Nori-Algen: eine verschollene Lebensphase, ein gepresstes Blatt und ein Namenswechsel
Nori bezeichnet Rotalgen aus der Familie der Bangiaceae — je nach Art heute den Gattungen Porphyra oder Pyropia zugeordnet — sowie das daraus hergestellte getrocknete Blatt. Dieses Blatt ist kein am Stück getrocknetes Algenstück, sondern ein gegossenes und gepresstes Erzeugnis aus zerkleinerter Alge.
Dieser Eintrag beschreibt Algen, ein Verfahren und die Rechtslage. Er ist keiner Ware zugeordnet, spricht keine Empfehlung aus und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.
1949: Eine Botanikerin löst ein Rätsel, das sie nie vor Ort gesehen hat
Das ist der eigentliche Erzählkern dieser Seite. Bis in die 1940er-Jahre war der Anbau von Nori Glückssache. Man legte Netze und Reisig ins Meer und hoffte, dass sich die Algen darauf ansiedelten. Woher der Nachwuchs kam, wusste niemand.
In Muschelschalen wuchsen unterdessen rosarote, fadenförmige Algen, die die Botanik seit dem 19. Jahrhundert als eigene Gattung führte: Conchocelis, aufgestellt von Batters 1892. In der GBIF Backbone Taxonomy steht dieser Gattungsname heute als Synonym von Porphyra.
Den Zusammenhang klärte die britische Botanikerin Kathleen Mary Drew an der Universität Manchester. In einer knappen Mitteilung in Nature berichtete sie 1949 unter dem Titel «Conchocelis-Phase in the Life-History of Porphyra umbilicalis», dass diese Fäden gar keine eigene Art sind, sondern eine Lebensphase der Nori-Alge. Aus dem flachen Blatt entstehen Sporen, die in Muschelschalen wachsen; aus diesen Fäden gehen später wieder Sporen hervor, aus denen neue Blätter werden.
Damit war der Anbau planbar: Wer die Fadenphase in zerbrochenen Austernschalen hält, kann die Sporenabgabe steuern und Netze gezielt besetzen. Harris, Matsuda und Sattelle berichteten 2013 in BioEssays, dass in jenem Jahr in Uto in Japan das 50. jährliche Drew-Fest stattfand — zu Ehren einer Wissenschaftlerin, die selbst nie in Japan war.
Nori ist ein gegossenes Blatt, kein getrocknetes Stück Alge
Das rechteckige Blatt mit der glatten Oberfläche entsteht in einem Verfahren, das der Papierherstellung ähnelt. Ding und Mitarbeitende haben 2025 eine Verarbeitungslinie in drei Betrieben über eine ganze Saison begleitet und die einzelnen Schritte dokumentiert: Die frische Alge wird zuerst in Meerwasser gewaschen, dann fortlaufend zerkleinert. Aus dem Brei wird das Wasser über Schwämme abgezogen, danach folgt die Trocknung.
Der Brei wird in Rahmen auf Matten gegossen und zu einer dünnen Schicht verteilt; beim Trocknen verfilzen die Zellwandbestandteile zu einem zusammenhängenden Blatt. Darin liegt die Verwandtschaft zum Papier: Auch dort wird eine Suspension flächig abgelegt und entwässert.
Ein Namensfall: Porphyra, Pyropia — und weiter
Wer heute nachschlägt, welche Art hinter «Nori» steckt, stösst auf mehrere gültige Namen. Grund ist eine Neuordnung der Verwandtschaftsgruppe. Sutherland und ein internationales Autorenteam legten 2011 im Journal of Phycology eine Revision der Ordnung Bangiales vor und teilten die bis dahin sehr weit gefasste Gattung Porphyra auf; unter anderem wurde Pyropia wieder aufgegriffen. Yang und Mitarbeitende teilten 2020 auch Pyropia auf: vier neue Gattungen, die Wiederaufnahme von Porphyrella und eine neu beschriebene Art aus China.
Die Datenbanken folgen dieser Entwicklung unterschiedlich schnell. In der GBIF Backbone Taxonomy ist die japanische Hauptanbauart derzeit als Pyropia yezoensis geführt, während der jüngere Name Neopyropia yezoensis dort als Synonym steht. Beide Gattungen, Porphyra und Pyropia, bestehen als akzeptierte Namen nebeneinander.
Das ist keine reine Fachfrage. Artikel 25 Absatz 2 der Verordnung über Lebensmittel pflanzlicher Herkunft verlangt, dass auf Packungen und Etiketten von Algen die Algenart angegeben wird; gibt es keine handelsübliche oder keine eindeutige Bezeichnung, so ist die lateinische Bezeichnung anzugeben. Ein Gattungsname, der sich in zehn Jahren zweimal ändert, trifft damit unmittelbar auf eine Kennzeichnungspflicht.
Jod: Sachlage und Rechtsrahmen
Meeresalgen nehmen Jod aus dem Meerwasser auf und reichern es an. Wie stark, hängt von der Art ab — und die Spannbreite ist gross. Teas, Pino, Critchley und Braverman haben 2004 zwölf handelsübliche Speisealgen untersucht. Der niedrigste Wert der Reihe entfiel auf Nori (Porphyra tenera) mit 16 ± 2 Mikrogramm je Gramm, der höchste auf ein verarbeitetes Kelp-Granulat aus Laminaria digitata mit über 8165 ± 373 Mikrogramm je Gramm. Die Autoren weisen zudem darauf hin, dass Jod beim Kochen wasserlöslich ist.
Für Nahrungsergänzungsmittel setzt das Schweizer Recht eine ausdrückliche Grenze. Anhang 1 Teil A der Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel führt Jod mit einer Höchstmenge von 200 Mikrogramm je empfohlener täglicher Verzehrsmenge. Anhang 2 nennt die dafür zulässigen Verbindungen: Natriumjodid, Natriumjodat, Kaliumjodid und Kaliumjodat.
Diese Angaben beschreiben die Rechtslage für Nahrungsergänzungsmittel und Messwerte aus einer veröffentlichten Untersuchung. Sie sind weder eine Verzehrsempfehlung noch eine Warnung. Als Lebensmittel fallen Speisealgen unter Artikel 24 Absatz 2 Buchstabe i VLpH, der Grün-, Braun- und Rotalgen dem Gemüse zuordnet, sofern sie üblicherweise wie Gemüse zubereitet oder als solche verzehrt werden; Mikroalgen und kalziumhaltige Rotalgen sind davon ausgenommen.
Eckdaten
| Systematische Stellung | Rotalgen (Rhodophyta), Ordnung Bangiales, Familie Bangiaceae |
| Gattungen | Porphyra C.Agardh, 1824 und Pyropia J.Agardh, 1899 |
| Hauptanbauart Japan | Pyropia yezoensis; jüngeres Synonym Neopyropia yezoensis |
| Verschollene Lebensphase | Conchocelis-Fäden in Muschelschalen, aufgeklärt 1949 |
| Herstellung des Blattes | waschen, zerkleinern, entwässern, giessen, trocknen |
| Kennzeichnung in der Schweiz | Algenart auf Packung und Etikett, VLpH Art. 25 Abs. 2 |
| Jod in Nahrungsergänzungsmitteln | Höchstmenge 200 µg je Tagesportion, VNem Anhang 1 Teil A |
Häufige Fragen
Was war die Conchocelis-Phase?
Eine Lebensphase der Nori-Alge, die als rosarote Fäden in Muschelschalen wächst. Sie wurde ab 1892 für eine eigene Gattung gehalten. Kathleen Drew wies 1949 nach, dass sie zum Lebenslauf von Porphyra umbilicalis gehört.
Wird Kathleen Drew-Baker in Japan geehrt?
Ja. Harris, Matsuda und Sattelle berichten 2013 in BioEssays, dass in jenem Jahr in Uto das 50. jährliche Drew-Fest stattfand. Sie selbst hat Japan nie besucht.
Ist ein Nori-Blatt einfach getrocknete Alge?
Nein. Die Alge wird gewaschen, zerkleinert und entwässert; der Brei wird in Rahmen zu einer dünnen Schicht ausgegossen und getrocknet. Das Verfahren ähnelt der Papierherstellung.
Heisst die Gattung nun Porphyra oder Pyropia?
Beide Namen bestehen. Die Revision von 2011 teilte Porphyra auf und griff Pyropia wieder auf; 2020 wurde auch Pyropia weiter aufgeteilt. Welcher Name für eine bestimmte Art gilt, ist deshalb im Einzelfall zu prüfen.
Welche Jod-Höchstmenge nennt die Verordnung?
Für Nahrungsergänzungsmittel 200 Mikrogramm je empfohlener täglicher Verzehrsmenge, festgelegt in Anhang 1 Teil A der Verordnung über Nahrungsergänzungsmittel. Zulässige Verbindungen sind nach Anhang 2 Natriumjodid, Natriumjodat, Kaliumjodid und Kaliumjodat.
Wozu dient dieser Glossareintrag?
Er ordnet eine Algengruppe sachlich ein: Lebenslauf, Herstellungsverfahren, Namensgebung und Rechtslage. Er ist keiner Ware zugeordnet, spricht keine Empfehlung aus und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.
Quellen
- Drew KM. Conchocelis-Phase in the Life-History of Porphyra umbilicalis (L.) Kütz. Nature. 1949;164(4174):748–749. DOI: 10.1038/164748a0
- Harris C, Matsuda K, Sattelle DB. Dr. Kathleen Drew-Baker, «Mother of the Sea», a Manchester scientist celebrated each year for half a century in Japan. BioEssays. 2013;35(9):838–839. DOI: 10.1002/bies.201300061 · PMID: 23943287
- Sutherland JE, Lindstrom SC, Nelson WA, Brodie J, Lynch MDJ, Hwang MS, Choi HG, Miyata M, Kikuchi N, Oliveira MC, Farr T, Neefus C, Mols-Mortensen A, Milstein D, Müller KM. A new look at an ancient order: generic revision of the Bangiales (Rhodophyta). Journal of Phycology. 2011;47(5):1131–1151. DOI: 10.1111/j.1529-8817.2011.01052.x
- Yang LE, Deng YY, Xu GP, Russell S, Lu QQ, Brodie J. Redefining Pyropia (Bangiales, Rhodophyta): four new genera, resurrection of Porphyrella and description of Calidia pseudolobata sp. nov. from China. Journal of Phycology. 2020;56(4):862–879. DOI: 10.1111/jpy.12992 · PMID: 32196675
- Ding Y, Zhou F, Zhou R, Wang Q, Pan S, Wang W. Microbial Level and Microbiota Change of Laver in Dried Laver Processing Line During Production Seasons. Foods. 2025;14(3):399. DOI: 10.3390/foods14030399 · PMID: 39941992
- Teas J, Pino S, Critchley A, Braverman LE. Variability of iodine content in common commercially available edible seaweeds. Thyroid. 2004;14(10):836–841. DOI: 10.1089/thy.2004.14.836 · PMID: 15588380
- GBIF Backbone Taxonomy: Porphyra C.Agardh, 1824 usageKey 2653483; Pyropia J.Agardh, 1899 usageKey 4908866; Conchocelis E.A.Batters, 1892 usageKey 2668674 als Synonym von Porphyra, alle Familie Bangiaceae, abgerufen 2026.
- GBIF Backbone Taxonomy: Porphyra umbilicalis Kütz. usageKey 5275705; Pyropia yezoensis (Ueda) M.S.Hwang & H.G.Choi usageKey 7713874, akzeptiert; Neopyropia yezoensis (Ueda) L.-E.Yang & J.Brodie usageKey 12284344 als Synonym, abgerufen 2026.
- Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel (VNem), SR 817.022.14, Anhang 1 Teil A (Jod, 200 µg) und Anhang 2 (zulässige Verbindungen).
- Verordnung des EDI über Lebensmittel pflanzlicher Herkunft, Pilze und Speisesalz (VLpH), SR 817.022.17, Art. 24 Abs. 2 Bst. i und Art. 25 Abs. 2.
- Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel (LIV), SR 817.022.16, Anhang 14 — keine zugelassene Angabe zu Nori.
Redaktion Sanasis AG. Artnamen nach der GBIF Backbone Taxonomy, rechtliche Einordnung nach VNem, VLpH und LIV im geprüften Wortlaut. Dieser Eintrag beschreibt Algen, ein Verfahren und die Rechtslage; er ist keiner Ware zugeordnet und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.