Melatonin: ein körpereigenes Hormon und seine rechtliche Einordnung
Melatonin ist ein körpereigenes Hormon aus der Stoffklasse der Indolamine. Der Körper bildet es aus der Aminosäure L-Tryptophan. Es ist kein Vitamin, kein Mineralstoff und in keinem Teil des Anhangs 1 der schweizerischen Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel aufgeführt.
Dieser Eintrag beschreibt den Stoff und die Rechtslage. Er ist keiner Ware zugeordnet und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.
Was Melatonin chemisch ist
Melatonin trägt in PubChem die Kennung CID 896. Die Summenformel lautet C13H16N2O2, die molare Masse 232,28 g/mol. Der systematische Name ist N-[2-(5-Methoxy-1H-indol-3-yl)ethyl]acetamid; gebräuchlich ist auch die Kurzform N-Acetyl-5-methoxytryptamin.
Der Bauplan lässt sich daraus ablesen. Grundgerüst ist ein Indolring — dasselbe Doppelringsystem, das auch die Aminosäure Tryptophan trägt. Daran hängen eine Methoxygruppe am Ring und eine Acetylgruppe an der Seitenkette.
Beschrieben wurde der Stoff 1958. Eine Arbeitsgruppe um Aaron B. Lerner isolierte ihn aus der Zirbeldrüse (Epiphyse), einem kleinen Organ im Zwischenhirn, und veröffentlichte den Befund im Journal of the American Chemical Society.
Wie der Körper es bildet
Am Anfang steht die Aminosäure L-Tryptophan (PubChem CID 6305, C11H12N2O2). Aus ihr entsteht in mehreren Schritten Serotonin (CID 5202, C10H12N2O) — der Punkt, an dem der Weg zum Melatonin abzweigt.
Von dort sind es noch zwei Enzymschritte:
- N-Acetylierung. Das Enzym Serotonin-N-Acetyltransferase hängt eine Acetylgruppe an. Es entsteht N-Acetylserotonin (CID 903, C12H14N2O2). Die Formel wächst gegenüber Serotonin um C2H2O.
- O-Methylierung. Das Enzym Acetylserotonin-O-Methyltransferase setzt am Ring eine Methylgruppe. Es entsteht Melatonin (CID 896, C13H16N2O2). Gegenüber der Vorstufe kommt genau eine CH2-Einheit hinzu.
Beide Enzyme sind seit Langem bekannt. In einer Arbeit von 2013 wurden die entsprechenden Gene des Schafs in Tomatenpflanzen übertragen — sie stehen dort für die beiden letzten Schritte der Melatoninbildung.
Licht als Steuergrösse
Die Bildung in der Zirbeldrüse hängt vom Licht ab. Das ist keine Vermutung, sondern ein alter und gut dokumentierter Befund: 1980 zeigte eine Arbeitsgruppe um Alfred J. Lewy in der Zeitschrift Science, dass Licht die Ausschüttung von Melatonin beim Menschen unterdrückt.
Beschrieben wird hier Physiologie — die normale Arbeitsweise des Körpers. Eine Aussage über einen Nutzen ist damit ausdrücklich nicht verbunden und wäre auf einer Lexikonseite auch nicht zulässig.
Phytomelatonin: auch Pflanzen bilden den Stoff
Melatonin ist kein Alleinstellungsmerkmal der Wirbeltiere. Pflanzen und Pilze bilden es ebenfalls; für die pflanzliche Form hat sich der Begriff Phytomelatonin eingebürgert.
Eine Arbeit von 2021 hat die zuständigen Genfamilien in vier Pflanzen — Ackerschmalwand, Tomate, Reis und Sorghumhirse — durchsucht. Der Weg verläuft dort über Tryptophan-Decarboxylase und Tryptamin-5-Hydroxylase zum Serotonin; die Schlussschritte übernehmen wie im Tier eine Serotonin-N-Acetyltransferase und eine Acetylserotonin-Methyltransferase. Auch hier wirkt der Hell-Dunkel-Wechsel auf die Ablesung dieser Gene.
Ein Molekül, das lange als tierisches Hormon galt, gehört also zur Grundausstattung sehr verschiedener Lebewesen. Für die Beurteilung eines Erzeugnisses folgt daraus nichts: Ein natürlicher Gehalt macht einen Stoff weder zum zulässigen Zusatz noch zu einer erlaubten Auslobung.
Warum Melatonin kein Nährstoff ist
Die Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel führt in Anhang 1 auf, was solchen Erzeugnissen zugesetzt werden darf. Teil A nennt die Vitamine und Mineralstoffe samt Höchstmengen und ist abschliessend. Teil B nennt sonstige Stoffe und ist es nicht.
Melatonin steht in keinem der beiden Teile. Für Teil A ist das ohne Weiteres klar: Melatonin ist weder Vitamin noch Mineralstoff. Für Teil B wäre das Fehlen allein noch kein Verbot — bei sonstigen Stoffen entscheidet dann das Novel-Food-Recht über die Verkehrsfähigkeit.
Bei einem körpereigenen Hormon greift die Prüfung jedoch früher an. Ein Stoff, der gezielt in das Hormonsystem eingreifen soll, ist der Sache nach kein Lebensmittel. Damit ist nicht mehr das Lebensmittelrecht der Massstab, sondern das Heilmittelrecht.
Der Status in der Schweiz
Das Heilmittelgesetz beschreibt Arzneimittel in Artikel 4 als Produkte chemischen oder biologischen Ursprungs, die zur medizinischen Einwirkung auf den Organismus bestimmt sind oder angepriesen werden. Der zweite Halbsatz ist entscheidend: Schon die Anpreisung bringt ein Erzeugnis in den Anwendungsbereich.
Für Melatonin lässt sich der Status in der Schweiz an einer amtlichen Liste ablesen. Swissmedic führt in der Liste der zugelassenen Wirkstoffe den Eintrag «melatoninum» mit der Abgabekategorie B für Humanarzneimittel. Kategorie B bedeutet nach der Legende derselben Liste: Abgabe auf ärztliche oder tierärztliche Verschreibung. Stand der ausgewerteten Fassung ist der 31. Juli 2026.
Melatoninhaltige Präparate sind in der Schweiz also als Arzneimittel zugelassen und verschreibungspflichtig. Welche Anwendungsgebiete den einzelnen Zulassungen zugrunde liegen, ist Gegenstand der behördlich genehmigten Arzneimittelinformation und nicht dieser Seite.
Was hier bewusst fehlt. Diese Seite nennt keinen Nutzen, keine Menge und kein Anwendungsgebiet. Der Grund ist nicht Zurückhaltung, sondern die Zuständigkeit: Zu einem verschreibungspflichtigen Wirkstoff darf eine Lexikonseite eines Lebensmittelhandels solche Angaben nicht führen.
Eckdaten
| Stoffklasse | Indolamin; körpereigenes Hormon |
| PubChem | CID 896 |
| Summenformel | C13H16N2O2, molare Masse 232,28 g/mol |
| Ausgangsstoff | L-Tryptophan über Serotonin und N-Acetylserotonin |
| Bildungsort | Zirbeldrüse; ebenso in Pflanzen und Pilzen |
| VNem Anhang 1 | kein Eintrag in Teil A und kein Eintrag in Teil B |
| LIV Anhang 14 | keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe |
| Swissmedic-Wirkstoffliste | «melatoninum», Abgabekategorie B (Stand 31.07.2026) |
Häufige Fragen
Ist Melatonin ein Nahrungsergänzungsmittel?
Nein. Melatonin steht in keinem Teil des Anhangs 1 der Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel. In der Schweiz führt Swissmedic den Wirkstoff «melatoninum» in der Liste der zugelassenen Wirkstoffe mit der Abgabekategorie B.
Was bedeutet Abgabekategorie B?
Nach der Legende der Swissmedic-Liste: Abgabe auf ärztliche oder tierärztliche Verschreibung.
Warum reicht das Fehlen in Anhang 1 als Begründung nicht aus?
Weil Teil A abschliessend ist, Teil B aber nicht. Bei sonstigen Stoffen entscheidet über die Verkehrsfähigkeit zusätzlich das Novel-Food-Recht. Bei einem körpereigenen Hormon setzt die Abgrenzung zum Heilmittelrecht ohnehin früher an.
Was ist ein Indolamin?
Ein Stoff mit einem Indolgerüst — einem verschmolzenen Doppelring aus Kohlenstoff und Stickstoff — und einer stickstoffhaltigen Seitenkette. Serotonin und Melatonin gehören dazu.
Enthalten Lebensmittel Melatonin?
Pflanzen und Pilze bilden den Stoff selbst; dafür hat sich der Begriff Phytomelatonin eingebürgert. Ein natürlicher Gehalt begründet aber weder eine zulässige Auslobung noch einen zulässigen Zusatz.
Wann wurde Melatonin entdeckt?
1958. Eine Arbeitsgruppe um Aaron B. Lerner isolierte den Stoff aus der Zirbeldrüse und veröffentlichte den Befund im Journal of the American Chemical Society.
Was hat Licht mit der Bildung zu tun?
Licht unterdrückt die Ausschüttung. Diesen Zusammenhang beschrieb 1980 eine Arbeitsgruppe um Alfred J. Lewy in Science.
Warum steht auf dieser Seite kein Anwendungsgebiet?
Weil die Anwendungsgebiete zugelassener Arzneimittel Gegenstand der behördlich genehmigten Arzneimittelinformation sind. Das Heilmittelgesetz erfasst Produkte schon dann, wenn sie zur medizinischen Einwirkung angepriesen werden.
Wozu dient dieser Glossareintrag?
Er ordnet einen Stoff sachlich ein: Chemie, Bildungsweg, Vorkommen und die Rechtslage in der Schweiz. Er ist keiner Ware zugeordnet, spricht keine Empfehlung aus und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.
Quellen
- Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel (VNem), SR 817.022.14, Anhang 1 Teil A und Teil B — Melatonin ist dort nicht aufgeführt.
- Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel (LIV), SR 817.022.16, Anhang 14 — kein Eintrag zu Melatonin.
- Bundesgesetz über Arzneimittel und Medizinprodukte (Heilmittelgesetz, HMG), SR 812.21, Art. 4 Abs. 1 Bst. a — Begriff des Arzneimittels, «bestimmt sind oder angepriesen werden».
- Swissmedic, Liste der zugelassenen Wirkstoffe («Stoffliste»), Stand 31.07.2026, Eintrag «melatoninum», Abgabekategorie Humanarzneimittel B. Verzeichnis abrufbar über Swissmedic, Listen und Verzeichnisse.
- PubChem, National Library of Medicine: Melatonin CID 896, C13H16N2O2, abgerufen 2026.
- PubChem, National Library of Medicine: L-Tryptophan CID 6305, C11H12N2O2, abgerufen 2026.
- PubChem, National Library of Medicine: Serotonin CID 5202, C10H12N2O, abgerufen 2026.
- PubChem, National Library of Medicine: N-Acetylserotonin CID 903, C12H14N2O2, abgerufen 2026.
- Lerner AB, Case JD, Takahashi Y, Lee TH, Mori W. Isolation of melatonin, the pineal gland factor that lightens melanocytes. Journal of the American Chemical Society. 1958;80(10):2587. DOI: 10.1021/ja01543a060
- Lewy AJ, Wehr TA, Goodwin FK, Newsome DA, Markey SP. Light suppresses melatonin secretion in humans. Science. 1980;210:1267–1269. DOI: 10.1126/science.7434030 · PMID: 7434030
- Bhowal B, Bhattacharjee A, Goswami K, Sanan-Mishra N, Singla-Pareek SL, Kaur C, Sopory S. Serotonin and Melatonin Biosynthesis in Plants: Genome-Wide Identification of the Genes and Their Expression Reveal a Conserved Role in Stress and Development. International Journal of Molecular Sciences. 2021;22(20):11034. DOI: 10.3390/ijms222011034 · PMID: 34681693
- Wang L, Zhao Y, Reiter RJ, He C, Liu G, Lei Q, Zuo B, Zheng XD, Li Q, Kong J. Changes in melatonin levels in transgenic «Micro-Tom» tomato overexpressing ovine AANAT and ovine HIOMT genes. Journal of Pineal Research. 2013;56(2):134–142. DOI: 10.1111/jpi.12105 · PMID: 24138427
Redaktion Sanasis AG. Stoffdaten nach PubChem, rechtliche Einordnung nach VNem, LIV und HMG im geprüften Wortlaut, Zulassungsstatus nach der amtlichen Wirkstoffliste von Swissmedic. Dieser Eintrag beschreibt einen Stoff und die Rechtslage; er ist keiner Ware zugeordnet und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.