Maqui (Aristotelia chilensis): Strauch, Farbstoff und der ORAC-Wert
Maqui ist die dunkle Beere des Strauchs Aristotelia chilensis aus dem Süden Chiles und Argentiniens. Die Art ist zweihäusig: Männliche und weibliche Pflanzen sind getrennt.
Dieser Eintrag beschreibt eine Pflanze und die Rechtslage. Er ist keiner Ware zugeordnet und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.
Botanik: ein zweihäusiger Strauch
Aristotelia chilensis gehört zur Familie der Elaeocarpaceae und zur Ordnung Oxalidales.1 Sie wächst als immergrüner Strauch oder kleiner Baum. Im Deutschen heisst sie Chile-Weinbeere, im Spanischen maqui, maquei oder queldrón.
Botanisch entscheidend ist die Zweihäusigkeit: Blüten mit Staubblättern und Blüten mit Fruchtknoten sitzen auf verschiedenen Pflanzen. Nur die weiblichen tragen Beeren, und ohne männliche Pflanzen in der Nähe bleiben sie leer. Für den Anbau ist das kein Nebendetail, sondern die Grundlage jeder Pflanzplanung.
Wie das praktisch aussieht, zeigt ein chilenischer Versuchsgarten. Dort wurden 45 weibliche Klone aus acht Wildherkünften ausgepflanzt und fünf männliche Klone in einer mittleren Reihe, damit die Bestäubung ohne Nachhilfe abläuft.2 Im Freiland fressen Vögel die Beeren und verbreiten die Samen.
| Wissenschaftlicher Name | Aristotelia chilensis (Molina) Stuntz |
| Familie und Ordnung | Elaeocarpaceae, Oxalidales |
| Deutscher Name | Chile-Weinbeere |
| Wuchsform | immergrüner Strauch bis kleiner Baum, zweihäusig |
| Verbreitung | Chile und angrenzendes Argentinien, südliche Atacama bis Nordpatagonien |
| Gewinnung | überwiegend Wildsammlung, Kultivierung im Aufbau |
| Farbgebende Stoffklasse | Anthocyane, vor allem Delphinidinglykoside |
| Eintrag in LIV Anhang 14 | keiner |
Verbreitung, Wildsammlung und beginnender Anbau
Das Verbreitungsgebiet ist lang. Es reicht von der südlichen Atacama bis nach Nordpatagonien, über rund 1500 Kilometer, und überspannt dabei einen der steilsten Niederschlagsgradienten Südamerikas: von unter 100 bis über 1000 Millimeter Jahresniederschlag im temperierten Regenwald.3
Diese Spanne hat Spuren im Erbgut hinterlassen. Eine Untersuchung an 14 Beständen mit 183 Proben und 13 Mikrosatellitenmarkern fand klar abgegrenzte Gruppen und eine von Norden nach Süden abnehmende genetische Vielfalt. Am geringsten war sie dort, wo während der letzten Kaltzeit Eis lag — ein Hinweis darauf, dass diese Gebiete erst später wiederbesiedelt wurden.4
Geerntet wird bis heute überwiegend wild. Genau das gilt als Problem: Die Sammlung aus natürlichen Beständen zehrt an deren Vielfalt. Anbauversuche laufen seit Jahren, doch eine geschlossene Kultivierung wie bei Heidelbeeren gibt es nicht.2, 4
Was der Name mitbringt
Maqui ist keine Entdeckung des Fernhandels. Eine Übersicht über die essbaren Wildpflanzen Chiles ordnet Aristotelia chilensis den Arten zu, die für die Mapuche-Gemeinschaften im Süden des Landes kulturell bedeutsam sind — neben der Araukarie und der chilenischen Haselnuss. Für die Beere sind fünf Zubereitungsformen belegt, mehr als für die meisten einheimischen Arten.5
Dieselbe Übersicht listet, was heute industriell daraus wird: getrocknete und gefriergetrocknete Ware, Farbstoffe, Getränke und Süssspeisen.5
Anthocyane und die Sache mit dem pH-Wert
Die dunkle Farbe stammt von Anthocyanen, wasserlöslichen Pflanzenfarbstoffen mit einem gemeinsamen Kern, dem Flavylium-Gerüst. Bei Maqui überwiegen Abkömmlinge des Delphinidins, jenes Grundkörpers mit drei Hydroxygruppen am äusseren Ring, der eher blaustichig färbt.
In der Pflanze liegen sie als Glykoside vor, also mit angehängten Zuckerresten. Delphinidin selbst trägt die Summenformel C15H11O7+ bei rund 303,2 Gramm je Mol, das Delphinidin-3-O-glucosid C21H21O12+ bei rund 465,4.6, 7
Anthocyane sind pH-empfindlich, und das lässt sich beobachten. In einer Arbeit von 2026 wurde ein Anthocyanauszug über den Bereich von pH 1 bis pH 12 geführt: Die Farbe wanderte von Rot zu einem dunklen Senfton, die Lichtaufnahme verschob sich messbar mit.8 Dieselbe Beere färbt also in einem sauren Getränk anders als in einem neutralen Teig.
Warum der ORAC-Wert nichts belegt
Maqui wird seit Jahren mit einer Zahl beworben: dem ORAC-Wert, kurz für «oxygen radical absorbance capacity». Gemessen wird im Reagenzglas, wie stark eine Probe eine chemische Oxidation verzögert. Das Ergebnis ist eine Laborkennzahl, mehr nicht.
Die Behörde, die diese Zahlen einst sammelte, hat sie selbst zurückgezogen. Das Nährstoffdatenlabor des US-Landwirtschaftsministeriums nahm seine ORAC-Datenbank vom Netz; der zugehörige Vermerk trägt das Datum 16. Mai 2012.9 Als Grund nennt die Behörde, dass die Werte für einzelne Inhaltsstoffe im Menschen keine Aussagekraft hätten, dass sich Reagenzglasdaten nicht übertragen liessen und dass die Zahlen von Herstellern regelmässig zu Werbezwecken missbraucht würden.9
Damit ist der ORAC-Wert kein Qualitätsmerkmal. Wer zwei Erzeugnisse vergleichen will, achtet besser auf Fruchtanteil, Erzeugnisform und Zutatenverzeichnis.
Auch das Etikett «Superfood» ist lebensmittelrechtlich nicht definiert. Es ist ein Vermarktungsbegriff ohne festgelegte Bedeutung und belegt keine geprüfte Eigenschaft.
Wie die Rechtslage einzuordnen ist
In Anhang 14 der LIV steht kein Eintrag zu Aristotelia chilensis.10 Damit gibt es keine zulässige gesundheitsbezogene Angabe, auch keine umschriebene. In der Verbotsliste des Anhangs 1 der VLpH ist die Gattung Aristotelia nicht aufgeführt.11
Im Anhang 1 der VNem fehlt die Art ebenfalls. Dabei gilt: Teil A für Vitamine und Mineralstoffe ist abschliessend, Teil B für sonstige Stoffe ist es nicht. Aus dem Fehlen in Teil B folgt deshalb kein Verbot.12
Über die Verkehrsfähigkeit entscheidet das Novel-Food-Recht. Massgeblich ist, ob ein Erzeugnis vor dem 15. Mai 1997 in der EU in nennenswertem Umfang als Lebensmittel verwendet wurde, und zwar je Erzeugnisform. Ganze Beere und isolierter Anthocyanauszug sind getrennt zu beurteilen. Die Prüfung gehört in die Selbstkontrolle des Inverkehrbringers.
- Steht auf der Packung ganze Beere, Fruchtpulver oder Extrakt?
- Ist der Artname ausgeschrieben, also Aristotelia chilensis?
- Sind Trägerstoffe im Zutatenverzeichnis genannt?
- Wird mit einer ORAC-Zahl geworben? Sie belegt nichts.
Häufige Fragen
Was ist Maqui?
Die dunkle Beere des Strauchs Aristotelia chilensis aus der Familie der Elaeocarpaceae. Sie wächst in Chile und im angrenzenden Argentinien.
Was heisst zweihäusig?
Männliche und weibliche Blüten sitzen auf verschiedenen Pflanzen. Nur die weiblichen tragen Beeren, und dafür braucht es männliche Pflanzen in der Nähe.
Wird Maqui angebaut oder gesammelt?
Überwiegend gesammelt, aus natürlichen Beständen. Anbau und Herkunftsprüfung stehen erst am Anfang.
Woher kommt die dunkle Farbe?
Von Anthocyanen, vor allem von Abkömmlingen des Delphinidins. Diese Farbstoffe reagieren empfindlich auf den pH-Wert des Umfelds.
Was sagt ein ORAC-Wert aus?
Wenig. Er ist eine Laborkennzahl aus dem Reagenzglas. Das US-Landwirtschaftsministerium zog seine ORAC-Datenbank 2012 zurück, unter anderem weil sich solche Daten nicht auf den Menschen übertragen lassen.9
Warum steht hier nichts über Wirkungen?
Weil gesundheitsbezogene Angaben nur zulässig sind, wenn sie in Anhang 14 der LIV stehen. Zu dieser Art ist dort kein Eintrag vorhanden.10
Quellen
- GBIF Backbone Taxonomy: Aristotelia chilensis (Molina) Stuntz usageKey 5651082, akzeptierter Name, Familie Elaeocarpaceae, mit deutschem Trivialnamen, abgerufen 2026. ↩
- Yáñez MA, González B, Espinoza SE, Vogel H, Doll U. Phenotypic variation of fruit and ecophysiological traits among maqui (Aristotelia chilensis [Molina] Stuntz) provenances established in a common garden. Sci Rep. 2022;12(1):185. DOI: 10.1038/s41598-021-04013-0, PMID: 34997037, Europe PMC. ↩
- Cordero S, Carvallo GO, Coronado T, et al. Genomic structure and functional trait variation are decoupled across the Atacama-Patagonia arid gradient in the Chilean wineberry. Front Plant Sci. 2026;16:1741939. DOI: 10.3389/fpls.2025.1741939, PMID: 41716768, Europe PMC. ↩
- Cona M, Chávez A, León-Lobos P, Marín JC, Hinrichsen P. Genetic structure and north-south decrease of genetic diversity in the Patagonian maqui berry (Aristotelia chilensis [Molina] Stuntz): implications for its conservation and use. Conserv Genet. 2023;24(6):693–705. DOI: 10.1007/s10592-023-01526-1. ↩
- León-Lobos P, Díaz-Forestier J, Díaz R, et al. Patterns of Traditional and Modern Uses of Wild Edible Native Plants of Chile: Challenges and Future Perspectives. Plants (Basel). 2022;11(6):744. DOI: 10.3390/plants11060744, PMID: 35336626, Europe PMC. ↩
- PubChem, National Library of Medicine: Delphinidin, C15H11O7+, 303,24 g/mol CID 128853, abgerufen 2026. ↩
- PubChem, National Library of Medicine: Delphinidin-3-O-glucosid, C21H21O12+, 465,4 g/mol CID 443650, abgerufen 2026. ↩
- Karunathilaka N, Wickramarachchi S. Sustainable pH sensing: repurposing the anthocyanin-rich extract from Dioscorea alata for green analytical chemistry. RSC Adv. 2026. DOI: 10.1039/D6RA05023A, PMID: 42453959, Europe PMC. ↩
- United States Department of Agriculture, Agricultural Research Service, Nutrient Data Laboratory: «Oxygen Radical Absorbance Capacity (ORAC) of Selected Foods, Release 2 (2010)», Rückzugsvermerk vom 16.05.2012, archivierte Fassung der Behördenseite. ↩
- Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel (LIV), SR 817.022.16, Anhang 14 — kein Eintrag zu Aristotelia chilensis. ↩
- Verordnung des EDI über Lebensmittel pflanzlicher Herkunft (VLpH), SR 817.022.17, Anhang 1 — Aristotelia ist dort nicht aufgeführt. ↩
- Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel (VNem), SR 817.022.14, Anhang 1 Teil A und Teil B. ↩
Redaktion Sanasis AG, Stand August 2026. Artname über GBIF geprüft, Stoffdaten nach PubChem, Fachliteratur über PubMed und Europe PMC recherchiert und über Crossref bestätigt. Die rechtliche Einordnung folgt VNem, LIV und VLpH im geprüften Wortlaut. Dieser Eintrag beschreibt eine Pflanze und die Rechtslage; er ist keiner Ware zugeordnet und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.