L-Valin: Struktur, Vorkommen und rechtliche Einordnung
L-Valin ist eine proteinogene Aminosäure, deren Seitenkette verzweigt ist. Zusammen mit L-Leucin und L-Isoleucin bildet sie die Gruppe der verzweigtkettigen Aminosäuren, im Fachschrifttum nach dem englischen branched-chain amino acids als BCAA abgekürzt. Valin gilt als essenziell: Der menschliche Organismus baut das Kohlenstoffgerüst nicht selbst auf, es stammt aus dem Nahrungseiweiss. In der Schweiz begrenzt Anhang 1 Teil B der Nahrungsergänzungsmittelverordnung die Menge auf 1600 Milligramm je Tagesdosis.1
Was die Seitenkette verzweigt macht
Jede Aminosäure ist nach demselben Grundmuster gebaut. An einem zentralen Kohlenstoffatom, dem Alpha-Kohlenstoff, hängen eine Aminogruppe, eine Carboxygruppe, ein Wasserstoffatom und ein Rest. Dieser Rest, die Seitenkette, unterscheidet die Aminosäuren voneinander.
Bei Valin besteht die Seitenkette aus drei Kohlenstoffatomen in Form einer Isopropylgruppe. Das erste Kohlenstoffatom der Kette trägt also zwei Methylgruppen nebeneinander, statt die Kette geradlinig fortzusetzen. Genau diese Gabelung meint das Wort «verzweigtkettig». Bei Leucin und Isoleucin sitzt die Verzweigung an einer anderen Stelle der etwas längeren Kette.
Die Summenformel lautet C5H11NO2, die molare Masse beträgt 117,15 Gramm je Mol. Der systematische Name ist (2S)-2-Amino-3-methylbutansäure; die Stoffdatenbank führt die Verbindung unter PubChem CID 6287.2 Das vorangestellte «L» bezeichnet die räumliche Anordnung am Alpha-Kohlenstoff. Nur diese Form kommt in natürlichen Eiweissen vor, und nur sie führt Anhang 2 der Nahrungsergänzungsmittelverordnung als zulässige Verbindung auf.1
Warum die drei als Gruppe geführt werden
Dass Leucin, Isoleucin und Valin fast immer gemeinsam genannt werden, hat einen chemischen und einen biochemischen Grund. Chemisch teilen sie dasselbe Bauprinzip: eine kurze, gegabelte Kohlenwasserstoffkette ohne weitere funktionelle Gruppen. Damit sind alle drei unpolar.
Biochemisch teilen sie ihren Herstellungsweg. Pflanzen, Pilze und Bakterien bauen die drei Aminosäuren über eine gemeinsame Abfolge von Enzymen auf, die bei der Acetohydroxysäure-Synthase beginnt. Menschen und Tiere besitzen diesen Weg nicht. Deshalb sind alle drei zugleich essenziell, und deshalb behandelt die Fachliteratur sie als Einheit. Auch die Verordnung folgt dieser Ordnung und listet sie im selben Abschnitt «Aminosäuren».
Vorkommen im Nahrungseiweiss
Valin ist Bestandteil praktisch jedes natürlichen Eiweisses. Sein Anteil schwankt je nach Eiweissquelle, liegt aber meist im Bereich weniger Prozent der Gesamtaminosäuren. Wer Eiweiss isst, nimmt Valin daher automatisch mit auf.
Als Quellen mit vergleichsweise hohem Valinanteil gelten unter anderem:
- Milcheiweisse, also Casein und die Molkenproteine
- Hühnerei
- Fleisch und Fisch
- Hülsenfrüchte wie Sojabohne, Erbse und Linse
- Getreidekeime und Nüsse
Bei der Verdauung wird das Eiweiss in seine Bausteine zerlegt. Ob Valin aus einem Konzentrat oder aus gewöhnlicher Nahrung stammt, macht chemisch keinen Unterschied — es ist in beiden Fällen dasselbe Molekül.
Gewinnung durch Fermentation
Freies L-Valin für technische Zwecke wird heute überwiegend fermentativ hergestellt. Dabei erzeugt ein Bakterium die Aminosäure aus Zucker. Als Arbeitspferd dient meist Corynebacterium glutamicum, ein Bodenbakterium, das seit Jahrzehnten in der Aminosäureproduktion eingesetzt wird. Yu und Mitarbeitende beschreiben 2021 in einer Übersichtsarbeit, wie der Stoffwechselweg dieses Bakteriums gezielt umgebaut wird, damit es die verzweigtkettigen Aminosäuren anhäuft statt sie weiterzuverarbeiten.3
Die Fermentation hat gegenüber der rein chemischen Synthese einen handfesten Vorteil. Eine chemische Synthese liefert beide Spiegelbildformen zu gleichen Teilen, die anschliessend getrennt werden müssen. Das Bakterium bildet dagegen von vornherein nur die L-Form. Nach der Gärung wird die Brühe von den Zellen befreit, das Valin über Ionenaustauscher abgetrennt, eingeengt und auskristallisiert.
Wie Valin gemessen wird
Für den Gehalt in einem Erzeugnis ist die Aminosäureanalyse das Standardverfahren. Gebundenes Eiweiss wird zunächst mit Salzsäure gekocht, bis es in freie Aminosäuren zerfällt. Anschliessend trennt eine Ionenaustauschchromatographie das Gemisch auf, und ein Farbreagenz macht die einzelnen Aminosäuren sichtbar.
Verbreitet ist ebenso die Flüssigchromatographie mit vorgeschalteter Markierung der Aminogruppe, oft gekoppelt mit einem Massenspektrometer. Ob wirklich die L-Form vorliegt, prüft eine Trennung an einer chiralen Säule. Diese Prüfung ist bei einem Handelsware-Eingang üblich, weil die Verordnung ausdrücklich die L-Form nennt.
Steckbrief
| Stoffgruppe | proteinogene Aminosäure, verzweigtkettig |
| Systematischer Name | (2S)-2-Amino-3-methylbutansäure |
| Summenformel | C5H11NO2, Stoffdatenbank PubChem CID 62872 |
| Molare Masse | 117,15 g/mol |
| Rechtliche Einstufung | sonstiger Stoff nach Anhang 1 Teil B VNem1 |
| Höchstmenge | 1600 mg je Tagesdosis |
| Nennschwelle | 240 mg je Tagesdosis, also 15 Prozent der Höchstmenge |
| Zugelassene Angabe | keine4 |
Was das Schweizer Recht vorgibt
Für Nahrungsergänzungsmittel gilt die Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel (SR 817.022.14). Sie führt L-Valin in Anhang 1 Teil B unter den sonstigen Stoffen mit Anwendungsbeschränkung und setzt die Höchstmenge auf 1600 Milligramm je empfohlener täglicher Verzehrsmenge. Anhang 2 nennt L-Valin zudem unter den zulässigen Verbindungen; die Anmerkung dort erlaubt daneben die Natrium-, Kalium-, Calcium- und Magnesiumsalze sowie das Hydrochlorid.1
Artikel 3 Absatz 4 Buchstabe b derselben Verordnung regelt, wann ein sonstiger Stoff überhaupt genannt werden darf. Verlangt sind mindestens 15 Prozent der Höchstmenge je Tagesdosis. Bei Valin sind das 240 Milligramm. Ein Erzeugnis mit weniger darf den Stoff nicht auf der Packung hervorheben.1
Anhang 14 der Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel (SR 817.022.16) zählt die gesundheitsbezogenen Angaben abschliessend auf, die verwendet werden dürfen. Für L-Valin enthält diese Liste keinen Eintrag.4 Diese Seite beschreibt den Stoff deshalb rein sachlich und trifft keine Aussage über eine Wirkung.
Häufige Fragen
Was macht Valin zu einer verzweigtkettigen Aminosäure?
Die Gabelung in der Seitenkette. Valin trägt am ersten Kohlenstoffatom der Seitenkette zwei Methylgruppen nebeneinander, die Kette läuft also nicht geradeaus weiter. Leucin und Isoleucin sind nach demselben Prinzip gebaut, nur sitzt die Gabelung dort weiter aussen.
Wie viel L-Valin darf ein Nahrungsergänzungsmittel höchstens enthalten?
1600 Milligramm je empfohlener täglicher Verzehrsmenge. Diese Höchstmenge steht in Anhang 1 Teil B der Nahrungsergänzungsmittelverordnung. Sie gilt für Erwachsene.
Ab welcher Menge darf L-Valin auf der Packung genannt werden?
Ab 240 Milligramm je Tagesdosis. Artikel 3 Absatz 4 Buchstabe b der Nahrungsergänzungsmittelverordnung verlangt bei sonstigen Stoffen mindestens 15 Prozent der Höchstmenge. Bei Vitaminen und Mineralstoffen gilt eine andere Bezugsgrösse, nämlich die Referenzmenge.
Was bedeutet das «L» in L-Valin?
Es bezeichnet die räumliche Anordnung der Gruppen am Alpha-Kohlenstoff. Aminosäuren gibt es in zwei spiegelbildlichen Formen. In natürlichen Eiweissen kommt nur die L-Form vor, und nur sie führt die Verordnung als zulässige Verbindung.
Gibt es für L-Valin eine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe?
Nein. Anhang 14 der Verordnung betreffend die Information über Lebensmittel enthält für L-Valin keinen Wortlaut. Damit darf zu diesem Stoff keine gesundheitsbezogene Angabe gemacht werden.4
Redaktionell verfasst und geprüft durch die Redaktion der Sanasis AG. Zuletzt geprüft am 13.08.2026.
Quellen
- Verordnung des EDI über Nahrungsergänzungsmittel, Artikel 3 Absatz 4 Buchstabe b, Anhang 1 Teil B und Anhang 2 — SR 817.022.14 ↩
- PubChem, Stoffdatensatz L-Valin — PubChem CID 6287 ↩
- Yu und Mitarbeitende (2021), Übersichtsarbeit zum Umbau des Stoffwechselwegs von Corynebacterium glutamicum — DOI 10.1186/s12934-021-01721-0, PMID 34952576 ↩
- Verordnung des EDI betreffend die Information über Lebensmittel, Anhang 14 — SR 817.022.16 ↩