Propolis: gesammeltes Pflanzenharz, kein Bienenerzeugnis im engeren Sinn
Propolis, deutsch Kittharz, ist Harz, das Honigbienen (Apis mellifera L.) an Knospen, Rinde und anderen Pflanzenteilen sammeln und im Stock mit Wachs und Drüsensekreten verarbeiten. Der Name stammt aus dem Griechischen: pro für «vor» und polis für «Stadt».
Dieser Eintrag beschreibt ein Material, seine Herkunft und die Rechtslage. Er ist keiner Ware zugeordnet, spricht keine Anwendung an und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.
Warum Propolis anders entsteht als Honig
Das Schweizer Recht zeigt den Unterschied deutlich. Das 14. Kapitel der Verordnung über Lebensmittel tierischer Herkunft heisst «Honig, Gelée royale und Blütenpollen» und umschreibt genau diese drei Erzeugnisse. Honig ist nach Artikel 96 der süsse Stoff, den die Bienen erzeugen, indem sie Nektar und Honigtau aufnehmen, «durch körpereigene Stoffe bereichern, in ihrem Körper verändern, in Waben speichern und reifen lassen». Gelée royale ist nach Artikel 99 das Sekretionsprodukt des Schlunddrüsensystems der Arbeiterbienen. Blütenpollen sind nach Artikel 102 gesammelte männliche Keimzellen, die mit Nektar befeuchtet und mit körpereigenen Enzymen bereichert werden.
Propolis kommt in diesem Kapitel nicht vor. Das passt zur Sache: Der Rohstoff wird nicht im Bienenkörper gebildet, sondern draussen an der Pflanze eingesammelt. Die Bienen verändern ihn, indem sie Wachs und Sekrete beimischen – aber das Ausgangsmaterial ist Pflanzenharz.
Deshalb schwankt die Zusammensetzung regional so stark
Wenn der Rohstoff aus der Umgebung stammt, hängt die Zusammensetzung an der Vegetation. Genau das ist der Befund der Forschung: Nach der Übersicht von Pastor und Mitarbeitenden 2025 unterscheidet die Fachliteratur mehrere Grundtypen – Pappel-, Birken-, Grün-, Rot-, Braun- und Mischtyp – und ordnet sie nach dem vorherrschenden Pflanzenharz.
Für Europa ist der Pappeltyp beschrieben. Greenaway und Mitarbeitende verglichen bereits 1988 Proben aus Oxfordshire mit dem Knospenausfluss der Pappel. Neuere Arbeiten aus der Türkei, die Pastor und Mitarbeitende referieren, unterscheiden dort drei Muster und ordnen zwei davon der Schwarzpappel (Populus nigra) und der Zitterpappel (Populus tremula) zu.
Für Brasilien gilt anderes. Salatino und Mitarbeitende führen das grüne Propolis 2005 auf die Triebspitzen von Baccharis dracunculifolia zurück, einem zweihäusigen Korbblütler des offenen Landes im Süden und Südosten Brasiliens. Park und Mitarbeitende hatten 2002 die brasilianischen Sorten in Gruppen geordnet und deren Pflanzenquellen bestimmt: Pappelharz für die eine, Baccharis dracunculifolia für die andere Gruppe.
Für den Mittelmeerraum war die Quelle lange offen. Popova und Mitarbeitende bestimmten 2012 das Harz der Mittelmeer-Zypresse (Cupressus sempervirens) als wichtigste Pflanzenquelle des kennzeichnenden Diterpen-Musters.
Vorsicht bei der Standardangabe «50 % Harze, 30 % Wachs, 10 % ätherische Öle, 5 % Pollen». Diese Zahlenreihe steht in unzähligen Texten. Pastor und Mitarbeitende verweisen auf die Analyse von Salatino und Salatino, wonach solche Angaben allgemein gehalten, methodisch nicht abgesichert und über Jahrzehnte ungeprüft weitergereicht worden sind. Als allgemeingültige Beschreibung taugen sie nicht.
Wozu die Bienen das Harz im Stock verwenden
Salatino und Mitarbeitende beschreiben mehrere Verwendungen nebeneinander:
- Öffnungen verschliessen. Jede Ritze wird zugekittet; das trägt auch dazu bei, die Temperatur im Stock bei etwa 35 °C zu halten.
- Wabenwände festigen. Die Wände der sechseckigen Zellen enthalten eine Mischung aus Bienenwachs und Kittharz.
- Flugloch auskleiden. Der Eingang ist innen mit Kittharz überzogen.
- Eindringlinge überziehen. Tiere, die im Stock getötet wurden und zu schwer zum Heraustragen sind – etwa kleine Schlangen –, werden mit Kittharz bedeckt. Die Körper trocknen ein, statt zu verwesen.
Gewinnung und Löslichkeit
Die Erntetechnik nutzt genau dieses Verhalten. Statt das Harz von den Rähmchen zu kratzen, lässt man den Bienen absichtlich Öffnungen: Salatino und Mitarbeitende beschreiben, wie brasilianische Imkereien Längsschlitze an beiden Seiten der Beute offen lassen, weil die Bienen jede erkannte Öffnung verkitten. Geerntet wird dann vom Einsatz – sauberer und ohne Holzsplitter.
Für die Handelsformen entscheidend ist das Lösungsverhalten. Propolis kommt als ethanolische oder wässrige Tinktur, als Kapsel, als Pulver und als Extrakt in den Handel. Die beiden Auszüge sind aber nicht dasselbe: Nach den Vergleichen, die Pastor und Mitarbeitende zusammentragen, überwiegen im Wasserauszug wasserlösliche Phenolsäuren, während der Ethanolauszug die fettlöslichen Flavonoide wie Chrysin, Pinocembrin und Galangin führt. Wer «Propolisextrakt» liest, weiss deshalb noch nicht, was drin ist – einheitliche internationale Qualitätsvorgaben bestehen bis heute nicht.
Bekanntes Kontaktallergen
Eine Sachangabe gehört dazu: Propolis ist ein bekanntes Kontaktallergen. Münstedt und Kalder haben die Kontaktallergie gegen Propolis 2009 bei Imkerinnen und Imkern untersucht; die Fragestellung ist in der Fachliteratur seit Jahrzehnten geläufig. Das ist keine Bewertung des Materials, sondern eine Eigenschaft, die bei jedem Umgang damit bekannt sein sollte.
Eckdaten
| Was es ist | gesammeltes Pflanzenharz, von Bienen mit Wachs und Sekreten verarbeitet |
| Sammelnde Art | Apis mellifera L., Familie Apidae |
| Namensherkunft | griechisch pro (vor) und polis (Stadt) |
| Pflanzenquellen | Europa Pappel; Brasilien Baccharis dracunculifolia; Mittelmeerraum Cupressus sempervirens |
| Handelsformen | ethanolische und wässrige Tinktur, Pulver, Kapsel, Extrakt |
| Standardisierung | keine einheitlichen internationalen Qualitätsvorgaben |
| Sachangabe | bekanntes Kontaktallergen |
| Rechtlicher Anknüpfungspunkt | VLtH 14. Kapitel (nur Honig, Gelée royale, Blütenpollen); kein VNem-Eintrag, keine Angabe in LIV Anhang 14 |
Häufige Fragen
Ist Propolis ein Bienenerzeugnis?
Nur mittelbar. Das Ausgangsmaterial ist Pflanzenharz, das die Bienen sammeln und mit Wachs und Sekreten verarbeiten. Anders als Honig und Gelée royale entsteht es nicht im Bienenkörper.
Warum ist Propolis nicht überall gleich?
Weil die Bienen nehmen, was in der Umgebung wächst. In Europa überwiegt Pappelharz, in Brasilien das Harz von Baccharis dracunculifolia, im Mittelmeerraum jenes der Zypresse.
Wie wird Propolis geerntet?
Über Einsätze und offen gelassene Schlitze, die die Bienen selbst verkitten. Das ist sauberer als das Abkratzen vom Holz.
Ist ein wässriger Auszug dasselbe wie ein Ethanolauszug?
Nein. Im Wasserauszug überwiegen wasserlösliche Phenolsäuren, im Ethanolauszug die fettlöslichen Flavonoide. Die beiden Erzeugnisse sind chemisch verschieden.
Steht Propolis in der Verordnung über Lebensmittel tierischer Herkunft?
Nein. Das 14. Kapitel umschreibt Honig, Gelée royale und Blütenpollen. Propolis wird dort nicht definiert.
Wozu dient dieser Glossareintrag?
Er ordnet ein Material sachlich ein: Herkunft, botanische Quellen, Verwendung im Stock, Gewinnung und Rechtslage. Er ist keiner Ware zugeordnet, spricht keine Empfehlung aus und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.
Quellen
- Salatino A, Teixeira EW, Negri G, Message D. Origin and Chemical Variation of Brazilian Propolis. Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine. 2005;2(1):33–38. DOI: 10.1093/ecam/neh060 · PMID: 15841276
- Pastor K, Dolašević S, Nastić N. Authentication of Propolis: Integrating Chemical Profiling, Data Analysis and International Standardization – A Review. Foods. 2025;14(24):4259. DOI: 10.3390/foods14244259 · PMID: 41464966
- Park YK, Alencar SM, Aguiar CL. Botanical origin and chemical composition of Brazilian propolis. Journal of Agricultural and Food Chemistry. 2002;50(9):2502–2506. DOI: 10.1021/jf011432b · PMID: 11958612
- Popova M, Trusheva B, Cutajar S, Antonova D, Mifsud D, Farrugia C, Bankova V. Identification of the plant origin of the botanical biomarkers of Mediterranean type propolis. Natural Product Communications. 2012;7(5):569–570. DOI: 10.1177/1934578x1200700505 · PMID: 22799077
- Greenaway W, Scaysbrook T, Whatley FR. Composition of Propolis in Oxfordshire, U.K. and its Relation to Poplar Bud Exudate. Zeitschrift für Naturforschung C. 1988;43(3–4):301–304. DOI: 10.1515/znc-1988-3-423
- Münstedt K, Kalder M. Contact allergy to propolis in beekeepers. Allergologia et Immunopathologia. 2009;37(6):298–301. DOI: 10.1016/j.aller.2009.04.005
- GBIF Backbone Taxonomy: Apis mellifera Linnaeus, 1758 usageKey 1341976, Familie Apidae, abgerufen 2026.
- GBIF Backbone Taxonomy: Baccharis dracunculifolia DC. usageKey 3129176, Familie Asteraceae, abgerufen 2026.
- GBIF Backbone Taxonomy: Populus nigra L. usageKey 3040227, Familie Salicaceae, abgerufen 2026.
- GBIF Backbone Taxonomy: Populus tremula L. usageKey 3040249, Familie Salicaceae, abgerufen 2026.
- GBIF Backbone Taxonomy: Cupressus sempervirens L. usageKey 2684030, Familie Cupressaceae, abgerufen 2026.
- Verordnung des EDI über Lebensmittel tierischer Herkunft (VLtH), SR 817.022.108, 14. Kapitel, Art. 96, 99 und 102 – Honig, Gelée royale, Blütenpollen; kein Eintrag zu Propolis.
- Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel (VNem), SR 817.022.14, Anhang 1 – kein Eintrag zu Propolis.
- Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel (LIV), SR 817.022.16, Anhang 14 – keine zugelassene Angabe zu Propolis.
Redaktion Sanasis AG. Artnamen nach der GBIF Backbone Taxonomy, botanische Zuordnung und Handelsformen nach der zitierten Fachliteratur, rechtliche Einordnung nach VLtH, VNem und LIV im geprüften Wortlaut. Dieser Eintrag beschreibt ein Material und die Rechtslage; er ist keiner Ware zugeordnet und führt keine gesundheitsbezogene Angabe.