Marshmallowwurzel: Eibisch, Malvengewächs, Schleimstoffe
Marshmallowwurzel ist der englische Handelsname für die Wurzel des Echten Eibischs (Althaea officinalis), einer mehrjährigen Pflanze aus der Familie der Malvengewächse (Malvaceae). Ihr auffälligster Bestandteil sind Schleimstoffe — hochmolekulare Polysaccharide.
Dieser Eintrag beschreibt den Stoff und die Rechtslage. Er ist keiner Ware zugeordnet und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.
Der Name führt zu einer Süsswarenspur
Der englische Pflanzenname lautet marsh mallow, wörtlich «Sumpf-Malve». Die Datenbank GBIF führt für Althaea officinalis genau diese Volksnamen: englisch «Marsh-mallow», deutsch «Echter Eibisch», französisch «Guimauve officinale».1
Das weisse, weiche Süsswarenerzeugnis trägt diesen Namen, weil es einmal aus dieser Wurzel gemacht wurde. Belegt ist das in gedruckten Handbüchern der Zuckerbäckerei. Eleanor Parkinsons Werk «The Complete Confectioner, Pastry-cook, and Baker» von 1844 führt einen Eintrag «Pâte de Guimauve — Marsh-Mallow Paste». Als Zutaten stehen dort Gummi arabicum, frische Eibischwurzeln, Äpfel und Zucker; die eingedickte Masse wurde mit Eiweiss aufgeschlagen.2
Heute steht der Name für etwas anderes. Die Lebensmitteltechnik beschreibt Marshmallow als aufgeschäumtes Zuckererzeugnis, das im Wesentlichen aus Gelatine, Zuckerlösung, Glucosesirup und einem Schaumbildner wie Eiklar besteht.3 Die Wurzel kommt darin nicht mehr vor. Wer heute ein Marshmallow isst, isst kein Eibischerzeugnis.
Ein einzelnes Jahr für diesen Wechsel lässt sich nicht angeben. Belegt sind die beiden Zustände: 1844 die Wurzel im Rezept, in der heutigen Fachliteratur ein Schaum aus Zucker und Gelierstoff. Der deutsche Name Eibisch macht diese Verwechslung nicht mit.
Die Pflanze und ihre Verwandtschaft
Der Eibisch gehört zu den Malvengewächsen. Diese Familie ist grösser und bunter, als man vermutet. Nach der GBIF-Systematik stehen darin unter anderem:4
- Hibiskus (Hibiscus sabdariffa) — die Kelche des Sudan-Eibischs stecken in vielen Früchtetees
- Baumwolle (Gossypium hirsutum) — die Samenhaare liefern die Faser
- Kakaobaum (Theobroma cacao) — Ausgangspflanze der Schokolade
- Wilde Malve (Malva sylvestris) — die nächste heimische Verwandte
Der Eibisch selbst wird über einen Meter hoch. Blätter und Stängel sind samtig behaart, die Blüten blassrosa mit fünf Kronblättern. Unter der Erde sitzt eine kräftige, fleischige Wurzel, die mehrere Jahre überdauert und im Herbst geerntet wird.
Der Standort erklärt den englischen Namen: Die Art wächst auf feuchten, oft salzhaltigen Böden — an Gräben, in Küstenmarschen und auf Salzwiesen. Für die Schweiz führt GBIF sie im Global Register of Introduced and Invasive Species als eingeführte Art.1
Was ein Schleimstoff stofflich ist
«Schleimstoff» klingt nach einer eigenen Stoffklasse. Chemisch sind es Polysaccharide: lange, oft verzweigte Ketten aus Zuckerbausteinen, viele davon mit sauren Gruppen. Eine einheitliche Summenformel gibt es dafür nicht, weil die Kettenlänge schwankt.
Entscheidend ist ihr Verhalten in Wasser. Die Ketten lagern grosse Mengen Wasser an und quellen: Das Volumen nimmt zu, und die Flüssigkeit wird zäh. Rownaghi und Niakousari massen an Wurzelschleim je nach Gewinnungsverfahren ein Wasserbindungsvermögen von bis zu 82,5 Gramm Wasser je Gramm Trockenmasse, eine Quellung von rund 76 Prozent und eine Löslichkeit von rund 85 Prozent bei 65 Grad Celsius.5
Rheologisch verhalten sich solche Lösungen strukturviskos. Unter Scherung — beim Rühren, Pumpen oder Giessen — sinkt die Zähigkeit, in Ruhe steigt sie wieder.5, 6 Das ist der messbare Kern dessen, was man umgangssprachlich «schleimig» nennt. Eine Infrarotanalyse derselben Arbeit bestätigte, dass die Auszüge überwiegend aus Polysacchariden bestehen.5
Warum die Zubereitungsart den Gehalt bestimmt
Ein Kaltwasserauszug und ein Heisswasserauszug ergeben nicht dasselbe. Kaltes Wasser löst die Polysaccharide langsam, aber vergleichsweise selektiv. Wärme löst mehr und schneller — auch Bestandteile, die im kalten Wasser weitgehend zurückbleiben.
Die genannte Arbeit hat das gemessen: Sie verglich die klassische Mazeration, also den langen Auszug ohne starke Erwärmung, mit zwei elektrisch beheizten Verfahren. Die Ausbeute an Schleim reichte bis 8,9 Prozent, und Löslichkeit, Quellung und Wasserbindung fielen je nach Verfahren deutlich verschieden aus.5
Für die Beurteilung eines Erzeugnisses folgt daraus: Eine Zahl zum Schleimgehalt ist ohne Angabe des Verfahrens kaum einzuordnen. Wer zwei Erzeugnisse vergleicht, muss wissen, wie ausgezogen wurde und bei welcher Temperatur.
Steckbrief und Rechtslage
| Wissenschaftlicher Name | Althaea officinalis L. |
| Deutscher Name | Echter Eibisch |
| Familie | Malvaceae (Malvengewächse) |
| Pflanzenteil | mehrjährige, fleischige Wurzel |
| Stoffklasse | Polysaccharide (Schleimstoffe), keine feste Summenformel |
| Messwerte am Auszug | Ausbeute bis 8,9 % · Wasserbindung bis 82,5 g/g · strukturviskos5 |
| VLpH Anhang 1 | kein Eintrag — die Art steht nicht auf der Verbotsliste7 |
| LIV Anhang 14 | kein Eintrag — keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe8 |
Die Zuordnung eines Erzeugnisses richtet sich nicht nach der Pflanze, sondern nach dem Zweck. Artikel 4 Absatz 1 Buchstabe a des Heilmittelgesetzes (HMG, SR 812.21) nennt Arzneimittel Produkte, die zur medizinischen Einwirkung auf den Organismus bestimmt sind oder angepriesen werden.9 Schon der Text kann die Kategorie festlegen. Verwendungsfertige Arzneimittel brauchen nach Artikel 9 Absatz 1 HMG eine Zulassung.9
Von der anderen Seite zieht Artikel 12 der Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung (LGV, SR 817.02) dieselbe Grenze: Hinweise, die einem Lebensmittel Eigenschaften der Vorbeugung oder Behandlung einer menschlichen Krankheit zuschreiben, sind verboten — ebenso Aufmachungen, die einem Lebensmittel den Anschein eines Heilmittels geben.10 Deshalb steht auf dieser Seite nichts über Organe oder Beschwerden.
Häufige Fragen
Sind in Marshmallows Eibischwurzeln enthalten?
Nein. Die Fachliteratur beschreibt Marshmallow als aufgeschäumtes Zuckererzeugnis aus Gelatine, Zuckerlösung, Glucosesirup und einem Schaumbildner.3 Die Wurzel gab nur den Namen.
Woher kommt der Name «marsh mallow»?
Aus dem Standort: «marsh» heisst Sumpf, «mallow» Malve. Die Art wächst auf feuchten, oft salzhaltigen Böden.
Wie heisst die Pflanze auf Deutsch?
Echter Eibisch. GBIF führt daneben die englische Form «Marsh-mallow» und die französische «Guimauve officinale».1
Ist Eibisch mit Kakao verwandt?
Ja, über die Familie. Eibisch, Hibiskus, Baumwolle und der Kakaobaum stehen alle in den Malvengewächsen.4
Was genau ist ein Schleimstoff?
Ein Polysaccharid, also eine lange Kette aus Zuckerbausteinen. In Wasser lagert es viel Flüssigkeit an, quillt und macht die Lösung zäh.
Warum unterscheiden sich Kalt- und Heisswasserauszug?
Weil Temperatur und Dauer bestimmen, welche Bestandteile in Lösung gehen. Gemessene Ausbeute, Quellung und Löslichkeit fielen je nach Verfahren deutlich verschieden aus.5
Was heisst «kein Eintrag in Anhang 14»?
Anhang 14 der Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel führt die gesundheitsbezogenen Angaben auf, die verwendet werden dürfen, samt Wortlaut und Bedingung. Fehlt ein Stoff dort, gibt es zu ihm keine zulässige Angabe — auch keine umschriebene oder angedeutete.
Wozu dient dieser Glossareintrag?
Er ordnet einen Stoff sachlich ein: Herkunft, Stoffform, Vorkommen und die Rechtslage in der Schweiz. Er ist keiner Ware zugeordnet, spricht keine Empfehlung aus und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.
Quellen
- GBIF Backbone Taxonomy: Althaea officinalis L. usageKey 3152520, Familie Malvaceae; Volksnamen «Marsh-mallow», «Echter Eibisch», «Guimauve officinale»; für die Schweiz im Global Register of Introduced and Invasive Species als eingeführt geführt. ↩
- Parkinson E. The Complete Confectioner, Pastry-cook, and Baker. Lea and Blanchard, Philadelphia 1844, Eintrag «Pâte de Guimauve — Marsh-Mallow Paste». Digitalisat im Internet Archive. ↩
- Mardani M, Yeganehzad S, Ptichkina N, Kodatsky Y, Kliukina O, Nepovinnykh N, Naji-Tabasi S. Study on foaming, rheological and thermal properties of gelatin-free marshmallow. Food Hydrocolloids. 2019;93:335–341. DOI: 10.1016/j.foodhyd.2019.02.033 — beschreibt die heutige Zusammensetzung des Süsswarenerzeugnisses. ↩
- GBIF Backbone Taxonomy, Familie Malvaceae: Hibiscus sabdariffa usageKey 3152582, Gossypium hirsutum usageKey 3152661, Theobroma cacao usageKey 3152205, Malva sylvestris usageKey 3152374. ↩
- Rownaghi M, Niakousari M. Assessing physicochemical characteristics of a shear-thinning polysaccharide mucilage extracted from marshmallow root (Althaea officinalis L.) by an ohmic heating system. Int J Biol Macromol. 2024;277:134274. DOI: 10.1016/j.ijbiomac.2024.134274, PMID: 39094881. ↩
- Karimi S, Ghanbarzadeh B, Roufegarinejad L, Falcone PM. Physicochemical and rheological characterization of a novel hydrocolloid extracted from Althaea officinalis root. LWT. 2022;167:113832. DOI: 10.1016/j.lwt.2022.113832. ↩
- Verordnung des EDI über Lebensmittel pflanzlicher Herkunft (VLpH), SR 817.022.17, Anhang 1 — Althaea ist dort nicht aufgeführt. ↩
- Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel (LIV), SR 817.022.16, Anhang 14 — kein Eintrag zum Eibisch. ↩
- Bundesgesetz über Arzneimittel und Medizinprodukte (HMG), SR 812.21, Art. 4 Abs. 1 Bst. a und Art. 9 Abs. 1. ↩
- Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung (LGV), SR 817.02, Art. 12 Täuschungsverbot, Abs. 2 Bst. c und d. ↩
Redaktion Sanasis AG. Stoffdaten nach GBIF und begutachteter Fachliteratur, rechtliche Einordnung nach HMG, LGV, VLpH und LIV im geprüften Wortlaut. Dieser Eintrag beschreibt einen Stoff und die Rechtslage; er ist keiner Ware zugeordnet und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.