Manukaöl: eine Art, zwei Erzeugnisse — und warum der Herkunftsort die Zusammensetzung bestimmt
Manukaöl ist ein ätherisches Öl, das durch Wasserdampfdestillation aus Blättern und feinen Zweigen der Südseemyrte (Leptospermum scoparium) gewonnen wird. Es stammt aus derselben Art wie der Manuka-Honig — ist aber ein völlig anderes Erzeugnis, aus einem anderen Pflanzenteil und mit einem anderen Rechtsrahmen.
Dieser Eintrag beschreibt einen Stoff und die Rechtslage. Er ist keiner Ware zugeordnet, spricht keine Anwendung an und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.
Dieselbe Pflanze, zwei getrennte Wege
Die Südseemyrte gehört zu den Myrtengewächsen (Myrtaceae). In der GBIF-Taxonomie ist sie als Leptospermum scoparium Forst. akzeptiert geführt.
Vom Honig führt der Weg über die Blüte: Bienen tragen Nektar ein. Zum Öl führt der Weg über das Laub: Blätter und dünne Zweige werden geerntet und destilliert. Das eine ist ein Lebensmittel tierischer Herkunft, das andere ein pflanzlicher Rohstoff, der meist in kosmetischen Mitteln landet. Gemeinsam ist beiden nur die Art.
Chemotypen: Der Standort schreibt die Zusammensetzung
Hier liegt der eigentliche Erkenntniswert dieser Seite. «Manukaöl» ist kein einheitlicher Stoff. Innerhalb derselben Art gibt es Chemotypen — Pflanzen, die botanisch gleich aussehen, aber sehr verschiedene Öle liefern.
Douglas und Mitarbeitende untersuchten 2004 die Öle von 261 einzelnen Manuka-Pflanzen von 87 Standorten in ganz Neuseeland. Dazu kamen 36 Einzelpflanzen am East Cape. Alle 36 lieferten Öle mit hohem Gehalt an Triketonen, über 20 Prozent in der Summe, mit nur geringen Schwankungen über die Jahreszeiten.
Über das ganze Land betrachtet blieb dieser triketonreiche Chemotyp jedoch auf den East Cape beschränkt. Werte bis 20 Prozent fanden die Autoren zusätzlich im Gebiet der Marlborough Sounds auf der Südinsel. Überall sonst sah das Öl anders aus.
Die Arbeit beschreibt zehn weitere Chemotypen. Darunter sind ein Typ mit viel Alpha-Pinen, mehrere sesquiterpenreiche Typen, ein Typ mit hohem Anteil an Geranylacetat, einer mit viel trans-Methylcinnamat und einer mit hohem Linalool-Anteil.
Für die Praxis heisst das: Die Herkunftsangabe ist bei diesem Öl keine Marketingfrage, sondern eine Stoffangabe. Ohne sie sagt der Name «Manukaöl» wenig darüber aus, was tatsächlich im Fläschchen ist.
Die Triketone und die Gewinnung
Triketone sind Verbindungen mit drei Ketogruppen im Molekül. Im Manukaöl sind drei von ihnen kennzeichnend:
- Leptospermon — C15H22O4, 266,33 g/mol.
- Isoleptospermon — gleiche Summenformel C15H22O4, gleiche Molmasse, anderer Bau.
- Flaveson — C14H20O4, 252,31 g/mol.
Gewonnen wird das Öl durch Wasserdampfdestillation. Heisser Wasserdampf strömt durch das zerkleinerte Pflanzenmaterial, nimmt die flüchtigen Bestandteile mit, und im Kühler trennen sich Öl und Wasser wieder. Das Verfahren ist dasselbe wie bei vielen anderen ätherischen Ölen.
Zur Ausbeute nennen wir hier bewusst keine Zahl. Die kursierenden Angaben liessen sich nicht an einer Quelle festmachen, die wir prüfen konnten — und eine ungeprüfte Zahl gehört nicht in ein Lexikon.
Manuka ist nicht Teebaum
Beide Pflanzen tragen im englischen Sprachraum den Namen «tea tree». Das führt regelmässig zu Verwechslungen. Botanisch sind es zwei verschiedene Gattungen.
Der Teebaum im engeren Sinn ist Melaleuca alternifolia (Maiden & Betche) Cheel, Gattung Melaleuca. Manuka ist Leptospermum scoparium, Gattung Leptospermum. Beide gehören zur Familie der Myrtengewächse und zur Ordnung Myrtales — sie sind also verwandt, aber nicht dasselbe.
Bemerkenswert: Diese Unterscheidung steht sogar in einer Schweizer Verordnung. Anhang 7 der Verordnung des EDI über Lebensmittel tierischer Herkunft führt in Ziffer 3.4 eine Ausnahmeliste zur elektrischen Leitfähigkeit von Honig. Dort stehen «Leptospermum» und «Teebaum (Melaleuca spp.)» als zwei getrennte Einträge nebeneinander. Der Verordnungsgeber hält die beiden also selbst auseinander.
Rechtliche Einordnung in der Schweiz
Landet das Öl in einem Mittel für den äusseren Gebrauch, gilt das Kosmetikrecht. Artikel 53 Absatz 1 der Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung zählt dabei abschliessend auf, worum es dabei gehen darf.
Genannt sind als Berührungsstellen Haut, Behaarungssystem, Nägel, Lippen, äussere intime Regionen sowie Zähne und Mundschleimhaut. Genannt sind als Zwecke: reinigen, parfümieren, das Aussehen verändern, schützen, in gutem Zustand halten, den Körpergeruch beeinflussen. Was ausserhalb dieser Aufzählung liegt, ist kein kosmetischer Zweck mehr. Absatz 2 stellt zudem klar: Was eingenommen, eingeatmet, injiziert oder implantiert werden soll, ist kein kosmetisches Mittel.
Für die Kennzeichnung gilt Artikel 8 Absatz 1 Buchstabe d der Verordnung des EDI über kosmetische Mittel. Riech- und Aromastoffe dürfen grundsätzlich zusammengefasst als «Parfum» angegeben werden. Stoffe, die nach Artikel 54 Absatz 2 LGV einzeln auszuweisen sind, müssen aber zusätzlich in der Bestandteileliste erscheinen. Artikel 54 Absatz 2 verweist dafür auf Anhang III der europäischen Kosmetikverordnung samt der dort festgelegten Einschränkungen und Warnhinweise.
Ein ätherisches Öl ist ein Stoffgemisch. Ob aus einer bestimmten Charge etwas einzeln zu deklarieren ist, entscheidet sich deshalb nicht am Namen des Öls, sondern an seiner Zusammensetzung — und die hängt, wie oben gezeigt, am Herkunftsort.
Zu Manukaöl besteht in der Schweizer Lebensmittelgesetzgebung kein Eintrag in Anhang 1 der Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel, und Anhang 14 der Verordnung über die Information über Lebensmittel führt dazu keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Diese Seite beschreibt daher Herkunft, Chemie und Recht — und keine Anwendung.
Eckdaten
| Stammpflanze | Leptospermum scoparium Forst., Familie Myrtaceae |
| Verwendeter Pflanzenteil | Blätter und feine Zweige |
| Gewinnung | Wasserdampfdestillation |
| Kennzeichnende Stoffgruppe | Triketone: Leptospermon, Isoleptospermon, Flaveson |
| Chemotypen | triketonreicher Typ am East Cape; zehn weitere Typen beschrieben |
| Nicht zu verwechseln mit | Melaleuca alternifolia, Teebaum, andere Gattung |
| Rechtsrahmen bei äusserem Gebrauch | LGV Art. 53 und 54, VKos Art. 8 |
Häufige Fragen
Stammen Manukaöl und Manuka-Honig von derselben Pflanze?
Ja, von derselben Art: Leptospermum scoparium. Der Honig entsteht aus dem Blütennektar, das Öl aus Blättern und feinen Zweigen. Zwei Erzeugnisse, zwei Pflanzenteile, zwei Rechtsrahmen.
Warum unterscheiden sich Manukaöle so stark?
Wegen der Chemotypen. Douglas und Mitarbeitende fanden 2004 den triketonreichen Typ nur am East Cape, erhöhte Gehalte zusätzlich in den Marlborough Sounds und im übrigen Neuseeland zehn andere Zusammensetzungen.
Ist Manukaöl dasselbe wie Teebaumöl?
Nein. Teebaumöl stammt von Melaleuca alternifolia, Manukaöl von Leptospermum scoparium. Das sind zwei Gattungen. Gemeinsam ist ihnen die Familie der Myrtengewächse und der englische Trivialname.
Was heisst Wasserdampfdestillation?
Heisser Wasserdampf strömt durch das Pflanzenmaterial und nimmt die flüchtigen Bestandteile mit. Im Kühler kondensiert das Gemisch, danach trennen sich Öl und Wasser wieder.
Muss ein ätherisches Öl in der Bestandteileliste einzeln aufgeführt werden?
Das hängt von seiner Zusammensetzung ab. Riechstoffe dürfen als «Parfum» zusammengefasst werden. Stoffe, die nach Artikel 54 Absatz 2 LGV einzeln auszuweisen sind, müssen zusätzlich genannt werden.
Was regelt Artikel 53 LGV genau?
Er umschreibt, was ein kosmetisches Mittel ist. Die Aufzählung der Berührungsstellen und der Zwecke ist abschliessend. Alles, was darüber hinausgeht, fällt nicht mehr unter diesen Begriff.
Wozu dient dieser Glossareintrag?
Er ordnet einen Stoff sachlich ein: Stammpflanze, Gewinnung, Chemotypen, Abgrenzung und Rechtslage. Er ist keiner Ware zugeordnet, spricht keine Empfehlung aus und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.
Quellen
- Douglas MH, van Klink JW, Smallfield BM, Perry NB, Anderson RE, Johnstone P, Weavers RT. Essential oils from New Zealand manuka: triketone and other chemotypes of Leptospermum scoparium. Phytochemistry. 2004;65(9):1255–1264. DOI: 10.1016/j.phytochem.2004.03.019, PMID: 15184010.
- GBIF Backbone Taxonomy: Leptospermum scoparium Forst. usageKey 3181762, Familie Myrtaceae, abgerufen 2026.
- GBIF Backbone Taxonomy: Melaleuca alternifolia (Maiden & Betche) Cheel usageKey 5416091, Familie Myrtaceae, abgerufen 2026.
- PubChem, National Library of Medicine: Leptospermone CID 3083632, C15H22O4, 266,33 g/mol, abgerufen 2026.
- PubChem, National Library of Medicine: Isoleptospermone CID 59518515, C15H22O4, 266,33 g/mol, abgerufen 2026.
- PubChem, National Library of Medicine: Flavesone CID 15800949, C14H20O4, 252,31 g/mol, abgerufen 2026.
- Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung (LGV), SR 817.02, Art. 53 Abs. 1 und 2 sowie Art. 54 Abs. 2.
- Verordnung des EDI über kosmetische Mittel (VKos), SR 817.023.31, Art. 8 Abs. 1 Bst. d — Liste der Bestandteile in der Kennzeichnung.
- Verordnung des EDI über Lebensmittel tierischer Herkunft (VLtH), SR 817.022.108, Anhang 7 Ziff. 3.4 — getrennte Nennung von Leptospermum und Melaleuca spp.
- Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel (VNem), SR 817.022.14, Anhang 1 — zu Manukaöl besteht kein Eintrag.
Redaktion Sanasis AG. Stoffdaten nach PubChem, Artnamen nach GBIF, rechtliche Einordnung nach LGV, VKos, VLtH und VNem im geprüften Wortlaut. Dieser Eintrag beschreibt einen Stoff und die Rechtslage; er ist keiner Ware zugeordnet und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.