α-Pinen besteht ausschliesslich aus Kohlenstoff und Wasserstoff — es ist ein reiner Kohlenwasserstoff mit zwei verbundenen Ringen und einer Doppelbindung.
Genau diese Doppelbindung ist die Schwachstelle. Sie reagiert mit Luftsauerstoff, und dabei entstehen Oxidationsprodukte, die im Ausgangsöl nicht vorhanden waren. Deshalb ist ein gealtertes ätherisches Öl kein verdünntes, sondern ein verändertes.
Praktisch heisst das: dunkles Glas, dicht verschlossen, kühl, und nach dem Öffnen zügig aufbrauchen. Ein Öl, das kratzig oder terpentinartig riecht, ist nicht mehr das, was auf dem Etikett steht.
Rechtliche Einordnung: Kosmetikrecht
Kieferöl kommt im Handel als Duft- und Kosmetikrohstoff vor. Damit gilt ein anderes Regelwerk als bei Lebensmitteln.
Artikel 53 der Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung (LGV, SR 817.02) zählt abschliessend auf, worauf ein kosmetisches Mittel einwirken darf — Haut, Behaarungssystem, Nägel, Lippen, äussere intime Regionen sowie Zähne und Mundschleimhaut — und zu welchem Zweck: reinigen, parfümieren, das Aussehen verändern, schützen, in gutem Zustand halten, den Körpergeruch beeinflussen.
Die Atemwege stehen nicht darunter. Ein Erzeugnis, das mit einer Einwirkung auf die Atmung beworben wird, ist kein kosmetisches Mittel mehr. Artikel 4 des Heilmittelgesetzes (HMG, SR 812.21) knüpft die Einstufung als Arzneimittel nicht nur an die Bestimmung, sondern ausdrücklich auch an die Anpreisung.
Auch Begriffe wie «antiseptisch» oder «desinfizierend» gehören nicht in die Auslobung eines Kosmetikums: Sie behaupten eine keimtötende Wirkung und fallen damit unter Heilmittelrecht oder Biozidrecht. Für kosmetische Mittel gelten die Anforderungen der Kosmetikverordnung (VKos, SR 817.023.31) an Wahrheitstreue und Belegbarkeit. Ätherische Öle sind zudem stark konzentriert und gehören nicht unverdünnt auf die Haut.
Nebenprodukt oder Hauptprodukt
Ein Teil des gehandelten Kieferöls entsteht nicht als eigenes Erzeugnis, sondern als Nebenprodukt der Forst- und Papierwirtschaft. Beim Aufschluss von Nadelholz fallen Terpene an, die abgetrennt und weiterverarbeitet werden.
Daneben steht die gezielte Destillation frisch geschnittener Nadeln und Zweigspitzen. Sie ist aufwendiger und liefert ein anders zusammengesetztes Öl, weil die flüchtigsten Bestandteile erhalten bleiben.
Für die Beurteilung eines Rohstoffs ist dieser Unterschied erheblich. Beide Wege können zu einem Erzeugnis führen, das «Kieferöl» heisst; ihre Zusammensetzung und ihr Preis unterscheiden sich jedoch deutlich. Ein Datenblatt sollte deshalb auch den Ursprung ausweisen, nicht nur die Art.
Häufige Fragen
Was bedeutet «naturrein» auf einem Etikett?
Der Begriff ist nicht einheitlich festgelegt. Aussagekräftig sind stattdessen Art, Pflanzenteil, Verfahren, Herkunft und Chargennummer sowie ein Analysenzertifikat mit dem gaschromatographischen Profil.
Warum riecht Latschenkiefernöl anders?
Weil es von einer anderen Art stammt, Pinus mugo. Verschiedene Arten bilden verschiedene Anteile derselben Terpene, und schon kleine Verschiebungen verändern den Geruchseindruck deutlich.
Ist Kieferöl ein fettes Öl?
Nein. Es ist ein ätherisches Öl, also ein Gemisch flüchtiger Verbindungen. Fette Öle wie Oliven- oder Jojobaöl haben einen ganz anderen Aufbau und werden anders verwendet.
Ist Fichtennadelöl dasselbe?
Nein. Fichten gehören zur Gattung Picea, Kiefern zur Gattung Pinus. Beide stehen in der Familie der Kieferngewächse, liefern aber verschieden zusammengesetzte Öle.
Warum verändert sich der Geruch mit der Zeit?
Weil α-Pinen eine Doppelbindung trägt, die mit Luftsauerstoff reagiert. Dabei entstehen Stoffe, die im frischen Öl nicht vorhanden waren. Dunkel, kühl und dicht verschlossen lagern verlangsamt das.
Was muss auf einem Rohstoff-Datenblatt stehen?
Art, Pflanzenteil und Gewinnungsverfahren. Ohne diese drei Angaben lässt sich ein ätherisches Öl weder vergleichen noch beurteilen.
Quellen
- Global Biodiversity Information Facility (GBIF), Backbone Taxonomy: Pinus sylvestris L., usageKey 5285637, Status akzeptiert, Pinaceae, Pinales, Pinopsida, Tracheophyta.
- PubChem, National Library of Medicine: α-Pinen CID 6654 (C10H16, 136,23 g/mol).
- Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung (LGV), SR 817.02, Artikel 53 — Begriff des kosmetischen Mittels mit abschliessender Aufzählung der Wirkorte und Zwecke; Heilmittelgesetz (HMG), SR 812.21, Artikel 4 Absatz 1 Buchstabe a.
- Verordnung des EDI über kosmetische Mittel (VKos), SR 817.023.31 — Anforderungen an die Auslobung.
Redaktion Sanasis AG. Taxonomie nach GBIF, Stoffdaten nach PubChem, rechtliche Einordnung nach LGV, HMG und VKos im geprüften Wortlaut. Dieser Eintrag beschreibt einen Rohstoff und keine Anwendung am Menschen.